Corona-Testzentrum in Osnabrück (Archivbild) | dpa
Hintergrund

Debatte über Lockerungen Wie Experten auf die Corona-Lage blicken

Stand: 15.02.2022 19:23 Uhr

Die Omikron-Welle ebbt ab, das Frühjahr mit wärmeren Temperaturen naht. In Bund und Ländern stehen die Zeichen auf Lockerung der Corona-Maßnahmen. Aber wie beurteilen Wissenschaftler die Lage?

Von Markus Pfalzgraf, SWR

Bei der Konferenz der Ministerpräsidentinnen und Ministerpräsidenten der Länder mit Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) am Mittwoch könnten weitreichende Beschlüsse gefasst werden, bis hin zur Aufhebung aller Maßnahmen außer der Maskenpflicht bis zum 20. März - stufenweise für private Treffen von Geimpften und Genesenen, im Einzelhandel, und dann für die Gastronomie. Aber wie sieht das die Wissenschaft? Sind Öffnungsschritte derzeit sinnvoll?

Markus Pfalzgraf

"Ein hoffnungsvoller Punkt"

Christian Karagiannidis gehört als Intensivmediziner dem Expertenrat der Bundesregierung an, der sich für stufenweise Öffnungen ausspricht, aber zur Vorsicht rät. Ihm zufolge sei man "an einem hoffnungsvollen Punkt angekommen". Er gibt aber zu bedenken, dass das nur für die derzeit in Deutschland dominierende Omikron-Variante gelte. In anderen europäischen Ländern sei eine nächste Welle mit der kommenden Untervariante von Omikron zu beobachten, sagte er im SWR.

Ob eine solche Entwicklung auch in Deutschland komme, sei momentan nicht gut vorhersehbar. Er verwies außerdem auf einen "deutlichen Anstieg von Todesfällen im europäischen Umland". Die Maskenpflicht müsse deshalb so lange wie möglich bleiben. Denn Masken hätten "bei vergleichsweise geringen persönlichen Einschränkungen die mit Abstand größte Wirkung."

Omikron-Subtyp noch nicht eingerechnet

Der Physiker Dirk Brockmann berechnet Modelle für den Verlauf von Infektionskrankheiten am Robert Koch-Institut. Er sagte im Deutschlandfunk, dass der Scheitelpunkt der Omikron-Welle in den kommenden Tagen erreicht werden könnte. Allerdings sei der neue Subtyp von Omikron noch nicht eingerechnet, der sich gerade als weitere Virusvariante im Ausland ausbreitet. Der gesamte Verlauf könnte sich dadurch noch weiter hinziehen.

Wenn man sich mit der Dynamik dieser Pandemie beschäftigt, dann weiß man, dass man etwas warten sollte, etwas Geduld haben sollte, bis die Zahlen wieder runtergegangen sind.

Es sei ein Teil dieser Omikron-Wellen, dass diese "zwar sehr schnell und rapide hochgehen, aber dann auch relativ schnell wieder runtergehen auf ein akzeptables Niveau". Brockmanns Einschätzung nach wird das Ende März der Fall sein. "Man sollte auf jeden Fall nicht in die steigenden Fallzahlen reinlockern, weil man dann alles nur nach hinten verzögert."

Problem Impfquote: "Das kann nach hinten losgehen"  

Vor allem die noch fehlenden Impfungen in der älteren Bevölkerung seien nach wie vor ein Problem. Hier sieht es in Deutschland ähnlich aus wie in Israel. Selbst wenn "nur" ein Zehntel der Älteren ungeimpft sei, sei das gefährlich.

"Wenn die Omikron-Welle die älteren Menschen erreicht, die keinen Impfschutz haben, das sieht man in Israel, dann kann das richtig nach hinten los gehen," erklärt Brockmann. Denn ohne Impfschutz sei auch Omikron eine sehr gefährliche Virusvariante, die zu vielen schweren Erkrankungen führen könne. "Die Pandemie ist immer für Überraschungen gut, und deshalb ist Vorsicht geboten."

Lockerungen möglich, aber mit sechster Welle

Andere benennen die Gefahren noch deutlicher. Der Ulmer Medizinstatistiker Ulf Dennler hält zwar Lockerungen der Corona-Maßnahmen im März für möglich, prognostiziert für diesen Fall aber auch eine heftige neue Corona-Welle noch im Laufe des März. Das sagte Dennler am Montag bei einer Expertenanhörung des Sozialministeriums in Baden-Württemberg, das dort für Gesundheit zuständig ist.

Eine weitere Infektionswelle hätte aber voraussichtlich eine deutlich geringere "Krankheitsschwere" als vorangegangene Wellen und damit keine allzu starke Mehrbelastung für die Krankenhäuser zur Folge. Allerdings drohten dann Personalausfälle durch Infektionen, ergänzte Götz Geldner, ärztlicher Direktor der RKH-Kliniken Ludwigsburg.

Eine gewisse Entspannung der Lage erwartet auch der Leiter der Infektionsprävention des Universitätsklinikums Freiburg, Hajo Grundmann. Er berechnet Modelle zur Vorhersage des Pandemieverlaufs, und auch er erwartet in der kommenden Woche den Höhepunkt der aktuellen Corona-Infektionswelle mit der Omikron-Variante.

Danach könnte der R-Wert wieder unter 1 fallen, womit das Wachstum nicht mehr droht, außer Kontrolle zu geraten. Allerdings werde die Vorhersage dann ungenauer - auch weil die aktuellen Daten auf Grundlage der derzeitigen Beschränkungen gelten. Das bedeutet also: Wird gelockert, wird die Lage unberechenbar.

Hohe Fallzahlen in anderen Ländern

Modellierer Grundmann verweist auf Erfahrungen in den Niederlanden: Dort habe es nach weitgehender Aufhebung der Beschränkungen einen sprunghaften Anstieg bei Infektionszahlen und R-Wert gegeben. Die Steigerungen aus einer einzigen Woche seien erst nach vier Wochen wieder auf die vorigen Werte zurückgegangen.

In Großbritannien habe der "Freedom Day" dazu geführt, dass sich die Fallzahlen verdoppelt hätten und das Gesundheitssystem an seine Grenzen gekommen sei. Eine genaue Vorhersage für eine ähnliche Situation mit der Omikron-Variante lasse sich aber nicht treffen.

Entwicklung in Krankenhäusern "vorsichtig positiv"

Nach Berechnungen des Universitätsklinikums Freiburg könnten die Infektionszahlen hierzulande bei weiter sinkenden Fallzahlen frühestens Ende April wieder auf das Niveau von Anfang Januar zurückgegangen sein.

Das Gesundheitswesen sei unter Kontrolle und nicht überlastet, sagte der Vorstand des Klinikums Stuttgart, Jan Steffen Jürgensen. Er wies aber darauf hin, dass dies gerade auch den derzeit geltenden Maßnahmen zuzuschreiben sei. Es gebe auch weiterhin "teilweise Zumutungen für Patienten mit anderen Erkrankungen." Der Ausblick sei dennoch "vorsichtig positiv".