Jose und Marina Almeida | Bildquelle: BR

Nahverkehr in der Corona-Krise Verkehrswende auf der Kippe?

Stand: 03.06.2020 11:41 Uhr

Im Nahverkehr kann es zu Stoßzeiten eng werden wie in einer Disco. Kein Wunder, dass viele aus Angst vor dem Coronavirus nun Bus oder Straßenbahn meiden. Die Folgen: wegbrechende Einnahmen und Kommunen in Not.

Von Andreas Herz, BR

Jose Almeida will sich überwinden. Zum ersten Mal seit Beginn der Corona-Krise will er mit seiner Frau wieder in die Linie 1 einsteigen, Richtung Augsburger Innenstadt. Als die Bahn anfährt, zieht er seine Maske enger. In seinem kleinen Rucksack steckt Desinfektionsmittel.

Der 30-Jährige und seine Frau haben Angst vor dem Coronavirus. So wie viele andere. Wo sich sonst Menschen drängen, gibt es in der Tram nun viele leere Plätze.

Bis zu 90 Prozent weniger Fahrgäste

Im März und April sei die Zahl der Fahrgäste in vielen Städten und Gemeinden um bis zu 90 Prozent eingebrochen, so der Deutsche Städte- und Gemeindebund. Auch nach den Lockerungen seien nur etwa 20 bis 40 Prozent der sonst üblichen Fahrgäste mit Bus und Bahn unterwegs, während das Angebot bereits wieder bei nahezu 100 Prozent des Normalfahrplans liege.

Dieses Missverhältnis - voller Betrieb bei einem Bruchteil der Einnahmen - leert die Kassen. Die öffentlichen und privaten Verkehrsunternehmen rechnen bis Jahresende mit Verlusten von fünf bis sieben Milliarden Euro. Während die Abonnements noch bestehen, seien die Ticketverkäufe durch Gelegenheitsfahrer oder Touristen zu fast 100 Prozent weggebrochen, so Prof. Andreas Knie vom Wissenschaftszentrum Berlin. Die Kosten für die Verkehrsbetriebe laufen jedoch ungebrochen weiter.

Sorge vor unkalkulierbaren Kosten

In Augsburg verantwortet Stefanie Rohde den Betrieb des ÖPNV. "Das Schlimmste, das ich antreffen könnte, wären viele Unfallschäden", erklärt sie auf dem Weg zur Werkstatt der Trambahnen. "Das sind Kosten, die nicht kalkulierbar sind und die zu den normalen Kosten oben draufkommen." Allein die Generalüberholung einer Tram kostet rund eine halbe Million. Einsparpotenzial bei der Infrastruktur gibt es Rohde zufolge praktisch nicht.

Sie sieht langfristig nur zwei Optionen, sollten die Fahrgastzahlen nicht bald wieder das alte Niveau erreichen: Entweder das Angebot wird schlechter, oder der Staat hilft den Kommunen, die Daseinsvorsorge zu gewährleisten, zu der auch der ÖPNV gehört.

Diskussion über höhere Preise

Dass die Straßenbahnen bald wieder voll sind, scheint eher unwahrscheinlich: 33 Prozent der ÖPNV-Nutzer, die auch andere Verkehrsmittel nehmen können, haben entschieden, weiter Fahrrad oder Auto zu nutzen, so Prof. Knie. "Ohne finanzielle Hilfe werden die Verkehrsbetriebe ihre Angebote reduzieren müssen."

Denkbar sind höhere Preise, auch wenn davon noch keiner so richtig sprechen will. Zu groß waren die Bemühungen in den vergangenen Jahren, den ÖPNV der Umwelt zuliebe attraktiver zu machen. Doch der Städte- und Gemeindebund macht bereits die Rechnung auf: Nur wenn der Bund einen ÖPNV-Rettungsschirm aufspanne, gebe es "keine Gefahr außerordentlicher Fahrpreissteigerungen". Während bei anderen Verkehrsträgern bereits Rettungspakete umgesetzt würden, warte der ÖPNV noch auf die dringend notwendige Entscheidung der Bundesregierung und der Länder.

Nahverkehr in der Corona-Krise
mittagsmagazin, 03.06.2020, Andreas Herz, BR

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Günstigere Verkehrsmittel als Alternative

Letztlich könnte die Corona-Krise die Verkehrswende in Gefahr bringen. Denn viele Kunden müssen mit dem Geldbeutel entscheiden, ob sie sich Umweltschutz leisten können. Steigende Ticket- oder Abopreise würden andere Verkehrsmittel attraktiver machen. Das mag das Rad sein. Das kann aber auch das Auto sein.

So wie bei Jose und Marina: Sie hatten extra ihr Auto verkauft, um voll auf den ÖPNV zu setzen. Entscheidend waren dafür die vergleichsweise attraktiven Angebote der Stadt. Das Ehepaar hat sich ein Mobilitätsabo zugelegt, mit dem sie entscheiden können, ob sie Bus, Tram oder Car-Sharing nutzen, je nach Bedarf. Sollten die Nahverkehrspreise aber steigen oder sich die Taktung verschlechtern, werden sie überlegen, ob sie sich wieder ein eigenes Auto zulegen.

Über dieses Thema berichtete das ARD-Mittagsmagazin am 03.06. um 13:28 Uhr

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