Eine Frau lässt sich in einer Praxis einer Hausärztin den Comirnaty-Impfstoff des Herstellers BioNTech/Pfizer injizieren. | dpa

Forderung der Kassenärzte Ende der Einschränkungen für Geimpfte?

Stand: 05.07.2021 08:35 Uhr

Die Politik sorgt sich um den Impffortschritt in Deutschland. Am Wochenende wurden deshalb Bußen für Terminschwänzer ins Gespräch gebracht. Kassenärzte-Chef Gassen setzt dagegen auf positive Anreize.

Fast sieben Monate nach dem Beginn der Corona-Schutzimpfungen in Deutschland wächst die Sorge über die hoch ansteckende Delta-Variante - und über eine nachlassende Impfbereitschaft in der Bevölkerung.

Der Vorstandsvorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, Andreas Gassen, forderte deshalb das Ende aller Corona-Maßnahmen für vollständig Geimpfte. "Spätestens September wird für jeden Impf-Willigen ein Impfangebot verfügbar sein, dann müssen eigentlich nahezu alle Corona-Maßnahmen weg", sagte er der "Bild". "Jeder kann dann immer noch individuell entscheiden, ob er oder sie weiter Maske tragen will - Pflicht sollte es dann aber nicht mehr sein."

Der Wegfall der Maßnahmen sei wichtig, um die Impfmoral hochzuhalten. "Mancher wird sich sonst fragen: Warum sollte ich mich impfen lassen, vielleicht zwei Tage Kopfweh oder andere Impfnebenwirkungen in Kauf nehmen und etwas für die Herdenimmunität tun, wenn ich weiterhin Maske tragen muss, nur weil sich 20 bis 30 Prozent der Leute weigern."

Laut Bundesgesundheitsministerium sind derzeit 37,9 Prozent der deutschen Bevölkerung vollständig gegen das Coronavirus geimpft. Mindestens eine Impfdosis erhalten haben 55,6 Prozent.

Am Wochenende hatte die Debatte über Sanktionen oder Anreize für Impfunwillige an Fahrt aufgenommen. Auslöser war die Forderung des Präsidenten des Berliner Roten Kreuzes, Mario Czaja, eine "Impfterminschwänzer-Abgabe" in Höhe von 25 bis 30 Euro einzuführen.

Im ARD-Morgenmagazin sprach sich der parlamentarische Geschäftsführer der FDP-Bundestagsfraktion, Marco Buschmann, gegen mögliche Bußen für Personen aus, die einen Impftermin nicht wahrnehmen. "Eine Strafe ist das Falsche. Es handelt sich um einen medizinischen Eingriff. Wir brauchen ja die Einwilligung der Menschen. Und wenn ich die Menschen jetzt einem Strafrisiko aussetze, wenn die sich anmelden, dann sorge ich möglicherweise dafür, dass sich weniger Menschen anmelden. Und das ist das Gegenteil von dem, was wir wollen. Wir brauchen ja möglichst viele geimpfte Menschen."

Inzidenz ist niedrig, doch Trendwende deutet sich an

Das Robert Koch-Institut meldete am Morgen 212 Corona-Neuinfektionen binnen eines Tages. Vor einer Woche hatte der Wert bei 219 Ansteckungen gelegen. Die Sieben-Tage-Inzidenz bleibt unverändert bei 5,0. Zwar ist die Inzidenz seit April stetig gesunken, zuletzt deutete sich aber eine mögliche Trendwende an, vor der Pandemie-Experten wegen der zunehmenden Verbreitung der besonders ansteckenden Delta-Variante schon seit längerem warnen.

Auch deshalb forderte die SPD-Chefin Saskia Esken die Ständige Impfkommission STIKO auf, ihre Haltung zur Corona-Impfung von Jugendlichen zu überdenken. "Wir brauchen dringend einen Impfstoff für Kinder, und ich hoffe auch, dass die STIKO ihre eingeschränkte Impf-Empfehlung für Jugendliche bald überdenkt", sagte sie der "Rheinischen Post".

"Einer Generation ihre Freiheiten zurückgeben"

Am Wochenende hatte bereits Bayerns Ministerpräsident Markus Söder an die STIKO appelliert, dringend zu überlegen, wann sie das Impfen von Jugendlichen empfehle. Das wirksamste Mittel gegen die Delta-Variante sei die Schülerimpfung. Gerade in den jüngeren Altersgruppen seien die Inzidenzzahlen am höchsten, so der CSU-Chef. Mit der Impfung von Jugendlichen erhöhe man nicht nur den Schutz für alle, sondern gebe einer Generation, die auf vieles verzichten musste, wieder mehr Freiheiten zurück, sagte Söder.

Die STIKO hat bisher keine generelle Impfempfehlung für Kinder und Jugendliche ab zwölf Jahren ausgesprochen. Sie empfiehlt Impfungen nur für 12- bis 17-Jährige mit bestimmten Vorerkrankungen wie Adipositas, Diabetes und chronischen Lungenerkrankungen. Das Gremium begründete seine Empfehlung unter anderem damit, dass das Risiko einer schweren Covid-19-Erkrankung für diese Altersgruppe gering sei.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 05. Juli 2021 um 09:00 Uhr.