Wallfahrtskirche in Klausen | Bildquelle: ARD aktuell

Kirchen in der Corona-Krise Wenn der Pater auf YouTube tröstet

Stand: 22.03.2020 17:13 Uhr

Pater, Organist, Smartphone: In der Corona-Krise gehen Geistliche neue Wege, um Gottesdienste zu feiern. Waren Kirchen früher in Seuchenzeiten ein Zufluchtsort, gibt es nun im Internet Beistand.

Von Ute Spangenberger, SWR

Es ist eine surreale Atmosphäre in der Wallfahrtskirche in Klausen: An den Kirchenbänken hängen Fotos. Fotos, von Kindern, Erwachsenen, Familien, auch von einem Mann, der bald sterben wird. Hinter dem Altar steht Pater Albert Seul und bereitet sich auf den Gottesdienst vor. Er hat mit seinen Mitarbeitern via Internet dazu aufgerufen, Bilder zu schicken, damit er seinen Sonntagsgottesdienst nicht alleine halten muss - damit er Gesichter vor sich hat.

Wie überall in Deutschland dürfen sich auch in seiner Kirche derzeit keine Menschen versammeln.

Der Pater sortiert sein Redemanuskript, Kerzen flackern. Vor ihm steht ein Smartphone auf dem Stativ, Kabelgewirr. Seit Tagen hält er via Internet Kontakt zu seiner Gemeinde. Gerade aber am Sonntag will der Pater unbedingt auch zu den Menschen sprechen: "Ich bin Dominikaner, Prediger, die Verkündigung liegt uns gleichsam im Blut und ich möchte natürlich auch weiter die Menschen erreichen und auch gerade in dieser schwierigen Zeit den Menschen beistehen."

Keinen Trost spenden dürfen, den Menschen fern sein, dass macht dem 49-Jährigen zu schaffen.

Virtuelle Gottesdienste in Deutschland
tagesschau 17:15 Uhr, 22.03.2020, Anouk Schollähn, NDR

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Liveübertragung aus der Wallfahrtskirche

Um kurz nach 10.30 Uhr fängt der Organist an zu spielen, der Pater beginnt mit dem Gottesdienst, der live auf YouTube übertragen wird. Normalerweise kommen ungefähr 300 Leute sonntags zu ihm in die Kirche, erzählt er. Gemeinsam wird gesungen und gebetet. Jetzt singt der Pater allein und die Orgel spielt dazu.

Dass gerade seine Kirche, eine jahrhundertealte Wallfahrtskirche in der Nähe von Trier, keine Gottesdienste abhalten darf, empfindet er als besonders schlimm. Seit Jahrhunderten kommen Kranke hierher, um zu beten: "Wir haben ein Wallfahrtsbild hier, aus dem 17. Jahrhundert. Dort sieht man etwa Menschen ihre Krücken wegwerfen. Diese Kirche war und ist ein Ort, für Menschen, die eine Krankheit haben."

Hinter dem Altar, nebenan in der Sakristei der Klausener Wallfahrtskirche, steht die Figur des Heiligen Sebastian. In seinem blutenden, nackten Oberkörper stecken Pfeile. Es sind die Pfeile der Seuche, die er abfängt, stellvertretend für die Menschheit.

Zufluchtsort in Seuchenzeiten

In früheren Jahrhunderten, gerade auch zu Seuchenzeiten, seien die Kirchen für die Bevölkerung offen waren, erklärt der Historiker Prof. Bernd Schneidmüller: "Die Menschen des Mittelalters haben ihr ganzes Leben in der Transzendenz Gottes verankert und für sie war selbstverständlich, dass die Gnade und Heilung eigentlich nur aus der Güte Gottes kommen kann."

Heute geht wieder eine Pandemie um die Welt. Heilung erhoffen sich die Menschen durch die Medizin. Die Kirchen spielen dennoch eine wichtige Rolle, in ihrer Funktion als Seelsorger. "Der Herr sei mit euch", spricht derweil der Pater in das Smartphone vor dem Altar und hofft, dass die Botschaft via Social Media durch die jahrhundertealten dicken Kirchenmauern nach außen dringt. Nicht überall hier in der Eifel hat man stabiles Internet.

Vor dem Gottesdienst sagte Pater Seul: "Wir Menschen sind angelegt auf soziale Kontakte, wir sind Herdentiere." Er hofft, dass die Menschen nach der  Krise nicht in ihrer "Distanz verharren". Und er hofft, dass nicht weitere Menschen aus der Kirche austreten, weil sie sich nicht aufgehoben fühlen: "Wir sind ja im Moment fast komplett ausgeschaltet", bedauert der Pater.

Direkte Rückmeldung nach dem Gottesdienst

Nach dem Gottesdienst erreichen ihn die ersten Rückmeldungen von Gläubigen. Sie schicken ihm Fotos, die zeigen, wie sie zu Hause gemeinsam den Gottesdienst verfolgen und beten. Das freut den Pater.

Die ausgedruckten Fotos mit den Gesichtern an den Kirchenbänken will der Pater weiter hängen lassen, damit die Kirche nicht so leer ist. Auch an den nächsten Sonntagen und an Ostern werden er und seine Mitarbeiter wieder in der Kirche sein, Kabel verlegen und das Smartphone anschalten.

Eines beschäftigt den Pater gerade besonders: In den vergangenen Tagen sind in seiner Gemeinde einige Menschen gestorben. Der Pater sorgt sich. Wie organisiert er die Beerdigungen? Die Trauergespräche führt er notgedrungen am Telefon. Aber wie viele Trauernde dürfen überhaupt zu den Beerdigungen kommen? Er weiß es im Moment gar nicht. Und er weiß auch nicht, wie er Menschen abweisen soll, wenn zu viele kommen.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 22. März 2020 um 17:15 Uhr.

Korrespondent

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Ute Spangenberger, SWR

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