Eine Pflegekraft betreut im besonders geschützten Teil der Intensivstation des Universitätsklinikums Greifswald einen Corona-Patienten (Archivbild). | dpa

Coronavirus in Deutschland Mehr Neuinfektionen, steigende Inzidenz

Stand: 23.04.2021 07:29 Uhr

Die Zahl der Corona-Neuinfektionen bleibt in Deutschland auf hohem Niveau. Damit steigt auch die Inzidenz weiter. Ärzte-Vertreter fordern mehr Impftempo und mahnen zum richtigen Umgang mit Schnelltestergebnissen.

Die Gesundheitsämter in Deutschland haben dem Robert Koch-Institut binnen eines Tages 27.543 Corona-Neuinfektionen gemeldet. In der Zahl könnten Nachmeldungen aus Nordrhein-Westfalen vom Vortag enthalten sein. Eine größere Zahl von Meldungen der NRW-Gesundheitsämter waren zuvor aufgrund technischer Schwierigkeiten nicht vollständig übermittelt worden.

Deutschlandweit wurden nach RKI-Angaben innerhalb von 24 Stunden 265 neue Todesfälle verzeichnet. Nachträgliche Änderungen oder Ergänzungen des RKI sind möglich.

Sieben-Tage-Inzidenz steigt auf 164

Am Freitag vor einer Woche hatte das RKI binnen eines Tages 25.831 Corona-Neuinfektionen gemeldet; das waren 1712 weniger als heute. Die Sieben-Tage-Inzidenz, also die Zahl der binnen einer Woche gemeldeten Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner, liegt bundesweit jetzt bei 164. Am Vortag hatte das RKI diese mit 161,1 angegeben. Bisher kann anhand der Sieben-Tage-Inzidenz der vergangenen Tage noch nicht abgeschätzt werden, ob sich der ansteigende Trend der vergangenen Woche fortsetzt.

Der bundesweite Sieben-Tage-R-Wert lag nach dem RKI-Lagebericht von Donnerstagabend bei 1,01 (Vortag: 0,94). Das bedeutet, dass 100 Infizierte rechnerisch 101 weitere Menschen anstecken. Der R-Wert bildet jeweils das Infektionsgeschehen vor 8 bis 16 Tagen ab. Liegt er für längere Zeit unter 1, flaut das Infektionsgeschehen ab; liegt er anhaltend darüber, steigen die Fallzahlen.

Ärztekammer: Reserven bei Impfdosen auflösen

Derweil fordert die Bundesärztekammer mehr Tempo beim Impfen gegen das Coronavirus. "Es ist nicht hinnehmbar, dass in Deutschland mehr als fünf Millionen Impfdosen ungenutzt gelagert werden, während sich täglich Tausende Menschen neu mit Corona infizieren", sagte Ärztekammerpräsident Klaus Reinhardt dem Redaktionsnetzwerk Deutschland. Das Ziel müsse sein, schnellstmöglich viele Menschen gegen das Virus zu immunisieren.

"Dafür müssen die in den Impfzentren zurückgehaltenen Reserven für die Zweitimpfung so weit wie möglich aufgelöst werden. Das ist aufgrund der erwartbaren Liefermengen im zweiten Quartal vertretbar", erklärte Reinhardt. Alle weiteren ungenutzten Impfdosen sollten so schnell wie möglich an die Arztpraxen weitergegeben werden. Dort blieben in der Regel keine Impfstoffe liegen, auch weil die Impfverordnung den Ärzten Spielraum bei der Umsetzung der Impfreihenfolge einräume.

Lob für einige Bundesländer

Dass mehrere Bundesländer bei der Impfung des Mittels von AstraZeneca auf eine Priorisierung verzichten, wertete Reinhardt als Vertrauensbeweis für die niedergelassenen Ärzte. "Ich hoffe sehr, dass wir bundesweit gänzlich auf Priorisierungen verzichten können, wenn, wie angekündigt, ab Ende Mai ausreichend Impfstoffe für alle Bürgerinnen und Bürger zur Verfügung stehen", sagte der Ärztepräsident.

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn hatte am Donnerstag in Aussicht gestellt, dass wohl im Juni die Priorisierung beim Impfen gegen das Coronavirus aufgehoben werden könnte. In Sachsen, Bayern, Mecklenburg-Vorpommern und Berlin wurde der Impfstoff von AstraZeneca in dieser Woche für alle Altersgruppen freigegeben.

"Von Woche zu Woche mehr Impfstoff"

Kanzleramtsminister Helge Braun bekräftigte die Pläne der Bundesregierung, die Impf-Priorisierung Anfang Juni aufzuheben. "Wir bekommen momentan wirklich von Woche zu Woche mehr Impfstoff", sagt der CDU-Politiker der "Augsburger Allgemeinen". Und das könnte für viele Menschen bedeuten, dass sie sich deutlich früher impfen lassen können als vielleicht befürchtet.

Der Zeitplan sehe folgendermaßen aus: "Wenn die Hersteller so liefern, wie sie es uns versprochen haben, dann werden wir im Laufe des Mai so viel Impfstoff bekommen, dass wir allen, die eine Priorisierung haben, ein Impfangebot machen können", sagte Braun. Und dann könne ab Juni begonnen werden, über die Betriebsärzte und über die Hausärzte auch die breite Bevölkerung zu impfen.

Amtsärzte: Verhalten nach Schnelltest teils kritisch

Die Amtsärzte in Deutschland mahnen zu einem besseren Umgang mit den Ergebnissen von Corona-Schnelltests. "Wir wenden jetzt massenhaft diese Schnelltests an, aber die Menschen sind nicht über die Konsequenzen und das richtige Verhalten aufgeklärt. Da verbreitet sich das Virus und wir sehen gar nicht mehr, wie", sagte die Vorstandsvorsitzende des Bundesverbands der Ärztinnen und Ärzte des Öffentlichen Gesundheitsdienstes, Ute Teichert. "Mit dem Thema Testungen müssen wir uns noch mal sehr kritisch auseinandersetzen."

Teichert berichtete von falschen Schlüssen, die Menschen nach positiven wie negativen Testergebnissen zögen. "Ich habe mehrfach erlebt, dass Menschen positive Ergebnisse bekommen und dann extrem verunsichert sind. Statt sich zu isolieren, besorgen sie sich erst einmal weitere Tests, weil sie dem ersten Ergebnis misstrauen." Dabei könnten sie das Virus weiter verbreiten. Die empfohlenen Handlungsanweisungen müssten bekannter werden: Es sei teils nicht bekannt, "dass jeder, der positiv getestet ist, erst einmal als potenziell infektiös gilt - bis zum Beweis des Gegenteils".

Ebenso habe sie erlebt, dass Kontaktpersonen von Infizierten einen Schnelltest machten und nach einem negativen Ergebnis glaubten, nichts weiter unternehmen zu müssen, schilderte die Fachärztin für Öffentliches Gesundheitswesen. "Da laufen uns viele Infizierte unter dem Radar weg", sagte Teichert. Im Fall eines negativen Tests müsse man grundsätzlich bedenken, dass das Ergebnis nur für einige Stunden gültig sei.

RKI warnt vor falscher Sicherheit

Das Robert Koch-Institut hatte wiederholt erklärt, dass man sich nach einem negativen Testergebnis nicht in falscher Sicherheit wiegen und auf Schutzmaßnahmen verzichten dürfe. Es sei durchaus möglich, dass ein Infizierter am Tag nach einem negativen Antigentest-Ergebnis ein positives Ergebnis bekomme, hieß es in einer RKI-Publikation von Ende Februar über Selbsttests.

Bei einem positiven Ergebnis seien "häusliche Absonderung" und eine telefonische Kontaktaufnahme mit dem Hausarzt oder einem geeigneten Testzentrum geboten, um einen PCR-Test zum Abklären des Corona-Verdachts in die Wege zu leiten.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 23. April 2021 um 09:00 Uhr.

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Moderation 23.04.2021 • 12:27 Uhr

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