Passanten flanieren durch das Schanzenviertel in Hamburg | dpa
FAQ

Debatte über Corona-Strategie Worüber Politik und Experten beraten

Stand: 22.06.2022 14:28 Uhr

Mitten im Sommer steigt die Corona-Inzidenz deutlich - an einer Welle im Herbst zweifelt ohnehin keiner. Auch im dritten Pandemie-Jahr ringen Politik und Experten um den richtigen Kurs. Antworten auf wichtige Fragen.

Von Thomas Denzel, SWR

Wie gefährlich ist die Corona-Sommerwelle?

Die im Moment dominierenden Omikron-Varianten scheinen häufig nur milde Symptome hervorzurufen. Für ältere Menschen und Risikopatienten ist Corona aber weiterhin eine potentiell tödliche Krankheit. Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) geht davon aus, dass die Sommerwelle die Kliniken nicht überlasten wird, es gebe deshalb keinen Grund zur Panik. Er empfiehlt jedoch, in Innenräumen freiwillig Maske zu tragen und Impfungen zu vervollständigen, falls das bisher noch nicht geschehen sei.

Thomas Denzel

Portugal hat die uns noch bevorstehende Welle schon hinter sich. Dort kam es nicht zu einer Überlastung der Intensivstationen. Sie waren aber sehr voll und die Zahl der Todesfälle im Zusammenhang mit Corona stieg stark an. In Deutschland werden die Intensivstationen weniger stark belegt sein, vermutet Hajo Zeeb vom Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie. "In Portugal hatten sich viele Menschen schon früh vor der neuen Welle impfen lassen, in Deutschland ist die letzte Impfung beim Großteil der Bevölkerung noch nicht so lange her", erklärt er. Daraus ergebe sich möglicherweise in Deutschland ein besserer Infektionsschutz.

Wird es weiter kostenlose Corona-Tests für alle geben?

Bis Ende Juni kann man sich noch kostenlos testen lassen. Danach will Bundesgesundheitsminister Lauterbach die Bürgertests einschränken und sie nur noch bestimmten Bevölkerungsgruppen kostenlos anbieten.

Auch der Vorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, Andreas Gassen, empfiehlt die Abschaffung der anlasslosen Bürgertests. Dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND) sagte er, solche Tests "bringen sehr wenig und kosten sehr viel". Einige Landesgesundheitsminister haben Lauterbachs Vorstoß bereits kritisiert. Sie halten kostenlose Angebote wegen der gestiegenen Infektionszahlen weiter für wichtig.

Was brächte eine Impfpflicht für Über-60-Jährige?

Die Länder Baden-Württemberg, Hessen und Bayern fordern sie. Der Gesetzentwurf für eine allgemeine Impfpflicht war im Frühjahr gescheitert. Für den Herbst aber sei vermehrt mit schweren Krankheitsverläufen vor allem bei älteren Menschen zu rechnen, glaubt der baden-württembergische Gesundheitsminister Manfred Lucha (Grüne). Deshalb "sollten wir nun noch einmal alle Kräfte bündeln und die Impfpflicht ab 60 noch nicht aufgeben".

Immunologisch sei es sinnvoll, alle über 60 zu impfen, sagt auch Carsten Watzl, der Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Immunologie. Dennoch rät er von einer Impfpflicht ab. "Wir wissen gar nicht so genau wie groß die Impflücke bei den Älteren tatsächlich ist", gibt er zu bedenken. "Und mit einer Pflicht erzeugen wir möglicherweise nur Widerstand." Auch politisch scheint der Vorstoß der drei Bundesländer keine Mehrheit zu finden.

Sollten sich alle zum vierten Mal impfen lassen?

Der grüne Gesundheitspolitiker Janosch Dahmen hat diese Idee Mitte Juni bei einem Gespräch mit der "Rheinischen Post" ins Spiel gebracht. Bisher empfiehlt die Ständige Impfkommission (STIKO) die vierte Impfung nur Menschen über 70, Risikopatienten und Personal in Medizin und Pflege.

Schädlich sei es jedenfalls nicht, sich ein viertes Mal impfen zu lassen, sagt Immunologe Watzl. Eine leichte Verbesserung des Schutzes vor schweren Verläufen sei zu erwarten. Man müsse auch nicht abwarten, bis Impfstoffe zur Verfügung stehen, die besser an die Omikron-Virusvarianten angepasst sind. Denn nichts spreche gegen eine fünfte Impfung im Herbst. "Weitere Impfungen aber jetzt schon zu empfehlen, würde den falschen Eindruck erwecken, dass man mit drei Dosen nicht mehr geschützt ist", warnt Watzl.

Was erwartet uns im Herbst?

"Dass wir diesmal selbst im Sommer eine Infektionswelle erleben, zeigt wie ansteckend die aktuellen Virusvarianten sind", sagt Carsten Watzl. Eine weitere Welle im Herbst sei damit höchst wahrscheinlich. Ob dann auch eine neue gefährlichere Variante auftreten wird, könne niemand vorhersagen. "Für die Überlebensstrategie des Virus ist es vor allem günstig, hochansteckend zu sein", erklärt Watzl. Wenn die infizierte Person später schwer erkrankt, bringe das dem Virus weder einen Vor- noch einen Nachteil. "Ich glaube im Moment nicht, dass wir im Herbst wieder Lockdowns brauchen werden, Maskenpflicht in Innenräumen aber möglicherweise schon", vermutet Watzl.

Geregelt sind solche Möglichkeiten zum Schutz vor Corona im Infektionsschutzgesetz. Das aber läuft am 23. September aus. Viele Bundesländer fordern, so schnell wie möglich mit der Arbeit zur Neufassung des Gesetzes zu beginnen. Die Bundesregierung aber möchte zunächst ein Gutachten des Sachverständigenausschusses abwarten, das die Corona-Maßnahmen bewertet und Ende Juni veröffentlicht werden soll. Vor allem die FDP hatte darauf gepocht. Baden-Württembergs Gesundheitsminister Manfred Lucha warnt davor, zu lange damit zu warten. Eine Entscheidung nach der parlamentarischen Sommerpause sei für die Bundesländer zu spät. Denn sie müssten die Corona-Eindämmungsmaßnahmen schließlich umsetzen.

In der Diskussion ist unter anderem auch, wieviel das Tragen von Masken tatsächlich bringt. Man dürfe deren Wirksamkeit nicht überschätzen, andere Maßnahmen seien effizienter, sagt etwa der Hamburger Virologe Jonas Schmidt-Chanasit. Im Gespräch mit dem RND nennt er als Beispiel das Arbeiten im Homeoffice.

"An der Wirksamkeit von Masken zu zweifeln, ist rückwärtsgewandt", meint dagegen Epidemiologe Hajo Zeeb. Es gebe ausreichend Studien, die zeigen, dass Masken sinnvoll seien. Eine Maskenpflicht solle man besser zu früh als zu spät verordnen. Wenn man warte, bis die Intensivstationen voll sind, dann gebe es in der gesamten Bevölkerung schon so viele Krankschreibungen, dass das auch der Wirtschaft schade. "Daran sollten auch die Zweifler in der FDP denken", findet Zeeb.

Wie wahrscheinlich sind Schulschließungen im Herbst?

"Schulschließungen sind nur mit der Option auf Maskenpflicht und regelmäßigem Testen aller Schüler und Schülerinnen zu verhindern", ist Maike Finnern, Bundesvorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), überzeugt. Doch auch anlasslose Tests an Schulen sind umstritten. Thomas Fischbach vom Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte hält sie für unnötig. Nur wer Symptome hat, sollte getestet werden, sagt er im Gespräch mit der "Rheinischen Post". Und eine Maskenpflicht im Unterricht sollte es nur in Hotspots geben.

"Wir müssen an den Schulen vor allem die Lehrer schützen und vulnerable Kinder", schlägt Immunologe Watzl vor. Eine Möglichkeit sei, gezielt Kindern mit riskanten Vorerkrankungen Fernunterricht anzubieten. Einigkeit scheint in Wissenschaft und Politik darüber zu herrschen, dass Schulschließungen unbedingt verhindert werden sollten. Zwar gebe es klare Belege dafür, dass das Schließen der Schulen eine Wirkung im Kampf gegen das Virus habe, sagt Epidemiologe Zeeb. Aber der Schaden für Kinder und Jugendliche und das Bildungssystem sei sehr groß. Da sei es allemal besser, Schutzmaßnahmen wie die Maskenpflicht wieder einzuführen.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 22. Juni 2022 um 10:08 Uhr.