Das St.-Antonius-Hospital in Eschweiler bereitet sich im September auf Covid-19-Patienten vor. | Bildquelle: REUTERS

Corona-Pandemie Mehr Covid-19-Patienten in Kliniken

Stand: 14.10.2020 07:35 Uhr

Die Krankenhäuser müssen wieder zunehmend schwer erkrankte Corona-Patienten behandeln. Besonders in den großen Städten steigt die Zahl stark an.

Von Oda Lambrecht und Christian Baars, NDR

In Deutschland ist eine Diskussion über die Aussagekraft der Corona-Infektionszahlen entbrannt. Klar ist: Es stecken sich immer mehr Menschen an - vor allem in den Großstädten. Sie seien "der Schauplatz, wo wir sehen, ob wir die Pandemie unter Kontrolle halten können oder ob uns die Kontrolle entgleitet", sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel vor einigen Tagen. Sie sprach von einem besorgniserregenden Bild. Und der Chef des Robert Koch-Instituts (RKI), Lothar Wieler, sagte, die aktuelle Situation beunruhige ihn sehr.

Andere wiederum beschwichtigten, so etwa der Vorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), Andreas Gassen. In einem Interview mit der "Neuen Osnabrücker Zeitung" warf er dem RKI "falschen Alarmismus" vor und sagte: "Wir müssen aufhören, auf die Zahl der Neuinfektionen zu starren wie das Kaninchen auf die Schlange." Selbst 10.000 Infektionen täglich wären kein Drama, wenn wie derzeit nur einer von 1000 schwer erkranke.

Die Frage ist also: Werden möglicherweise zwar viele Ansteckungen festgestellt, die aber bei 99,9 Prozent der Infizierten unproblematisch verlaufen, wie es der KBV-Vorsitzende darstellt? Die Daten jedenfalls widersprechen ihm. Laut RKI kommen aktuell etwa sechs Prozent der bestätigt Infizierten in ein Krankenhaus - sind also so schwer erkrankt, dass sie stationär behandelt werden müssen. In der vergangenen Woche waren dies mehr als 1000 Infizierte. Und laut dem DIVI-Intensivregister waren deutschlandweit Ende August 246 Covid-19-Patienten in intensivmedizinischer Behandlung. Aktuell sind es mehr als 600.

Klarer Trend

Der NDR hat zudem bei den 15 größten Städten angefragt, wie viele Covid-19-Patienten in den vergangenen Monaten stationär behandelt wurden. Nicht alle haben diese Daten erfasst. Doch aus den vorliegenden Zahlen lässt sich ein klarer Trend erkennen. Im Sommer sank die Zahl der stationär behandelten Patienten in allen großen Städten zunächst deutlich und stabilisierte sich dann auf einem niedrigen Niveau.

Doch seit Mitte September ist in fast allen großen Städten ein zunächst leichter Anstieg zu sehen, der sich seit Anfang Oktober deutlich beschleunigt. Wie viele der täglich neu Infizierten tatsächlich ins Krankenhaus müssen, lässt sich daraus zwar nicht ablesen, aber klar ist: Es kommen derzeit deutlich mehr Menschen wegen einer Covid-19-Erkrankung in eine Klinik als wieder entlassen werden.

Zahl der Klinik-Patienten steigt

In Berlin waren Ende August weniger als 40 Covid-19-Patienten im Krankenhaus. Im Lauf des Septembers stieg diese Zahl zunächst langsam. Ende des Monats waren etwa 100 Patienten zeitgleich im Krankenhaus. Und nun hat sich diese Zahl noch einmal in weniger als zwei Wochen verdoppelt. Aktuell werden 201 Covid-19-Patienten in Berlin stationär behandelt, 49 von ihnen intensivmedizinisch (Stand: 12.10.).

In Hamburg und Köln hat sich die Zahl der Krankenhaus-Patienten seit Ende September jeweils fast verdoppelt - von 34 auf 62 in Hamburg beziehungsweise von 56 auf 100 in Köln. In beiden Städten liegen auch wieder mehr schwer Erkrankte auf Intensivstationen. München teilte mit, dass dort seit Mitte August täglich zwischen etwa 20 und 50 Personen wegen Corona hospitalisiert würden, "mit leicht steigender Tendenz in den letzten Tagen".

Auch in fast allen anderen großen Städten, die Daten veröffentlichen oder auf Anfrage geschickt haben, werden zunehmend mehr Infizierte in Kliniken behandelt. Nur Leipzig meldet noch eine konstant niedrige Zahl von aktuell neun Patienten in stationärer Behandlung. Dort sind aber auch die Infektionszahlen vergleichsweise niedrig.

Bettenauslastung steigt

Stuttgart hat zwar keine konkreten Zahlen zu den Krankenhaus-Patienten geschickt, aber eine grafische Auswertung. Demnach waren dort die Covid-Normalstationen Ende August nur zu etwa fünf Prozent ausgelastet, einen Monat später zu etwa 15 Prozent. Anfang Oktober stieg die Bettenauslastung dann sprunghaft auf etwa 25 Prozent.

Frankfurt wiederum übermittelte Daten dazu, wie viele der gemeldeten Covid-19-Infizierten aus der Stadt innerhalb einer Woche hospitalisiert werden mussten, also ins Krankenhaus kamen. Das waren zwischen Anfang Mai und Mitte September durchschnittlich weniger als zehn Prozent. Doch seitdem ist diese Zahl von zwölf Prozent in der Woche vom 14. bis 20. September auf 37 Prozent in der vergangenen Woche gestiegen. Nur auf dem bisherigen Höhepunkt der ersten Pandemie-Welle - zwischen Ende März und Mitte April - lag diese Quote noch höher. Gleichzeitig haben sich jüngst wieder deutlich mehr Menschen angesteckt - in der Woche ab dem 14. September wurden in Frankfurt etwa 150 Fälle gemeldet, Anfang Oktober waren es rund 500.

"Unterschätzte Gefahr durch zeitliche Verzögerungen"

Dass genau dies passiert, sagen Experten schon seit Längerem vorher. Die Deutsche Gesellschaft für Epidemiologie hat Anfang September zusammen mit zwei anderen Fachgesellschaften eine Stellungnahme veröffentlicht. Darin weisen sie auf die "unterschätzte Gefahr durch zeitliche Verzögerungen" hin. Man müsse bedenken, "dass das tatsächlich dramatische Geschehen ja immer mit Verzögerung kommt", erklärt eine der Autorinnen, die Münchner Epidemiologin Eva Grill. "Von denen, die sich heute infizieren, ist das vielleicht erst in drei Wochen, in vier Wochen sichtbar." Und die Sterbefälle würden erst noch später in Erscheinung treten. Hinzu käme, dass sich im Sommer vor allem Jüngere angesteckt hätten, nun aber das Durchschnittsalter wieder steige. Diese Dynamik mache ihr Sorgen, so Grill.

Deshalb ärgern sich auch eine Reihe von Mediziner zunehmend über ihren offiziellen Vertreter, den KBV-Chef Gassen. Marc Hanefeld etwa ist Allgemeinmediziner in Bremervörde und hat zuvor als Intensivmediziner gearbeitet. In einem offenen Brief, den er über Twitter verbreitet hat und für den er nach eigenen Angaben von vielen Kollegen Zuspruch bekommen hat, fordert er den Rücktritt von Gassen. Er wirft ihm eine "hoch-gefährliche Art der Kommunikation vor".

"Bärendienst erwiesen"

Im Interview mit dem NDR sagt Hanefeld, Gassen haben den Ärzten "einen Bärendienst erwiesen", damit, dass er die Bedrohung herunterspiele - gerade jetzt zu Beginn des Herbstes, wo die Fallzahlen wieder stiegen. Es müsse jetzt darum gehen, Menschen zu schützen. Nicht nur Ältere seien gefährdet, betonte Hanefeld, es gebe ja auch einige jüngere Menschen, die schwer erkrankten - und viele, die Wochen oder Monate lang an den Folgen einer Infektion litten.

Die KBV bleibt jedoch auf Anfrage des NDR bei ihrer Position. Sie mahnt zwar zur Sorgfalt, betont aber, es gebe "keinen Anlass zur Angst." Sie verweist darauf, dass das Gesundheitssystem gut aufgestellt sei und die Kliniken ausreichend freie Intensivbetten hätten. Außerdem schreibt sie, es sei nötig, vor allem auf die infizierten Altersgruppen zu schauen, da jüngere Menschen nur sehr selten wegen einer Coronainfektion sterben würden. Die KBV vergleicht die aktuelle Situation mit der Lage im April, als deutlich mehr Infizierte schwer erkrankten. Damals haben sich laut dem KBV wesentlich mehr ältere Menschen angesteckt.

Risiko gestiegen

Jedoch zeigt der aktuelle Lagebericht des RKI, dass sich nun wieder zunehmend mehr Ältere infizieren, insbesondere im Alter von mindestens 70 Jahren, die besonders gefährdet sind. Im Sommer waren es in dieser Gruppe immer weniger als 300 Infektionen pro Woche, teils sogar weniger als 200. Seit einem Monat steigt diese Zahl aber wieder deutlich an. In der vergangenen Woche zählte das RKI fast 2000 Fälle von Infektionen in der Altersgruppe ab 70 und fast ebenso viele im Alter zwischen 60 und 69 Jahren. Folglich ist das Risiko wieder deutlich gestiegen, dass es zu mehr schweren oder gar tödlichen Verläufen kommt.

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 14. Oktober 2020 um 07:15 Uhr.

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Christian Baars, NDR Logo NDR

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Oda Lambrecht, NDR

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