Gesundheitsminister Lauterbach, RKI-Chef Wieler und der Virologe Drosten auf einer Pressekonferenz | REUTERS

Lauterbach, Wieler und Drosten Warnung vor zu früher Durchseuchung

Stand: 14.01.2022 14:55 Uhr

Angesichts häufig milderer Krankheitsverläufe bei der Omikron-Variante warnt Gesundheitsminister Lauterbach vor einer zu frühen Durchseuchung der Bevölkerung. Bei den PCR-Tests soll medizinisches Personal künftig Vorrang haben.

Die Corona-Neuinfektionen in den vergangenen Tagen erreichten immer neue Höchstwerte. Angesichts dessen haben Gesundheitsminister Karl Lauterbach, der Präsident des Robert Koch-Instituts, Lothar Wieler und der Virologe Christian Drosten über die aktuelle Lage informiert.

Die Strategie sei, die Omikron-Welle zu verlangsamen und zu strecken und in dieser Zeit so viele Menschen wie möglich mit Auffrischimpfungen zu boostern, sagte Lauterbach in Berlin.

Die Pandemie komme in Deutschland nun "in schwieriges Fahrwasser". Es müssten mehr Menschen mit Injektionen versorgt werden, Krankenhäuser würden stärker belastet werden. Zugleich gebe es aber die gute Nachricht, dass die geltenden Beschränkungen wirkten - das zeige sich etwa an einer längeren Verdoppelungszeit der Infektionszahlen.

Omikron-Verbreitung in Deutschland langsamer als anderswo

Deutschland habe nicht die kurze Verdoppelungszeit der Ansteckungen wie andere Länder, so der SPD-Politiker. Der Verdoppelungszeitraum habe vor einigen Wochen noch bei etwa 4,5 Tagen gelegen. Derzeit bewege man sich auf 6,5 Tage zu. Durch die Anti-Corona-Maßnahmen seien die Kontakte in Deutschland auf etwa 50 Prozent des "vorpandemischen Zeitalters" reduziert, sagte der Gesundheitsminister.

Hinzu kämen nun noch verschärfte Zugangsregeln auch für Geimpfte und Genesene mit zusätzlichen Tests in der Gastronomie. Das Ziel sei jetzt, "aus der sonst zu erwartenden steilen Wand der Infektionszahlen möglichst einen Hügel zu machen oder dass die Wand nicht so hoch ist".

Zuvor hatte der Bundesrat den Weg frei gemacht für die neuen Quarantäne-Regeln, die nun von den Ländern umgesetzt werden müssen. Dazu zählt auch, dass in wichtigen Wirtschafts- und Versorgungsbereichen im Falle einer Infektion oder als Kontaktperson ein "Freitesten" nach sieben Tagen durch einen PCR- oder zertifizierten Antigen-Schnelltest möglich ist.

Medizinisches Personal Vorrang bei PCR-Tests

Lauterbach zufolge soll medizinisches Personal bei den dafür nötigen PCR-Tests Vorrang haben. Er habe veranlasst, dass die Freitestungen der Mitarbeiter aus dem medizinischen Bereich mit einem PCR-Test "priorisiert werden in den Laboren". Damit solle sichergestellt werden, dass diese Beschäftigten den PCR-Test bekommen, "wenn Kapazitäten ausgereizt oder überlastet sind". Wegen der stark steigenden Ansteckungszahlen werden Personalengpässe erwartet, die besonders in Bereichen der kritischen Infrastruktur wie dem Gesundheitswesen möglichst vermieden werden sollen.

Die Anti-Corona-Maßnahmen hält Lauterbach derzeit für ausreichend. Sorge bereite ihm aber, dass die vereinbarte 2G-Plus-Regelung nicht überall umgesetzt werde und das nach seinem Eindruck die Kontrollen nicht ausreichten. "Lockerungen kann man zum derzeitigen Zeitpunkt ausschließen", fügt der SPD-Politiker hinzu. Wenn die Fallzahlen deutlich steigen sollten und eine Überlastung der medizinischen Versorgung zu erwarten wäre, "dann muss natürlich mit anderen Maßnahmen gegengesteuert werden".

Fast drei Millionen über 60 Jahren noch nicht geimpft

Es sei zudem ein Sonderproblem in Deutschland, dass es in der besonders gefährdeten Gruppe älterer Menschen viele Ungeimpfte gebe.

Nach Angaben des Virologen Christian Drosten sind drei Millionen Menschen über 60 Jahren noch nicht geimpft, fast neun Millionen nicht geboostert und damit nicht vollständig gegen die Omikron-Variante geschützt. Deswegen warne er davor, aufgrund der oftmals milderen Verläufe bei der Omikron-Variante schon jetzt auf eine Durchseuchung der Bevölkerung in Deutschland zu setzen. Aber irgendwann müsse man das Virus "laufen lassen", weil man die Bevölkerung nicht immer wieder nachimpfen könne, so Drosten.

Lauterbach warnte ebenfalls vor der Idee, dass "wir in Deutschland eine Durchseuchung akzeptieren können". Erkenntnisse über die Gefährlichkeit der Corona-Virusvariante seien nicht eins zu eins auf Deutschland übertragbar, weil die Quote von Ungeimpften unter den Älteren besonders hoch sei, so der SPD-Politiker. "Die Zahl der Opfer, die wir dann beklagen müssten, ist ungewiss, ist sicherlich zu hoch."

Wieler: Omikron wird Delta in wenigen Tagen verdrängen

Nach Einschätzung des Präsidenten des Robert-Koch-Instituts, Lothar Wieler, wird Omikron die Delta-Variante bei den Neuinfektionen in wenigen Tagen vollständig verdrängt haben. Durch die Masse an Infektionen müsse man sich darauf einstellen, dass die Zahlen der Krankenhauseinweisungen und der Todesfälle wieder steigen würden, sagt Wieler. Bisher hätten die Todesfälle noch nicht wieder zugenommen: "Das wird sich aber ändern."

Wieler kündigte an, dass sich die Teststrategie in den kommenden Monaten ändern werde. Ähnlich wie Lauterbach sieht er keine große Notwendigkeit mehr, aufwändig die Verbreitung der nun dominanten Omikron-Variante nachzuweisen. Man könne bestimmte PCR-Tests also einsparen, und sie dort konzentrieren, wo sie besonders gebraucht würden. Wenn die Lage endemisch werde und das Virus weniger schwere Erkrankungen auslöse, müsse man dann ohnehin weniger testen, sagte Wieler.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 14. Januar 2022 um 15:00 Uhr sowie NDR2 um 15:00 Uhr.