Medizinisches Personal arbeitet auf einer Intensivstation in Ludwigsburg in einem Zimmer von Covid-19-Patienten | dpa

Corona-Maßnahmen Intensivmediziner für Lockdown-Verlängerung

Stand: 25.02.2021 18:59 Uhr

Deutschlands Intensivmediziner haben eine Verlängerung des Lockdowns bis Anfang April gefordert. Drei Wochen mehr Disziplin seien entscheidend, um durch Impfungen eine schwere dritte Welle zu vermeiden.

Aus Sorge vor einer schweren dritten Welle in der Corona-Pandemie fordern Intensivmediziner eine Verlängerung des bundesweiten Lockdowns über den 7. März hinaus.

Es sei nötig, drei weitere Wochen bis Anfang April durchzuhalten, um mehr Zeit für Impfungen insbesondere der Risikogruppen zu haben, sagte der Präsident der Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (Divi), Gernot Marx.

Virusmutanten bestimmen das Geschehen

Entscheidende Faktoren für die Auslastung der Intensivstationen sind nach Divi-Berechnungen unter anderem die Ausbreitung der ansteckenderen Corona-Variante B.1.1.7 und das Tempo beim Impfen der Menschen über 35 Jahre.

Nach einem neuen Divi-Prognosemodell, das mit verschiedenen Szenarien rechnet, könnte ein Öffnen im März die Zahl schwer kranker Corona-Patienten in Kliniken im schlimmsten Fall exorbitant in die Höhe treiben, hieß es.

Gerechnet werde bei zu frühen Lockerungen im ungünstigsten Szenario bereits Mitte Mai mit bis zu 25.000 Covid-19-Intensivpatienten, ein extrem hoher Wert, der Intensivstationen überfordern würde. Der bisherige Höchststand habe im Januar bei 6000 solchen Patienten gelegen, im Moment seien es rund 2900. Das entspreche etwa dem Höhepunkt der ersten Welle im Frühjahr 2020.

Lockdown sollte bestehen bleiben

Nur wenn der Lockdown fortgeführt werde, so argumentieren die Intensivmediziner, werde es gelingen, sich mit den Impfungen vor die dritte Welle zu schieben.

"Drei Wochen Disziplin zwischen 7. März und 1. April entscheiden das Spiel in der Nachspielzeit", bilanzierte Christian Karagiannidis, medizinisch-wissenschaftlicher Leiter des Divi-Intensivregisters. Noch hilfreicher wäre laut Modell ein Lockdown bis zum 21. April.

Strategiewechsel zu R-Wert empfohlen

Die Divi-Mediziner rieten dazu, Öffnungsstrategien in einem Strategiewechsel am R-Wert auszurichten. Bisher ist dafür eher die Sieben-Tage-Inzidenz im Blick, die Infektionen pro 100 000 Einwohner in einer Woche abbildet. Der R-Wert zeigt, wie viele weitere Menschen ein Infizierter im Durchschnitt ansteckt. Er dürfe nicht über 1,2 steigen, mahnte die Mediziner-Vereinigung.

Durch die ansteckendere Variante wird befürchtet, dass der R-Wert schwerer unter 1 gedrückt werden kann. Erst wenn er längere Zeit unter 1 liegt, flaut das Infektionsgeschehen ab.

Die Intensivmediziner betonten die Wirksamkeit der Impfmittel, auch und gerade des Vakzins von AstraZeneca. Die Impfungen seien der "Rettungsanker", der helfen werde, endlich aus dieser Krise herauszukommen.

Die Bevölkerung sei zwar am Ende, aber Besserung sei in Aussicht. Für die Modelle wurde angenommen, dass die Impfung zu 100 Prozent vor einem so schweren Krankheitsverlauf schützt, dass man auf der Intensivstation behandelt werden muss.

Erschöpftes Personal

Den Medizinern geht es auch um die Belastung für das Personal: Er habe noch nie eine Situation erlebt, in der so viele Mitarbeiter aus verschiedenen Bereichen psychisch, physisch und emotional so erschöpft waren, sagte Marx. "Sie sind keine Maschinen."

Eine am Mittwoch veröffentlichte Berechnung des Robert Koch-Instituts (RKI) hatte mehr als die Hälfte der Menschen in Deutschland über 15 Jahre der Risikogruppe für schwere Covid-19-Verläufe zugerechnet. Ausschlaggebend waren dafür vor allem Alter (über 65 Jahre) und bestimmte Vorerkrankungen.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 25. Februar 2021 um 18:00 Uhr.