Beschäftige des Universitätsklinikum Leipzig auf der Intensivstation am Bett eines Covid-Patienten. | dpa

Corona-Lage in Sachsen "Wie ein Flächenbrand"

Stand: 19.11.2021 13:23 Uhr

Die vierte Corona-Welle trifft den Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge in Sachsen besonders hart. Die Inzidenz liegt über 1000, die Intensivstationen sind ausgelastet. Droht diese Entwicklung bundesweit?

Von Kristin Kielon, MDR

Im Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge ist kein einziges Intensivbett mehr frei für Covid-Erkrankte. Die kleinen Kliniken sind bereits ausgelastet: Sie behandeln derzeit etwa 170 Covid-Patientinnen und -Patienten, knapp 50 davon auf der Intensivstation.

Die Beigeordnete für Gesundheit im Landkreis, Kati Kade, schildert die angespannte Situation: "Wir haben fast 1000 Fälle täglich neu zu verzeichnen im Moment und es ist nicht in Sicht, dass sich hier die Lage entspannt", sagt Kade. "Aus dem Grund ist auch die Situation in den Kliniken sehr angespannt."

Dennoch sei die Notfallversorgung noch nicht zusammengebrochen. Man arbeite intensiv daran, dass das auch nicht passiert. Auch der Rettungsdienst laufe noch normal. Doch da je nach Altersstruktur zwei bis fünf Prozent der Infizierten ins Krankenhaus müssten, ist bereits klar, dass künftig verstärkt Patientinnen und Patienten in weiter entfernte Kliniken verlegt werden müssen.

Modellierung prognostizierte Infektionsgeschehen

Den Forscher Markus Scholz von der Universität Leipzig überrascht die aktuelle Situation nicht. Seine Modelle zeigten schon im Juli einen starken Anstieg der Infektionen. "Wir haben ab Oktober mit sehr hohen Zahlen gerechnet und das ist genau so eingetreten", sagt er. "Die Zahlen sind sogar noch etwas schlechter als wir es erwartet hatten." Grund dafür sei die Impfquote von nur 52 Prozent im Landkreis, so Scholz.

Bei hohen Infektionszahlen sind auch Schulen und Altenheime vermehrt betroffen, warnen Fachleute. Und das ist im Landkreis gut sichtbar: Allein 20 vollstationäre Pflegeeinrichtungen sowie zahlreiche Schulen und Kitas verzeichnen Infektionsfälle. Das hat wiederum Auswirkungen auf die Kliniken, erklärte zuletzt Steffen Schön, der ärztliche Direktor im Helios Klinikum Pirna, in einer Expertenrunde mit der Landesregierung. "Was uns ein Problem macht, sind Quarantäneregelungen, die das Pflegepersonal mit betrifft, wenn Schulen zumachen, wenn Kindertagesstätten zumachen", sagte er. "Krankenschwestern und Krankenpfleger auf der Intensivstation bleiben zu Hause, weil die Schule, die Kita zumacht und wir haben das Problem in der Patientenversorgung."

Außerdem mahnte Schön an, schnell eine Logistik für vermehrte Todesfälle aufzubauen. Noch seien diese zwar nicht zu verzeichnen, hieß vom zuständigen Landesamt. Covid-Forscher Scholz von der Universität Leipzig rechnet jedoch fest mit mehr Todesfällen als normalerweise. Belegen lasse sich das immer erst im Nachhinein.

"Nur ein Zeitvorsprung vor den anderen Bundesländern"

Die dramatische Entwicklung im Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge ist bald nicht mehr nur ein regionales Problem. "Ich rechne damit, dass das also auch die anderen Bundesländer betrifft, weil wir zum Beispiel auch diese Impf-Effekte, die wir jetzt gesehen haben, - also auch Kreise, die besser durchimpft sind als andere - die gleiche Entwicklung zeigen", sagt Scholz. "Ich rechne damit, dass Sachsen hier nur einen gewissen Zeitvorsprung hat vor den anderen Bundesländern."

Das sieht auch Infektiologe Christoph Lübbert von Klinikum St. Georg in Leipzig ähnlich. Er sagt, dass die Krankenhaus-Kapazitäten endlich sind. Auch Kliniken in Gebieten mit geringen Zahlen könnten nicht endlos aushelfen. Regionen, die nicht so hohe Inzidenzen haben, hielten länger durch, sagt Lübbert. "Aber es ist wie so ein Flächenbrand. Wenn den nicht irgendwo jemand stoppt, dann breitet der sich langsam aber kontinuierlich in jeden Winkel des Landes aus."

Noch sei die Notfallversorgung auch in Sachsen gesichert. Doch Lübbert ergänzt: Alle Kliniken bereiteten derzeit Triage-ähnliche Szenarien vor. Dort, wo die Überlastung massiv sei, könnte das in zwei bis drei Wochen notwendig werden.

Über dieses Thema berichtete MDR Aktuell am 19. November 2021 um 13:12 Uhr.