In Schwerin treffen sich Teilnehmer einer Demonstration gegen die Corona-Beschränkungen.  | dpa

Polarisierung der Gesellschaft Die Fronten sind verhärtet

Stand: 30.01.2021 17:22 Uhr

Die "Querdenker"-Initiative und andere Corona-"Skeptiker" sind Beleg: Die Pandemie hat die Polarisierung der Gesellschaft verschärft. Experten raten: Reden und Zuhören. Doch das hilft offenbar nicht immer.

Von Kristin Joachim, ARD-Hauptstadtstudio

Angela Merkel hatte zu Beginn ihrer jetzigen und auch letzten Amtszeit als Bundeskanzlerin einen Wunsch. Sie möchte, so sagte sie in ihrer Regierungserklärung am 21. März 2018, dass am Ende dieser Legislaturperiode folgende Bilanz gezogen werden soll: "Unsere Gesellschaft ist menschlicher geworden, Spaltungen und Polarisierung konnten verringert, vielleicht sogar überwunden werden, und Zusammenhalt ist neu gewachsen." Knapp drei Jahre später und acht Monate vor Ende der Legislatur scheint dieser Wunsch in weiter Ferne.

Kristin Joachim ARD-Hauptstadtstudio

Die Polarisierung ist weiter sichtbar - auf Demonstrationen, in sozialen Medien und Parlamenten. Seit Corona fordern die einen mehr Schutz, die anderen gehen gegen Masken und Lockdown auf die Straße. Die Fronten sind verhärtet. Seit den "Black lives matter"-Demonstrationen in den USA sind auch hier in Deutschland die Stimmen, die einen strukturellen Rassismus beklagen, lauter geworden. Die Auseinandersetzungen im Netz sind geprägt von Hass und Hetze. Die einen werden als Nazis beschimpft, die anderen als "links-grün-versifft". Die Pandemie scheint den Boden für Verschwörungstheorien noch fruchtbarer zu machen. Vor allem die "Querdenker" geben sich teilweise aggressiv gegenüber Politikerinnen und Politiker und gegen die Medien.

Corona als Verstärker

Der Politikwissenschaftler Thomas Saalfeld von der Universität Bamberg sieht eine zunehmende Polarisierung der Gesellschaft - nicht nur in Deutschland. Das Phänomen sei in den meisten demokratischen Industriegesellschaften zu beobachten, so Saalfeld. "In der Forschung haben wir festgestellt, dass es dafür tiefergreifende und allgemein gesellschaftliche Ursachen gibt: zunehmende Ungleichheit zwischen den Einkommen, zwischen beruflicher Sicherheit und prekärer Beschäftigung, zwischen Stadt und Land." Faktoren, die durch Corona verstärkt werden.

Die Maßnahmen zur Einschränkung der Pandemie treffen vor allem diejenigen besonders hart, die schon vorher finanziell schlecht dastanden. Trotz aller Überbrückungshilfen - die Schere zwischen der armen und der reichen Bevölkerungsschicht ist seit Beginn der Pandemie größer geworden. Das belegen zahlreiche Studien. Es ist ein Nährboden für Rechtspopulisten.

Die Zufriedenheit mit der Bundesregierung in Sachen Corona scheint in der Bevölkerung angeknackst zu sein. Der aktuelle ARD-DeutschlandTrend zeigt: Waren am Jahresende 2020 noch 57 Prozent der Befragten mit dem Krisenmanagement von Bund und Ländern zufrieden, sind es jetzt nur noch 46 Prozent.

Weniger populistisch eingestellt - dafür radikaler?

Das heißt aber noch lange nicht, dass der unzufriedene Teil der Bevölkerung automatisch anfällig für populistische Einstellungen ist. Nach einer repräsentativen Umfrage für das "Populismusbarometer 2020" der Bertelsmann-Stiftung und dem Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung gilt nur noch jeder Fünfte Wahlberechtigte als populistisch eingestellt - zwei Jahre zuvor war es noch jeder Dritte.

Gleichzeitig sehen die Forscher die Gefahr, dass die in die Defensive geratenen verbliebenen Populisten sich stärker radikalisieren könnten. Reden, Zuhören, wieder lernen, sich richtig zu streiten, das sei das Gebot der Stunde, um die Spaltung zu überwinden, so heißt es immer wieder.

Zum Beispiel von Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer. Es gehe darum, zu reden und die Menschen nicht in eine Ecke zu stellen, wo sie nicht hingehörten. Die Spaltung und Polarisierung der Gesellschaft dürfe nicht weiter vorangetrieben werden. Doch als vor wenigen Wochen zirka 30 Menschen vor seinem Privatgrundstück im Landkreis Görlitz ein Streitgespräch suchten und eine Teilnehmerin ein Halstuch in den Farben der Reichskriegsflagge über ihren Mund zog, brach Kretschmer das Gespräch ab. Es sei ihm wichtig, Dinge zu erklären, sagte er. Er hoffe, dass er mit Fakten überzeugen könne. Er wisse aber auch, "dass es Menschen gibt, die man nicht erreichen kann".

Über dieses Thema berichtete SR 2 Kulturradio am 06. Januar 2021 um 08:45 Uhr.