Ein Mitarbeiter im Gesundheitswesen zeigt in einer Corona-Abstrichstelle einen Abstrich für einen Corona-Test (Archivbild). | dpa

Kapazitäten für PCR-Tests Die Limits der Labore

Stand: 13.01.2022 04:24 Uhr

Die Zahl der Corona-Fälle in Deutschland steigt rasant. Im Norden schaffen es Labore kaum noch, alle PCR-Tests zeitnah auszuwerten. Massentestungen, wie sie Politiker fordern, sind aktuell nicht zu leisten, Schnelltests eine Notlösung.

Von Kristin Becker, ARD-Hauptstadtstudio

Im Norden brechen sie im Moment Rekorde. Die Inzidenzzahlen etwa in Lübeck waren noch nie so hoch wie in diesen Tagen. Die Labore dort bringt das ans Limit. Innerhalb der vergangenen Woche habe sich die Anzahl der Proben vervierfacht, sagt der Lübecker Mediziner und Vorsitzende des Berufsverbands der Deutschen Laborärzte, Andreas Bobrowski. "Aktuell haben wir in unserem Labor 50 Prozent positive Tests". Er ist besorgt: "Keiner hat damit gerechnet, dass es so explodiert."

Kristin Becker ARD-Hauptstadtstudio

Die Folge sind längere Wartezeiten für die Testauswertungen - und Priorisierungen: Krankenhäuser und Pflegepersonal zum Beispiel gehen vor.

Auch in anderen Städten ist es mühsamer geworden, schnell einen PCR-Test zu bekommen. Zugleich aber sind Schnelltests keine optimale Alternative und stehen zum Teil auch qualitativ in der Kritik. "Für asymptomatische Patienten sind die Schnelltests nur bedingt tauglich", betont Bobrowski, der ein Freitesten aus Quarantäne oder Isolation damit kritisch sieht.

Testkapazitäten ausbauen

Massen-PCR-Tests fordert Sepp Müller, stellvertretender Fraktionsvorsitzender der Union im Bundestag. "Angesichts von Omikron muss man für Gemeinschaftseinrichtungen, Schulen, Pflegeheime, aber auch insgesamt die Kapazitäten ausweiten." Er schaut skeptisch auf die Schnellteststrategie der Bundesregierung, auch mit Blick auf die Regeln rund um 2G-Plus, und verweist auf Österreich, allen voran Wien, wo inzwischen PCR- statt Antigen-Tests Alltag sind.

Janosch Dahmen, Gesundheitspolitiker der Grünen, spricht sich ebenfalls für mehr sogenannte PCR-Pool- bzw. Reihen-Tests aus, bei denen die Proben einer Gruppe, zum Beispiel einer Schulklasse, zusammengefasst werden. Das spart im Normalfall Material und Zeit. Nur wenn eine der Proben positiv ist, wird genauer nachgetestet. Deutschland müsse dahingehend die Testkapazitäten ausbauen - auch langfristig gedacht, denn diese würde man wahrscheinlich noch eine Weile brauchen.

Fachkräfte sind schwer zu finden

Die Auslastung der Laborkapazitäten werde angesichts der Fallzahlen wohl überall in Deutschland steigen, "insofern wäre es fahrlässig, die Nachfrage zu erhöhen", entgegnet Regierungssprecher Steffen Hebestreit in der Bundespressekonferenz auf Fragen bezüglich einer allgemeinen Ausweitung von PCR-Testungen. Meint: In Deutschland großflächig von Antigen- auf PCR-Tests umzusteigen, ist momentan nicht drin.

Das bestätigt Andreas Bobrowski. Reagenzien, also Chemikalien und Material für die PCR-Tests, seien zwar derzeit ausreichend vorhanden, so der Labormediziner. Aber das reiche nicht. Zusätzliche Geräte zu beschaffen, sei das eine Problem - man konkurriere mit anderen Ländern auf dem Weltmarkt -, vor allem aber sei es schwer, noch mehr Fachkräfte zu finden: "Die Analytik von PCR-Tests ist ein komplexer Prozess, der nicht ohne Weiteres mit schnell angelerntem Personal erledigt werden kann."

Noch seien Labore in anderen Regionen nicht so ausgelastet wie viele Labore im Norden, aber das werde sich vermutlich sehr zeitnah ändern. Zudem funktioniere bei hohen Inzidenzen das Konzept von Pool-Tests nicht mehr gut - weil man in einer solchen Situation quasi in fast jeder Pool-Gruppe nachtesten müsse, und zwar jede einzelne Probe, was den Aufwand stark erhöhe.

Nur bei niedrigen Inzidenzen sinnvoll

Das unterschreibt auch die Frankfurter Virologin Sandra Ciesek. Reihentestungen machten nur bei niedrigen Inzidenzzahlen Sinn. Heißt also: An den Antigenschnelltests kommt man aktuell nicht vorbei. Dass sie vielen vor allem als Türöffner für Freizeitveranstaltungen, Sport oder Gastronomie im Rahmen von 2G-Plus dienen, sehen viele Fachleute mit gewissen Bauchschmerzen.

"Antigen-Schnelltests schlagen nur in etwa der Hälfte der Fälle richtig an, das wissen wir schon seit über einem Jahr", sagt Ciesek. Das habe sich auch mit Omikron nicht grundsätzlich geändert.

Allerdings gebe es Hinweise darauf, dass die Schnelltests bei Omikron erst später im Verlauf einer Infektion positiv ausfielen. Ob das an der Virusvariante liege oder daran, dass inzwischen viele Menschen geimpft sind, sei noch unklar. "Bislang gibt es zu wenige und zu wenig umfangreiche Studien zur genaueren Wirksamkeit der Schnelltests im Fall von Omikron", so Ciesek.

Qualitätsunterschiede bei Schnelltests

Auch Ciesek sieht große Qualitätsunterschiede bei den verschiedenen Schnelltests und verweist zudem auf die Anwendung: "Wenn Sie den Abstrich nicht richtig machen, bringt der beste Test unter Umständen nichts." Das gelte ebenso für die Frage, wie gut das Freitesten etwa am Ende einer Infektion funktioniere.

Entgegen anders lautender Gerüchte sei bislang nicht abschließend geklärt, ob Nasen- oder Rachenabstrich bei Omikron der bessere Ansatz sei. Laien sollten Selbsttests nach Packungsbeilage durchführen und gegebenenfalls nach einigen Stunden wiederholen, wenn das Ergebnis zunächst negativ ausfalle, man aber Symptome habe. "Klar wiederum ist, wenn bei den aktuell hohen Inzidenzzahlen der Schnelltest positiv ausfällt, ist man sehr wahrscheinlich infiziert", so Ciesek.

Priorisierung bestimmter Gruppen

Was die knapper werdenden PCR-Tests angeht, fordert die Virologin eine klare Priorisierung bestimmter Gruppen, so wie sie die nationale Teststrategie vorsieht: symptomatische Fälle und Personal im Gesundheitswesen und in systemrelevanten Berufen zuerst.

Labormediziner Bobrowski könnte sich auch eine Anpassung der Teststrategie vorstellen. Mitarbeitende der kritischen Infrastruktur, aber auch asymptomatische Fälle, die sehr wahrscheinlich direkten Corona-Kontakt hatten, sollten prioritär mit PCR getestet werden. Dafür könnte man im Mangelfall bei symptomatischen Patienten zunächst auf Schnelltests ausweichen - vorausgesetzt, Qualität und Anwendung der Tests stimmten.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 13. Januar 2022 um 09:00 Uhr.