Ampullen mit Biontech-Impfstoff stehen für die Impfung bereit. | dpa

Impfstoffmangel in Deutschland Ministerium bleibt unkonkret - Union empört

Stand: 15.12.2021 14:31 Uhr

Zu wenig Impfstoff für die nächsten Monate - nach der Ankündigung von Gesundheitsminister Lauterbach laufen nun die Bemühungen um mehr Nachschub. Die Union warf Lauterbach allerdings vor, mit falschen Zahlen zu hantieren.

Nach einer Überprüfung der geplanten Impfstoff-Lieferungen bemüht sich das Gesundheitsministerium um mehr Nachschub. In den ersten drei Monaten des kommenden Jahres könne nach derzeitigem Stand deutlich weniger Corona-Impfstoff ausgeliefert werden, als dies jetzt der Fall sei, sagte ein Ministeriumssprecher in Berlin. Konkrete Angaben, wie groß die Lücke ist, machte er nicht, da sich wegen der laufenden Bemühungen um mehr Impfstoff die Zahl stetig ändern könne. Primär gehe es darum, die ersten Wochen im Januar vernünftig zu gestalten, aber auch das ganze erste Quartal, so der Sprecher.

Nähere Informationen will Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach an diesem Donnerstag geben. Dann ist eine Bundespressekonferenz mit dem neuen Ressortchef geplant. Der SPD-Politiker hatte gestern einen überraschenden Impfstoffmangel für das erste Quartal 2022 öffentlich gemacht, das habe eine erste Inventur ergeben. Zahlen hatte er nicht genannt.

Auch mehr Impfstoff wegen Omikron

Das Ministerium erläuterte, dass jetzt im Dezember einige Lieferungen vorgezogen worden seien. Am Jahresende noch vorhandener Impfstoff sei natürlich auch Anfang 2022 einzusetzen. Eine Impfstoff-Lücke von bis zu 60 Millionen Dosen sei aber definitiv falsch. Über diese Größenordnung hatte "Business Insider" unter Berufung auf interne Berechnungen des Ministeriums berichtet.

Nicht nur die neue Corona-Variante Omikron hat nach Angaben des Ministeriumssprechers den Bedarf an Impfstoff erhöht. Im ersten Quartal wird nach seinen Angaben voraussichtlich viel Impfstoff benötigt, weil spätestens dann die Auffrischungsimpfungen für all jene anstehen, die im Sommer dieses Jahres die zweite Impfung erhalten haben. Im Sommer war der Höhepunkt der Impfkampagne.

Dazu kommen die schon beschlossene Impfpflicht für Personal in Pflegeheimen und Gesundheitseinrichtungen ab Mitte März und eine mögliche allgemeine Impfpflicht - für deren Umsetzung muss allerdings genügend Impfstoff vorhanden sein.

Ärztevertreter reagieren fassungslos

Mit Fassungslosigkeit reagierte der Präsident der Bundesärztekammer, Klaus Reinhardt, auf den absehbaren Mangel an Corona-Impfstoff: "Wenn man das hört, bleibt einem der Mund offen stehen", sagte Reinhardt Deutschlandfunk. Es sei völlig unvorstellbar, dass die Logistik in einem Land wie Deutschland nicht funktioniere. "Ich bin etwas sprachlos angesichts der Nachricht."

Reinhardt räumte ein, dass sich die Empfehlungen zu den Impfabständen zuletzt mehrfach verkürzt hätten, so dass mehr Impfstoff in kürzerer Zeit gebraucht werde. Trotzdem sei es völlig unverständlich, dass man nach so vielen Monaten der Pandemie nicht in der Lage gewesen sei, genügend Impfstoff auf Halde zu legen. Man könne sich eigentlich nicht vorstellen, dass der frühere Bundesgesundheitsminister Jens Spahn davon nichts gewusst habe.

Spahn hatte allerdings bereits angekündigt, mit BioNTech/Pfizer in Verhandlungen über eine Vergrößerung der Liefermenge zu sein.

Der Vorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, Andreas Gassen, sprach von einem fatalen Signal an alle, die mit vollem Einsatz die Pandemie bekämpften. "Wir haben in Deutschland gerade Rekord-Tempo beim Impfen in den Praxen erreicht, da kommt diese Nachricht", sagte er der "Bild"-Zeitung. Es sei niemandem zu erklären, dass im Land der Impfstoffentwicklung zu wenig Impfstoff gekauft wurde.

Kritik an Spahn äußerte auch Bundesarbeitsminister Hubertus Heil. Die Nachricht vom Impfstoffmangel sei "schwer irritierend", sagte der SPD-Politiker im gemeinsamen Morgenmagazin von ARD und ZDF. Da habe die Vorgängeradministration im Bundesgesundheitsministerium offensichtlich "nicht klar Schiff gemacht". Das müsse nun die neue Bundesregierung leisten.

"Lauterbach ruft Feuer, um dann Feuerwehr zu spielen"

Der gesundheitspolitische Sprecher der Union, Toni Sorge, warf Lauterbach dagegen vor, mit falschen Zahlen zu hantieren. "Karl Lauterbach ruft Feuer, um dann Feuerwehr zu spielen - obwohl er weiß, dass es gar nicht brennt", schrieb Sorge in einem internen Papier an die Unions-Bundestagsfraktion. Darin wird aufgelistet, dass auch im Januar ausreichend Impfstoff für Booster-Impfungen zur Verfügung stehen. Sorge sprach davon, dass in den nächsten vier bis sechs Wochen noch 34 Millionen Booster-Impfungen anstünden. Dafür stünden 50 Millionen Impfdosen bereit.

Ein Blick auf die Fakten zeige, dass Lauterbachs Behauptung ein "durchsichtiges politisches Manöver" sei, "um die SPD von der Großen Koalition abzusetzen und mit einer Kampagne gegen uns zu starten". Das verunsichere die Menschen in einer ohnehin angespannten Lage "und ohne Not".

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 15. Dezember 2021 um 13:00 Uhr.