Eine Pflegerin (l) und eine Bewohnerin eines Pflegeheims (Archiv) | Bildquelle: dpa

Besuchsverbot in Heimen "Man kann Patienten nicht wegsperren"

Stand: 24.10.2020 20:23 Uhr

Die Infektionszahlen steigen wieder in Deutschland. Krankenhäuser und Pflegeheime reagieren wie im Frühjahr mit Besuchsverboten. Patientenschützer kritisieren dieses Vorgehen scharf. Sie fürchten rechtsfreie Räume.

Von Ariane Reimers, ARD-Hauptstadtstudio

Hinter den Türen der Pflegeheime spielten sich während der ersten Welle der Pandemie im Frühjahr emotionale Dramen ab. Männer durften ihre Frauen nicht mehr besuchen, Kinder nicht ihre Eltern. Furchtbar für Angehörige wie Bewohner.

Besonders demenzerkrankte Patienten litten unter der Situation. Sie verstanden schlichtweg nicht, warum plötzlich niemand mehr kommen konnte. Und in den Einrichtungen, die direkt von Corona betroffen waren, durften einige Angehörige nicht einmal von Sterbenden Abschied nehmen.

20 Schnelltests pro Bewohner

Die Einrichtungen selbst waren überwältigt von der Situation. Denn über allem stand die Aufgabe, Leben zu retten und Bewohner und Bewohnerinnen wie auch das Pflegepersonal vor dem neuen Virus zu schützen. Denn schnell war klar, wie gefährlich Corona vor allem für Lebensältere sein kann. Trotzdem waren sich alle Seiten weitgehend einig darin, dass sich die Isolierung vor allem in den Pflegeheimen nicht wiederholen darf.

Ein halbes Jahr später steigen die Infektionszahlen in Deutschland wieder stark an. Im Gegensatz zur ersten Welle gibt es jetzt genügend Schutzkleidung und Desinfektionsmittel. Für jeden Bewohner eines Pflegeheimes sollen pro Monat bis zu 20 Schnelltests zur Verfügung gestellt werden, um mögliche Besucher zu testen.

Kliniken schließen für Besucher

Trotzdem erlassen mehr und mehr Pflegeheime und Krankenhäuser wieder Besuchsverbote. In Chemnitz etwa gilt es seit Dienstag, im Landkreis Mecklenburgische Seenplatte haben seit Mittwoch alle acht Kliniken ihre Tore für Besucher geschlossen, in Berlin die Krankenhäuser der Vivantes-Gruppe. Entweder, weil es in der Einrichtung einen Ausbruch gibt, oder der Träger hat sich für die Einschränkung entschieden.

Eugen Brysch von der Deutschen Stiftung Patientenschutz kritisiert dieses Vorgehen scharf. Da würden rechtsfreie Räume geschaffen: "Ein Patient hat alle Freiheitsrechte, man kann ihn nicht einschließen, man kann ihn nicht wegsperren." Deswegen sei es sehr interessant, dass in Eilanträgen Gerichte diese Maßnahmen beanstandeten. Brysch fordert, dass in jedem Fall die zuständigen Behörden zustimmen müssen, wenn Einrichtungen Betreuungsverbote erlassen.

Pandemie verschärft Personalnot

Auch der Pflegebevollmächtigte der Bundesregierung, Andreas Westerfellhaus, ist nicht zufrieden mit der derzeitigen Situation. Er bemängelt, dass es in Deutschland keine einheitlichen Regeln gibt, dass nicht klar ist, warum eine Einrichtung Besuche zulässt, die andere nicht. Deswegen arbeitet Westerfellhaus gerade an einer Handlungsempfehlung für Besuchskonzepte.

Daran sollen sich alle orientieren können: Angehörige, Bewohner, die Betreiber der Einrichtungen und die Behörden. Er setzt auf Transparenz, etwa wenn es um Weihnachten geht. Da könne man Besucher beispielsweise auf mehrere Tage verteilen und das rechtzeitig kommunizieren: "Wenn ich jemanden erkläre, es geht nicht an Heiligabend, weil nicht alle Angehörigen an einem Tag kommen können, aber dafür am 1. oder 2. Weihnachtstag. Das ist die Transparenz, mit der ich auch Hoffnung gebe."

Das beste Besuchskonzept nutzt aber nichts, wenn es in den Einrichtungen nicht genügend Personal gibt. Die Pandemie zeigt einmal mehr, dass Pflegerinnen und Pfleger schon lange weit über der Belastungsgrenze arbeiten. Und Corona bedeutet zusätzliche Arbeit: Hygienevorschriften, Schnelltests, Besuchermanagement. Wer soll das machen, wenn schon für die Kernaufgaben Personal knapp ist. Wenn am Ende Besuch gegen Pflege steht, dann muss sich jede Einrichtung für letzteres entscheiden.

Die Verantwortung wiegt schwer

Jedes Besuchsverbot richtet Schaden an, das ist das Resümee aus der ersten Welle der Pandemie, aber jeder nicht gut vorbereitete Besuch ist auch ein potentielles Infektionsrisiko. Die Verantwortung wiegt schwer, hier die richtige Entscheidung zu treffen. Wenn jeder einzelne Träger selbst entscheiden muss, ist die Gefahr groß, dass eher restriktivere Maßnahmen beschlossen werden. Denn einen Corona-Ausbruch im Pflegeheim oder Krankenhaus kann und will niemand verantworten.

Über dieses Thema berichtet das Erste im Bericht aus Berlin am 25. Oktober 2020 um 18.05 Uhr

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 12. Oktober 2020 um 23:15 Uhr.

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