Pflegerin Janina Pawelec | Bildquelle: David Zajonz

Coronavirus Polnische Pflegerinnen bleiben zu Hause

Stand: 24.03.2020 16:49 Uhr

Osteuropäische Pflegekräfte kümmern sich um Hunderttausende ältere Menschen in Deutschland. Wegen des Coronavirus droht nun eine Versorgungslücke - denn viele von ihnen wollen nicht mehr kommen.

Von David Zajonz, WDR

Eigentlich sollte Ewa Sempławska bald nach Köln kommen. Als häusliche Pflegekraft fährt sie immer wieder nach Deutschland, um dort ältere Menschen in deren eigener Wohnung zu betreuen. Diesmal hat sie sich aber dazu entschieden, zu Hause in Polen zu bleiben.

Wegen des Coronavirus wurde ihr Flug abgesagt. Hinzu kommt die Sorge vor einer Ansteckung: "Ich habe Angst vor dem Kontakt mit anderen Menschen auf der Fahrt", erklärt Sempławska, "meine Familie will absolut nicht, dass ich fahre, weil sie Angst um mich hat." In Deutschland wird Sempławska deshalb vorerst als Pflegekraft fehlen.

Pflegerin Ewa Semplawska | Bildquelle: David Zajonz
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Pflegerin Ewa Semplawska will vorerst in Polen bleiben.

Versorgungslücke droht

Nach Expertenschätzungen arbeiten in bis zu 300.000 deutschen Haushalten häusliche Pflegekräfte aus osteuropäischen Ländern. Sie wohnen mit den pflegebedürftigen Senioren zusammen, kochen für sie und erledigen andere Haushaltsarbeiten. Viele von ihnen machen sich jetzt Sorgen und wollen nicht mehr nach Deutschland kommen.

Pflegeforscher Michael Isfort vom Deutschen Institut für angewandte Pflegeforschung Screenshot: Report Mainz
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Stationäre Altenheime werden die große Zahl an Personen nicht aufnehmen können, sagt Isfort.

Wenn die Zahl der polnischen Pflegerinnen stark zurückgeht, dann droht eine riesige Versorgungslücke. Michael Isfort vom Deutschen Institut für angewandte Pflegeforschung warnt deshalb: "Die Coronakrise wird zunehmend zu einer Pflegekrise werden". Stationäre Altenheime werden die große Zahl an Personen nicht aufnehmen können, sagt Isfort.

Zitterpartie für Angehörige

Ute Kuhlen aus Düren hat diese Notlage bereits zu spüren bekommen. Die polnische Pflegekraft ihrer kranken Mutter fährt bald nach Hause zurück. Die Suche nach einer Nachfolgerin wurde zur Zitterpartie. "Das war einfach nur schrecklich", schildert Ute Kuhlen, "es war emotional extrem belastend. Man hängt wirklich in der Luft."

Kuhlen arbeitet in Vollzeit und kann ihre Mutter deshalb nicht selbst pflegen. Im letzten Moment hat die Vermittlungsagentur doch noch eine Pflegekraft aus Polen gefunden, die nach Düren kommt. Ob später wiederum für sie eine Nachfolgerin gefunden wird, ist ungewiss.

"Dann bleibe ich lieber zu Hause"

Janina Pawelec, die Ute Kuhlens Mutter in den letzten Wochen gepflegt hat, hat ihre Entscheidung schon getroffen. Sie will wegen der Corona-Pandemie vorerst nicht mehr kommen: "Wenn sich die Situation verbessert, dann komme ich zurück. Aber wenn es so bleibt wie jetzt, dann bleibe ich lieber zu Hause in Polen."

Pflegerin Janina Pawelec | Bildquelle: David Zajonz
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Auch Pflegerin Janina Pawelec (rechts) tritt die Rückreise an.

Ihr steht eine anstrengende Rückreise bevor. Normalerweise dauert die Fahrt mit Reisebussen für sie 20 Stunden. Derzeit muss sie wegen der Kontrollen zusätzlich mit stundenlanger Wartezeit an der deutsch-polnischen Grenze rechnen. Danach muss sie in Polen für 14 Tage in Quarantäne. Diese Reisestrapazen machen deutlich, warum viele Polinnen gerade lieber auf die vergleichsweise gut bezahlte Arbeit in Deutschland verzichten.

Viele deutsche Familien sind auf die häusliche Pflege aus dem Ausland angewiesen. Jetzt, wo es in Europa wieder Grenzen gibt, ist diese Art der Pflege gefährdet. Es droht der Kollaps.

Über dieses Thema berichtete MDR aktuell am 24. März 2020 um 10:12 Uhr.

Korrespondent

David Zajonz | Bildquelle: Jens Jeske/www.jens-jeske.de Logo WDR

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