Eine Krankenpflegerin, steht mit einer Infusion auf der Corona-Intensivstation im Universitätsklinikum Carl Gustav Carus Dresden. | Bildquelle: dpa

Corona-Krise in Deutschland R-Wert steigt weiter

Stand: 10.05.2020 20:12 Uhr

Zum zweiten Mal in Folge hat die Reproduktionszahl eine kritische Grenze überschritten. Das RKI schätzt den R-Wert derzeit auf 1,13. Doch wie erklären Forscher diesen Anstieg und welche Schlüsse leiten sie ab?

Die Virus-Ansteckungsrate in Deutschland ist nach Angaben des Robert Koch-Instituts (RKI) den zweiten Tag in Folge wieder über den kritischen Wert von eins angestiegen. Das RKI teilte in seinem aktuellen Lagebericht mit, die Reproduktionsrate (R) werde aktuell auf 1,13 geschätzt. Am Samstag betrug der R-Wert noch nach 1,1. Jeder Infizierte steckt damit statistisch mehr als eine weitere Person an. Die Fallzahlen würden damit wieder steigen. Das RKI hat immer wieder betont, um die Epidemie abflauen zu lassen, müsse die Reproduktionszahl unter 1,0 liegen.

Anfang Mai hatte der Wert nach RKI-Angaben über mehrere Tage zwischen 0,7 und 0,8 gelegen. Am Mittwoch gab das RKI den Wert noch mit 0,65 an (Datenstand 6. Mai, 0.00 Uhr), seitdem stieg er kontinuierlich an.

R-Wert gibt nicht aktuelle Situation wieder

Die Angabe, dass ein Infizierter im Schnitt 1,13 weitere Menschen ansteckt, bildet allerdings nicht die momentane Situation ab. Aus methodischen Gründen bezieht sich der Wert auf Infektionen, die schon vor einer gewissen Zeit stattfanden. Mögliche Effekte beim Infektionsgeschehen, die auf am Mittwoch von Bund und Ländern beschlossenen Lockerungen der Beschränkungen zurückzuführen sind, kann man daran also nicht ablesen.

Bei der Interpretation müsse berücksichtigt werden, dass die Schätzung wie üblich mit Unsicherheit verbunden sei, erklärt das RKI. Es könne somit weiterhin noch nicht bewertet werden, ob sich der während der letzten Wochen sinkende Trend der Neuinfektionen weiter fortsetze oder es zu einem Wiederanstieg komme. Der R-Anstieg mache es erforderlich, die Entwicklung in den nächsten Tagen sehr aufmerksam zu beobachten.

Neuinfektionen rückläufig

Die Reproduktionszahl könne nicht alleine als "Maß für Wirksamkeit oder Notwendigkeit von Maßnahmen" herangezogen werden, schreibt das RKI weiter. Wichtig seien außerdem die absolute Zahl der täglichen Neuinfektionen und die Schwere der Erkrankungen. Die absolute Zahl der Neuinfektionen müsse klein genug sein, um eine effektive Nachverfolgung von Kontaktpersonen zu ermöglichen und die Kapazitäten von Intensivbetten nicht zu überlasten. Die Zahl der gemeldeten Neuinfektionen pro Tag ist seit Anfang April mit Schwankungen rückläufig.

Experten empfehlen längere Beobachtung

Auch Dirk Brockmann, Experte für Modellierungen von Infektionskrankheiten an der Humboldt-Universität in Berlin, betont, dass der R-Wert nur eine grobe Schätzung und von vielen Faktoren abhängig sei. Aus dem Anstieg ließe sich eine Hypothese ableiten.

Brockmann geht davon aus, dass sich darin widerspiegelt, dass die Menschen bereits vor den am Mittwoch beschlossenen Lockerungen langsam zur Normalität zurückgekehrt seien. Man treffe sich wieder etwas mehr und sei generell mehr unterwegs. Das führe zu mehr Ansteckungen, so seine These. Generell müsse die Entwicklung des Infektionsgeschehens über einen längeren Zeitraum beobachtet werden. Im Großen und Ganzen pendele der R-Wert immer noch um eins herum, so Brockmann.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 10. Mai 2020 um 20:00 Uhr.

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