Eingeklappte Schirme stehen vor geschlossenen Gaststätten in Leipzigs Partymeile Barfußgässchen | Bildquelle: dpa

Teil-Lockdown in Deutschland Alle Zeichen stehen auf Verlängerung

Stand: 21.11.2020 16:46 Uhr

Die Zahl der Neuinfektionen in Deutschland ist weiter auf hohem Niveau: Mediziner und Virologen warnen deshalb davor, den Teil-Lockdown zu lockern. Gesundheitsminister Spahn sagte, der Wellenbrecher zeige Wirkung, aber noch nicht genug.

Wenige Tage vor einem weiteren Bund-Länder-Treffen diskutiert die Politik darüber, ob der jetzige Teil-Lockdown die richtige Strategie ist - und ob er noch länger dauern soll. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn verteidigte die seit Anfang November geltenden Einschränkungen.

"Der Wellenbrecher funktioniert doch", sagte der CDU-Politiker der "Welt". "Das exponentielle Wachstum ist gebrochen. Wir sind uns einig, dass das nicht reicht. Aber es ist gelungen - einmal mehr." Spahn rechtfertigte die hohe Bedeutung, die die Bundesregierung den Infektionszahlen beimisst. "Wir sind das Land mit einer der ältesten Bevölkerungen weltweit", sagte der Minister.

Mit wachsenden Infektionszahlen steige früher oder später auch der Behandlungsbedarf auf den Intensivstationen. "Ich will, dass wir die Welle brechen, bevor unnötig viel Leid in den Krankenhäusern entsteht", betonte Spahn.

Lindner vermisst Strategie der Bundesregierung

Der FDP-Vorsitzende Christian Lindner widersprach in dem "Welt"-Streitgespräch dem Minister und warf der Regierung Strategielosigkeit vor. "Meine Befürchtung ist: Wir finden aus dem aktuellen November-Lockdown in diesem Jahr nicht wieder raus", sagte Lindner.

"Und falls wir ihn beenden, dann ist wenige Wochen später der nächste da. Das wäre eine Stop-and-Go-Politik, die enormen sozialen und wirtschaftlichen Schaden verursacht." Die Wellenbrecher-Strategie der Regierung funktioniere nicht, sie sei nicht dauerhaft durchhaltbar, konstatierte Lindner.

Er bekräftigte seine Position, dass mit einem besseren Schutz der Risikogruppen die Schließung von Gastronomie, Kultur, Freizeit und Sport unnötig gewesen.

Altmaier dringt auf Entscheidungen

Wirtschaftsminister Peter Altmaier warnte vor einer erneuten Vertagung von Beschlüssen. "Wir brauchen mutige Entscheidungen jetzt, die Wirtschaft und alle Beteiligten wollen Klarheit", sagte der CDU-Politiker im Deutschlandfunk. Ziel müsse sein, ein Weihnachtsfest zu feiern, das diesem Anspruch nahekomme, wenn auch in bescheidenem Rahmen. Das aber sei nur zu schaffen, wenn die Infektionszahlen in den nächsten Wochen nachhaltig gesenkt würden. Im Fall einer Verlängerung und Verschärfung von Beschränkungen stellte Altmaier weitere Hilfen für Unternehmen in Aussicht. Es werde "niemand im Regen stehengelassen."

Virologen halten Lockdown-Verlängerung für angemessen

Derweil halten mehrere Virologen und Mediziner angesichts weiter hoher Corona-Infektionszahlen eine Verlängerung oder gar Verschärfung der bisherigen Beschränkungen für geboten. "Zielsetzung war es, einen deutlichen Rückgang der Neuinfektionen zu erreichen. Fast drei Wochen nach Beginn der Maßnahmen sehen wir aber keinen deutlichen Abfall, sondern eine Seitwärtsbewegung", sagte der Chefvirologe der Universität Heidelberg, Hans-Georg Kräusslich, der "Rhein-Neckar-Zeitung". "Es ist also klar, dass das eigentliche Ziel nicht erreicht worden ist."

Kekulé für Wechselunterricht

Der Virologe Alexander Kekulé fordert deshalb Verschärfungen. "Beim nächsten Bund-Länder-Treffen am Mittwoch braucht es unbedingt neue Anti-Corona-Beschlüsse. Dazu sollte gehören, dass an allen weiterführenden Schulen die Klassen sofort geteilt werden und auf Wechselunterricht umgestellt wird", sagte der Experte von der Universität Halle-Wittenberg der "Neuen Osnabrücker Zeitung". Er plädierte zugleich dafür, Kitas und Grundschulen offen zu lassen und die Weihnachtsferien bundesweit eine Woche vor Heiligabend beginnen zu lassen.

Auch Kanzleramtsminister Helge Braun bereitet die Situation an den Schulen Sorgen. Vor allem in den weiterführenden Schulen müsse "alles getan werden, um die Abstandsregeln einzuhalten", sagte er dem Redaktionsnetzwerk Deutschland und schlug ebenfalls vor, ältere Schüler vermehrt digital zu Hause zu unterrichten.

Reinhardt warnt vor zu strengen Einschränkungen

Der Präsident der Bundesärztekammer, Klaus Reinhardt, rechnet damit, dass die zunächst bis Ende November befristeten Beschränkungen verlängert werden. "Man muss davon ausgehen, dass der Lockdown light im Dezember fortgesetzt wird. Das ist auch angesichts der Lage auf den Intensivstationen geboten", sagte er der "Passauer Neuen Presse". Vor zu strengen Verschärfungen warnte er aber: "Wir sollten genau auf die konkrete Ausgestaltung der Maßnahmen achten."

Anfang November trat der Teil-Lockdown in Deutschland in Kraft, angedacht war er zunächst für vier Wochen. Doch daran, dass die verschärften Corona-Maßnahmen zum Monatsende auslaufen, gibt es immer mehr Zweifel. In den anstehenden Bund-Länder-Beratungen zeichnet sich eine Verlängerung des Teil-Lockdowns ab.

Nach Medieninformationen unter Berufung auf Länderkreise, könnten die Maßnahmen bis kurz vor Weihnachten verlängert werden. Das berichten etwa die "Berliner Morgenpost", der "Tagesspiegel" und "Business Insider". Gaststätten, Kultur- und Freizeiteinrichtungen dürften damit geschlossen bleiben. Geschäfte sollen dagegen im für sie wichtigen Weihnachtsgeschäft offensichtlich öffnen dürfen.

Verlängerung des Lockdowns wahrscheinlich
Frank Capellan, DLF
21.11.2020 13:28 Uhr

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Über dieses Thema berichtete NDR Info am 21. November 2020 um 12:45 Uhr.

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