Eine Erzieherin liest mit Zwillingen ein Buch in einer Kindertagesstätte | dpa

Erhebung mehrerer Unis Kinder laut Studie keine Infektionstreiber

Stand: 16.06.2020 16:01 Uhr

Wie sehr tragen Kinder zur Verbreitung des Coronavirus bei? Wenige Aspekte der Pandemie führen zu so engagierten Debatten wie diese Frage. Eine neue Studie aus Süddeutschland gibt vorerst Entwarnung.

Geschlossene Kindergärten und Schulen, Eltern in Organisationsnot: Die mögliche Übertragung des Coronavirus durch Heranwachsende und Jugendliche hat viele Familien und Unternehmen zu erheblichen Umstellungen genötigt und auch Kindergärten und Schulen massiv belastet.

Eine neue Studie aus Baden-Württemberg scheint nun für einen Teilbereich Entwarnung zu signalisieren: Demnach stecken sich Kinder wohl seltener mit dem Coronavirus an als ihre Eltern.

Sie seien daher nicht als Treiber der Infektionswelle anzusehen, sagte Klaus-Michael Debatin, Ärztlicher Direktor der Kinderklinik am Universitätsklinikum Ulm, zum Ergebnis der Untersuchung, die in Stuttgart vorgestellt wurde.

Die Ursache? Fragezeichen

Die Ursache für dieses Phänomen sei noch nicht geklärt, erklärte Debatin weiter. Mögliche Gründe seien, dass sie weniger Rezeptoren haben, an die das Virus andocken kann, dass sie über ein stärkeres Immunsystem im Nasen-Rachen-Raum verfügen und stärkere sogenannte T-Zellen haben, die für die Immunabwehr wichtig sind.

Auffällig sei auch, dass Kinder keine überschießende Entzündungsreaktion entwickeln wie Erwachsene mit schweren Krankheitsverläufen. "Womöglich können wir von Kindern etwas lernen, das bei der Behandlung helfen kann", sagte der Experte.

Tausende Teilnehmer

Für die Studie waren etwa 5000 Menschen ohne Corona-Symptome auf das Virus und auf Antikörper dagegen getestet worden: rund 2500 Kinder unter zehn Jahren und je ein Elternteil. Die Studie wurde bisher noch nicht in einem Fachjournal veröffentlicht.

Im Untersuchungszeitraum von 22. April bis 15. Mai war aktuell nur ein Elternteil-Kind-Paar infiziert. 64 Getestete hatten Antikörper gebildet und weitgehend unbemerkt eine Corona-Infektion durchlaufen, was einer Häufigkeit von 1,3 Prozent entspricht. Darunter befanden sich 45 Erwachsene und 19 Kinder. Kinder in Notbetreuung waren den Ergebnissen zufolge nicht häufiger infiziert als andere.

Die Konsequenzen für die Politik

Man habe mit der Studie aber nicht gezielt untersucht, wie infektiös Kinder sind, sagte Hans-Georg Kräusslich, Sprecher des Zentrums für Infektiologie am Universitätsklinikum Heidelberg. Man könne bei den positiv getesteten Eltern-Kind-Paaren keine grundsätzliche Aussage darüber treffen, wer wen angesteckt hat.

Der baden-württembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann wertete die Ergebnisse als Bestätigung des Lockerungskurses. Damit sei die schrittweise Öffnung der Kindertagesstätten und Grundschulen "verantwortbar aufgrund wissenschaftlicher Aussagen".

An der Studie beteiligt waren die Universitätskliniken in Freiburg, Heidelberg, Tübingen und Ulm. Das Ergebnis sei eine der weltweit größten Untersuchungen dieser Art. Gemeinsam hätten die vier Universitäten eine "international sichtbare Schlagkraft" entwickelt, sagten die Forscher.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 16. Juni 2020 um 21:00 Uhr.