Habib Hamdani | Emil Mura
Reportage

Modellprojekt im Saarland Corona-Lockerungen auf Widerruf

Stand: 04.04.2021 10:48 Uhr

Restaurants, Kneipen, Kinos und Fitnessstudios dürfen im Saarland ab Dienstag öffnen. Doch die Begeisterung bei Besitzern und Veranstaltern hält sich in Grenzen. Sie fürchten eine schnelle Rücknahme der Lockerungen.

Von Emil Mura, Saarländischer Rundfunk

In der Szenekneipe "Synop" in Saarbrücken sieht es aus wie auf einer Baustelle. Auf dem Tresen direkt gegenüber dem Eingang stapeln sich Dachlatten, eingerollt in Plastikfolie. Rechts neben den Zapfhähnen stehen normalerweise ein Cocktailmixer und ein Behälter mit Eiswürfeln. Dort warten nun ein Akkuschrauber und eine angebrochene Schachtel Holzschrauben auf ihren Einsatz.

Habib Hamdani, der Betriebsleiter der Kneipe, hatte den Lockdown genutzt, um zu renovieren. Jetzt muss er schnellstmöglich den Außenbereich des Ladens wetterfest machen. Den hatte er für die Öffnungen im Herbst bereits aufgewertet. Ab Dienstag darf er dort unter Auflagen wieder Gäste bewirten.

Für Hamdani kam die Möglichkeit zu öffnen völlig überraschend - wurde doch gerade erst über eine bundesweite Osterruhe gesprochen.

In ganz Deutschland steigen die Infektionszahlen, auch hier im Saarland, und jetzt Öffnungen? Damit habe ich überhaupt nicht gerechnet.

Keine Cocktails mit Obst - zu verderblich

Was Habib mit Sorge erfüllt, ist die Frage, ob er überhaupt öffnen soll. Denn im Saarland liegen die Inzidenzwerte an Ostern um 90. Im französischen Nachbardepartement Moselle, das vom Robert Koch-Institut als Virusvariantengebiet eingestuft ist, um 300.

Steigen die Inzidenzen im Saarland weiter, können die Lockerungen jederzeit zurückgenommen werden. Deswegen hat Habib nur wenige Kästen Bier, Limo und Sprudel geordert, alles lange haltbar. Bunte Cocktails mit frischem Obst, die Spezialität des Hauses, will er gar nicht erst anbieten. Es gibt einen weiteren Grund, warum er vorsichtig ist mit großen Bestellungen: das unvorhersehbare Wetter im April. Immerhin, Habib hat den Vorteil, dass er überhaupt eine geeignete Außenfläche hat.

Und was, wenn es aufs Steak regnet?

Vielen anderen Gastwirten fehlt ein solcher Bereich. Sandra und Christoph Fries sind ein Beispiel. Sie betreiben in dem 5000-Einwohner-Ort Wemmetsweiler ein Gasthaus mit mehr als 100-jähriger Geschichte. Für die beiden war schon vor Ostern klar, dass sie ihr Gasthaus geschlossen lassen.

Auf ihrer kleinen Terrasse erklärt Sandra Fries warum. "Wir haben hier draußen kein Dach und da hinten fließt ein kleiner Bach. Deswegen ist es hier sowieso schnell kühl und feucht, im April geht das gar nicht." Ihr Ehemann Christoph pflichtet ihr bei: "Was soll ich den Leuten denn sagen, wenn es anfängt zu regnen? Soll ich sie dann mit dem halben Steak auf dem Teller nach Hause schicken oder sagen, tut mir leid, aber essen Sie im Nassen weiter?"

Sandra und Cristoph Fries sitzen mit einem Skelett am Tresen. | Emil Mura

Ein Skelett als Dekoration: Sandra und Cristoph Fries am Tresen ihres Gasthauses in Wemmetsweiler. Bild: Emil Mura

Kontrollen schwer durchzuführen

Genau aus diesem Grund wissen Sandra und Christoph auch nicht, ob überhaupt Gäste kämen, wenn sie öffnen würden. Nach fast sechs Monaten ohne Einnahmen können sie es sich nicht leisten, auf gut Glück einzukaufen - und unter Umständen nach drei Tagen alle Lebensmittel in den Müll zu werfen.

Die Frage ob das Saarland-Modell Vorbild für ganz Deutschland sein könnte, quittieren sie mit einem lauten Lachen. Auch dass Gästegruppen ab fünf Personen einen negativen Test vorlegen sollen, stellt sie vor Probleme. "Dann treffen die Gäste Bekannte, stellen sich mal kurz zu ihnen an den Tresen. Wie sollen wir das denn kontrollieren, wer da aus welchem Haushalt kommt und einen Test braucht oder nicht?"

"Beruhigungspille für die Gastronomen"

Sandra und Christoph Fries sind richtig sauer über die Regelungen und halten sie für reine Symbolpolitik. Die Möglichkeit, unter diesen Umständen zu öffnen, sei nichts anderes als eine Beruhigungspille für die Gastronomen.

Uns wird jetzt so ein Brocken hingeworfen, damit es heißt, ihr dürft ja, aber von diesem Brocken können wir nicht leben.

Sandra und Christoph Fries sind mit ihrer Meinung nicht alleine. Nach einer Umfrage des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes Dehoga haben nur 30 Prozent der Gastwirte im Saarland überhaupt mit dem Gedanken gespielt zu öffnen. Alle anderen waren sich gleich sicher, aus den genannten Gründen geschlossen zu lassen. Zwar wünschen sich alle Öffnungsperspektiven - aber es scheint, als sei das Saarlandmodell nicht das, was die Gastronomen brauchen.

Kinobetreibern fehlen die Filme

Auch bei den meisten Kinobesitzern kommen die Lockerungen nicht gut an. Robert Haas und seine Schwester Claudia Ziegler machen einen Rundgang durch ihre Vorführräume. Vor mehr als fünf Monaten sind hier das letzte Mal Bilder über die Leinwand gelaufen. Vorbereitungen für Dienstag treffen sie keine. Aus einem ganz einfachen Grund: Sie lassen ihr Kino geschlossen.

Claudia Ziegler und Robert Haas | Emil Mura

Die Leinwand bleibt dunkel im Kino von Claudia Ziegler und Robert Haas. Bild: Emil Mura

"Auch was unsere Branche angeht, sind die Öffnungen nicht zu Ende gedacht", sagt Robert Haas und schaut auf die dunkle Leinwand. Erstens sei es ein wirtschaftliches Risiko, ohne Getränke- und Snackverkauf zu öffnen. Der bleibt nämlich untersagt. Der Hauptgrund ist aber ein anderer:

Wir haben leider überhaupt keine neuen Filme, die wir zeigen könnten. Die Verleihfirmen schicken uns nichts. Ist ja auch klar. Die warten mit ihren Neuheiten, bis alle wieder aufmachen. Die machen ja für das kleine Saarland jetzt keine Ausnahme.

Den meisten Kinobetreibern bringen die derzeitigen Öffnungsmöglichkeiten also nichts.

Infektionszahlen bestimmen, was möglich ist

Das Staatstheater dagegen bietet Vorführungen an. Auch einige Fitnessstudios werden öffnen. Die Kette McFit hat am Dienstag um 00:00 Uhr ihre Filialen im Saarland geöffnet. Kleinere Studios dagegen wollen erst einmal abwarten.

Die Aufmerksamkeit liegt nun auf dem Infektionsgeschehen und der Auslastung der Intensivstationen. Davon ist nämlich abhängig, ob die Lockerungen zurückgenommen werden.

Für einen harten Lockdown

Auf die Zahlen schaut jetzt auch Habib aus dem "Synop". Er hätte wie viele andere seiner Gastro-Kollegen in der aktuellen Situation einen kurzen harten Lockdown sinnvoller gefunden, um die Infektionszahlen zu drücken und danach richtig zu öffnen.

Für jedes Wetter ist er jetzt immerhin gerüstet. Die etwa zehn kleinen Tische im Hinterhof sind mit Holzwänden umstellt. Offene Winkel hat Habib mit der Folie und den Dachlatten abgedichtet, die auf dem Tresen lagen. Jetzt kann der Wind keinen Regen mehr hereintragen. Alle paar Meter sind Fenster angedeutet. Hinter ihnen blühen Frühlingssträucher, die abends beleuchtet werden. Von dem provisorischen Blechdach hängen rote und weiße Lampions herab. Es sieht einladend aus. Ob aber tatsächlich auch Gäste kommen, wird sich zeigen.  

Über dieses Thema berichtete SR 3 Saarlandwelle am 23. März 2021 um 16:04 Uhr in der "Region am Nachmittag".

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