Ein Kinderkarussell dreht sich auf dem Weihnachtsmarkt in Trier. | dpa

Corona-Lage in Deutschland Laute Rufe nach weiteren Einschränkungen

Stand: 27.11.2021 10:55 Uhr

Seit Tagen sind die Infektionszahlen auf Rekordniveau. Nun kommen auch noch Omikron-Sorgen hinzu. Deshalb fordern mehrere Verbände und Politiker weitere Einschränkungen - etwa die Absage von Großveranstaltungen.

Vor dem Hintergrund der weiter steigenden Corona-Infektionszahlen sowie den Sorgen vor der neuen Omikron-Variante werden in Deutschland die Rufe nach weiteren Maßnahmen im Kampf gegen die Pandemie laut. So sprach sich der Hauptgeschäftsführer des Deutschen Städte- und Gemeindebundes, Gerd Landsberg, für eine Absage von Großveranstaltungen sowie einen baldigen Lockdown in besonders betroffenen Gebieten aus. "Volle Fußballstadien und Großveranstaltungen gehen in dieser kritischen Phase der Pandemie nicht und setzen ein vollkommen falsches Signal", sagte er der Nachrichtenagentur dpa.

"Unser Gesundheitssystem kommt an seine Grenzen, die Infektionszahlen steigen ungebremst", so Landsberg weiter. Die bisher von Bund und Ländern beschlossenen Maßnahmen reichten zur wirksamen Bekämpfung der Pandemie erkennbar nicht aus. "In Teilgebieten Deutschlands mit extrem hohen Inzidenzzahlen wird es ohne einen Lockdown nicht gehen. Mit dem Auslaufen der epidemischen Notlage fehlt dafür allerdings die notwendige Rechtsgrundlage." Hier sei die künftige Ampel-Koalition von SPD, Grünen und FDP gefordert, im Bundestag noch vor der Weihnachtspause erneut die epidemische Notlage festzustellen, um so die notwendigen Handlungsmöglichkeiten zu eröffnen.

Auch der Deutsche Städtetag hält im Kampf gegen die Pandemie eine Verschärfung von Maßnahmen für unausweichlich. "Wenn die Situation weiter außer Kontrolle gerät, führt kein Weg an erneuten Kontaktbeschränkungen vorbei", sagte Städtetagspräsident Markus Lewe der dpa. "Wir müssen die Corona-Pandemie wieder eindämmen. Wir dürfen nicht warten, bis die Intensivstationen im ganzen Land überfüllt sind. Jeder Tag zählt."

Montgomery warnt vor gefährlichen Virusvarianten

Auch der Vorsitzende des Weltärztebundes, Frank Ulrich Montgomery, fordert eine strikte Reduzierung der Kontakte, um die Infektionskurve wieder zu senken. "Wir sollten deswegen die Weihnachtsmärkte bundesweit schließen. Es bringt nichts, die Weihnachtsmärkte in der einen Region zu verbieten, wenn die Leute dann in eine andere fahren, wo sie noch geöffnet sind", sagt Montgomery den Zeitungen der Funke Mediengruppe. Länder und Kommunen sollten zudem zu Silvester größere Feiern, Feuerwerk und private Böllerei flächendeckend verbieten. "Das verhindert nicht nur Ansteckungen, sondern entlastet auch die Notfallambulanzen." Wenn man die Inzidenzen nicht in den Griff bekomme, müssten die Länder auch wieder flächendeckend Betriebe schließen oder Ausgangssperren verhängen können.

Ihn beschäftigt zudem das Risiko von noch gefährlicheren Varianten des Coronavirus: "Meine große Sorge ist, dass es zu einer Variante kommen könnte, die so infektiös ist wie Delta und so gefährlich wie Ebola", sagte Montgomery. Die neue südafrikanische Variante Omikron sei ein gutes Beispiel dafür, dass man dem Virus keine Chance zur Mutation geben dürfe.

Lauterbach: "Infektionsgeschehen aggressiver als gedacht"

Der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach sagte in den ARD-tagesthemen, wenn die möglicherweise gefährliche Variante auch Deutschland erreichen würde, dann wäre das ein riesiges Problem. "Denn es ist nichts schlimmer, als eine besonders gefährliche Variante in eine laufende Welle hineinzubekommen." Die Variante scheine für Geimpfte und Ungeimpfte gefährlich zu sein. "Daher müssen wir mit Reisebegrenzungen hier arbeiten, hier zählt wirklich jeder Tag, der gewonnen werden kann, bis diese Variante kommt." Die Bundesregierung beschränkt von Sonntag an die Einreise aus Südafrika und sieben weiteren afrikanischen Ländern.

Lauterbach sagte: "Tatsächlich ist das Infektionsgeschehen aggressiver als gedacht." Zwar hätten die Maßnahmen gewirkt, die Kontakte gingen etwas zurück. "Aber es ist noch nicht da, wo es sein müsste, und es wird auf jeden Fall notwendig werden, dass wir nachschärfen, davon gehe auch ich aus." Was insbesondere große Probleme mache, sei tatsächlich, dass die Kontrollen von 2G und 2G-plus überhaupt nicht angemessen stattfänden. Zudem gebe es nach wie vor zu viele große Veranstaltungen. "Und es sind aber gerade diese großen Veranstaltungen und auch die vollen Lokale, die vollen Geschäfte, die uns die Probleme machen."

Grüne rechnen mit Nachschärfung des Infektionsschutzgesetzes

Seitens des zukünftigen Koalitionspartners der SPD, den Grünen, werden verschärfte Maßnahmen ebenfalls nicht ausgeschlossen. So sprach sich der baden-württembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann zwar für ein "verhältnismäßiges" Agieren aus. Dies berge aber "immer die Gefahr, dass wir zu langsam sind", sagte der Grünen-Politiker der "Schwäbischen Zeitung". Kretschmann ist für eine rasche Ministerpräsidentenkonferenz und "das volle Instrumentarium" aus dem Infektionsschutzgesetz: "Einen Lockdown für alle schließe ich nicht aus."

Kretschmann verteidigte zudem seine gemeinsam mit dem bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder erhobene Forderung nach einer allgemeinen Impfpflicht. "Wir merken einfach, dass wir aus diesem Schlamassel anders nicht herauskommen." Ähnlich äußerte sich auch der Gesundheitsexperte der Grünen, Janosch Dahmen: "Ich bin überzeugt davon, dass wir, wenn wir die Impfquote nicht anderweitig erheblich steigern können, eine allgemeine Impfpflicht brauchen werden", sagte er der "Rheinischen Post".

Dahmen rechnet zudem mit einer erneuter Nachschärfung des Infektionsschutzgesetzes: "Die aktuelle Notlage ist sehr besorgniserregend. Es war und ist völlig klar, dass die beschlossenen Änderungen im Infektionsschutzgesetz allenfalls ein erster Schritt sein können", so der Politiker. Es sei offensichtlich, dass es bisher nicht gelungen sei, die Lage unter Kontrolle zu bringen. "Insofern sind weitreichendere Maßnahmen erforderlich", betonte Dahmen. "Bei der anstehenden Evaluation der bisherigen Beschlüsse werden für die besonders hart betroffenen Regionen wie in Bayern und Sachsen noch flächendeckendere und weitreichende Maßnahmen beschlossen werden müssen." Dabei plädierte er für ein regional angepasstes Vorgehen. Die Situation etwa in Schleswig-Holstein müsse von der in Bayern unterschieden werden.

Inzidenz bei 444,3

Unterdessen stieg die Sieben-Tage-Inzidenz erneut auf einen Höchstwert: Das Robert Koch-Institut (RKI) verzeichnete am Samstag einen Wert von 444,3. Am Vortag lag die Inzidenz bei 438,2. Die Gesundheitsämter meldeten dem RKI 67.125 Neuinfektionen, das sind 3201 mehr als am Samstag vor einer Woche. 303 weitere Menschen starben in Zusammenhang mit dem Coronavirus, insgesamt sind es damit 100.779 Todesfälle.

Vor allem im Süden und Osten Deutschlands bleiben die Infektionszahlen hoch. In Sachsen stieg die Sieben-Tage-Inzidenz auf 1201,1, das ist weiterhin den höchste Wert unter den 16 Bundesländern. Es folgen Thüringen mit 852,8 und Sachsen-Anhalt mit 716,9. Brandenburg verzeichnet eine Inzidenz von 674,7 und Bayern von 634,5. Den niedrigsten Wert hat weiterhin Schleswig-Holstein, er sank sogar leicht auf 150,2.

Über dieses Thema berichtete MDR Aktuell im Hörfunk am 27. November 2021 um 11:06 Uhr.