Medizinisches Personal verpflegt einen Patienten. | Bildquelle: dpa

Steigende Infektionszahlen "Corona-Müdigkeit" macht Ärzten Sorge

Stand: 21.08.2020 04:21 Uhr

Die Zahl der Corona-Neuinfektionen steigt wieder. Was das für die Krankenhäuser bedeutet, zeigt ein Beispiel aus Nordrhein-Westfalen. Die Mediziner dort warnen vor "Corona-Müdigkeit".

Von Oda Lambrecht, NDR

Jeden Mittwoch um 11 Uhr trifft sich der Pandemiestab der Stiftung Mathias-Spital, einem Klinikverbund in Nordrhein-Westfalen, um aktuelle Fragen zur Ausbreitung des neuen Coronavirus zu besprechen. Im Moment sind die steigenden Infektionszahlen Thema. Das Team aus Ärzten und Pflegern am Standort Ibbenbüren sieht die Entwicklung mit großer Sorge.

Steigende Infektionszahlen bereiten Ärzte-Team Sorge

"Jetzt geht's wieder los. Nachdem es lange ruhiger war, kommen nun wieder mehr Erkrankte in die Kliniken", sagt Infektiologin Jana Schröder. Zum ersten Mal seit mehr als zwei Monaten sei nun wieder eine Patientin an einer Infektion mit dem neuen Coronavirus gestorben, erzählt sie. Die Chefärztin leitet das Hygiene-Institut des Klinikverbundes. Sie muss dafür sorgen, dass sich das neue Coronavirus hier nicht verbreitet, dass Patienten, Ärzte und Pflegekräfte ausreichend geschützt sind.

Derzeit werden in Deutschland täglich wieder mehr als 1500 neue Infektionsfälle registriert. Für die Ärzte und Pfleger in Ibbenbüren sind das keine abstrakten Zahlen. Sie bereiten sich nun wieder auf mehr Patienten vor, die an Covid-19 erkrankt sind.

Die Deutsche Krankenhausgesellschaft bestätigt, Kliniken ständen derzeit vor vielen Herausforderungen. "Wir haben weiterhin keinen Normalbetrieb", heißt es vom Dachverband deutscher Krankenhausträger. Mehrbettzimmer könnten nur einfach belegt werden, so der Verband, dazu komme, dass viele verschobene nicht lebensnotwendige Operationen nachzuholen seien.

Mehr Corona-Fälle: Mehrarbeit und Herausforderungen

Auch in Ibbenbüren führt die Pandemie weiter zu Mehrarbeit und Herausforderungen. Infizierte, Verdachtsfälle und andere Patienten dürften nicht gemeinsam aufgenommen und müssten innerhalb der Kliniken streng getrennt werden, so Infektiologin Schröder. Demnächst seien sie zudem verpflichtet, alle Patienten vor der Aufnahme auf das neue Coronavirus zu testen, sagt Schröder. Sie betont aber, ein negativer Test schließe nicht aus, dass jemand trotzdem infiziert sei.

Dabei muss der Pandemiestab immer im Blick haben, dass ausreichend Schutzkleidung für alle Mitarbeiter zur Verfügung steht. Aktuell würden Untersuchungshandschuhe knapp, warum, wisse sie bisher auch nicht, erzählt die Ärztin.

Fieberaufzug in der Klinik Ibbenbueren | Bildquelle: Oda Lambrecht
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In Fieberaufzügen werden Covid-19-Patienten und Geräte, die nur für den Pandemiebereich bestimmt sind, transportiert. Die übrigen Patienten sollen so geschützt werden.

Pflegeleitung: Arbeit in Schutzkleidung ist anstrengend

Pflegekräfte hätten zwar inzwischen gelernt sich gut zu schützen, sagt Karin Christian, Pflegeleiterin des Klinikverbundes. Doch das Arbeiten im Pandemiebereich sei anstrengend. Man könne den abgetrennten Pandemiebereich in einigen Schichten für sieben bis acht Stunden nicht verlassen, unter der Schutzkleidung sei es warm und durch die Schutzmaske atmeten die Mitarbeiter schwerer als ohne, so Christian.

Auch wenn sie in den vergangenen Monaten viel im Umgang mit dem neuen Virus gelernt hätten, so Schröder, dürfe man die Situation nicht unterschätzen. Ihr Kollege und Leiter einer Intensivstation des Klinikverbundes, Chefarzt Stephan Ziegeler, sagt, viele Menschen, die sich infizieren, kämen da zwar ganz gut durch, aber leider gebe es auch eine erhebliche Zahl an Schwersterkrankten. "Das kann ich auch aus persönlicher Erfahrung sagen", so Ziegeler.

Coronavirus: Schwere Verläufe und Langzeitfolgen

Unter seinen Patienten sei auch ein Mann Mitte 40 ohne Vorerkrankungen gewesen, den er an eine Lungenersatzmaschine anschließen musste, erzählt der Intensivmediziner. Den schweren Verlauf habe er sich nicht erklären können. Eine Covid-19-Erkrankung könne auch zu Langzeitfolgen führen, so Intensivmediziner Ziegeler, etwa zu Problemen des Nervensystems. Ehemalige Patienten berichteten ihm zum Beispiel von eingeschränkter Denk- und Merkleistung, andere von depressiven Verstimmungen.

Auch sein Arzt-Kollege Markus Kindermann, Leiter der Klinik für Lungenheilkunde in Ibbenbüren, berichtet von schwerwiegenden Problemen, etwa von Lähmungserscheinungen der Atemmuskulatur und von einer Verhärtung des Lungenbindegewebes. Durch eine sogenannte Fibrose versteife die Lunge, und es komme zu einer eingeschränkten Sauerstoffaufnahme, so Kindermann.

Nötige Schutzkleidung verändert Arzt-Patienten-Verhältnis

Der Lungenarzt weist aber auch auf seine persönlichen Anstrengungen im Klinikalltag hin. Er muss gegebenenfalls hochinfektiöse Covid-19-Erkrankte und anfällige Lungenkranke wie etwa Krebspatienten parallel behandeln, ohne das Virus weiter zu tragen. Das erfordere mehr Zeit und große Disziplin.

Außerdem erzählt er, dass die erforderliche Schutzkleidung das Arzt-Patienten-Verhältnis verändere: Trösten sei schwieriger, seine Mimik sei durch die Maske kaum zu erkennen. Die Pandemie-Situation löse bei manchen Patienten auch Ängste aus, denen er begegnen müsse, so Kindermann.

ProFlowMasken | Bildquelle: Oda Lambrecht
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Die sogenannten ProFlowMasken filtern die Luft, so dass es zu keinem Vireneintrag kommt. Ärzte in der Klinik tragen sie, wenn sie über längere Zeit Covid-19-Patienten behandeln.

Klinikärzte warnen vor "Corona-Müdigkeit"

Aufgrund all dieser Erfahrungen warnt Intensivmediziner Ziegeler vor einer gewissen "Corona-Müdigkeit", die er im Moment wahrnehme. Auch Infektiologin Schröder fordert, dass Menschen Rücksicht nähmen, Abstand wahrten, Hygieneregeln einhielten und Maske trügen. Eigentlich wisse man inzwischen ganz gut, wie man das Virus ausbremsen könne, aber es müssten sich auch alle an die neuen Regeln halten - auch um das Gesundheitssystem nicht unnötig zu belasten.

Die Herausforderungen könnten im Herbst noch steigen. Im Moment infizieren sich vermehrt jüngere Menschen mit dem neuen Virus. Infektiologin Schröder fragt sich, ob die nun vermehrt ältere Menschen in ihrer Familie ansteckten, die statistisch gesehen häufiger schwer erkrankten. Auch das Robert Koch-Institut mahnt, einen Eintrag in die besonders gefährdeten Bevölkerungsgruppen gelte es zu verhindern.

Intensivmediziner Ziegeler ergänzt, im Herbst kämen wahrscheinlich noch Erkältungs- und Grippefälle dazu. "Wir werden dann diese Fälle schnell von den Corona-Fällen unterscheiden müssen," so Ziegeler. Es könnte dann auch zu einer Personalnot an Kliniken kommen, mahnt er, wenn etwa Ärzte und Pflegepersonal mit Erkältungssymptomen wie Husten, Schnupfen und Halsschmerzen sicherheitshalber zu Hause bleiben müssten, bis eine mögliche Corona-Infektion ausgeschlossen sei.

Korrespondentin

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Oda Lambrecht, NDR

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