Eine Krankenpflegerin versorgt einen Covid-Patienten auf einer Intensivstation des Klinikum Stuttgart, im Vordergrund ist eine Beatmungsmaschine zu sehen.    | dpa

Überlastung in Kliniken Länder bereiten Verlegung von Patienten vor

Stand: 24.11.2021 11:31 Uhr

Weil in einigen Bundesländern die Krankenhäuser durch die vielen Corona-Patienten an ihr Limit geraten, wird die Verlegung von rund 80 Patienten in andere Regionen vorbereitet. Besonders betroffen sind die Kliniken in Thüringen.

Bayern und vier weitere Bundesländer haben vor dem Hintergrund der steigenden Auslastung der bundesweiten Intensivstationen offiziell das sogenannte Kleeblattkonzept zur strategischen Verlegung von Intensivpatienten aktiviert. Um Engpässe in der intensivmedizinischen Behandlung zu vermeiden, sollen bis zum Wochenende mehrere Dutzend Patienten aus den stark von Corona betroffenen Regionen im Osten und Süden in andere Teile Deutschlands verlegt werden.

Wie der Vorsitzende des Arbeitskreises der Innenministerkonferenz für Feuerwehrangelegenheiten, Rettungswesen, Katastrophenschutz und zivile Verteidigung, Hermann Schröder, auf Anfrage mitteilte, wurden über das sogenannte Kleeblatt-Verfahren Anträge auf bundesweite Verlegung für insgesamt rund 80 Patienten aus Bayern und dem Kleeblatt-Ost geprüft.

Vor allem Covid-19-Patienten sollen in andere Regionen gebracht werden. In Ausnahmefällen könnten auch Patienten mit anderen Erkrankungen verlegt werden, sagte Schröder. Generell werde darauf geachtet, dass die aufnehmenden Krankenhäuser in Regionen liegen, die aktuell weniger stark von der Corona-Pandemie betroffen sind.

Konzept in Corona-Pandemie entwickelt

Das sogenannte Kleeblattkonzept wurde in der Corona-Pandemie entwickelt, um bei einer hohen regionalen Auslastung der Intensivstationen die Verteilung von Patienten zu erleichtern. Es sieht vor, dass zunächst innerhalb der fünf Regionen - West, Nord, Ost, Süd, Südwest - verlegt wird. Wenn in einer dieser Regionen absehbar keine freien Plätze mehr vorhanden sind, wird im Austausch mit dem Gemeinsamen Melde- und Lagezentrum von Bund und Ländern beim Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) die Verlegung auch in andere Gebiete organisiert. Eine Fachgruppe des Robert Koch-Instituts berät dabei.

Aktuell gibt es etwa im Norden und in Hessen noch freie Kapazitäten. Thüringen bildet mit Sachsen, Sachsen-Anhalt, Brandenburg und Berlin ein Kleeblatt. Mit Sachsen und Thüringen gehören damit gleich zwei Bundesländer mit hohen Corona-Fallzahlen zum Kleeblatt-Ost. Der aktuell ebenfalls stark von Corona betroffene Freistaat Bayern bildet alleine das Kleeblatt-Süd.

Heute komme die Steuerungsgruppe zusammen, welche die Verlegungen koordiniert, sagte eine DIVI-Sprecherin der Nachrichtenagentur AFP. Dabei solle auch geklärt werden, mit welchen Transportmitteln die betroffenen Patienten verlegt würden. 

"Corona-Lage ist außer Kontrolle"

"Die Corona-Lage ist sehr besorgniserregend und momentan nicht unter Kontrolle", hatte DIVI-Präsident Gernot Marx am Montag gesagt. Man mache sich große Sorgen. Mehr als 3670 Covid-19-Patienten würden derzeit auf Intensivstationen in Deutschland versorgt, knapp 1200 seien vergangene Woche hinzugekommen. Regional, etwa in Bayern, Thüringen, Sachsen und einigen Ballungszentren seien die Intensivstationen bereits überlastet.

"Diese Überlastungssituation macht eine Verlegung in den jeweiligen Bundesländern zurzeit schon notwendig und auch eine Priorisierung", so Marx. Das bedeute, dass planbare Operationen verschoben werden und die Kliniken Reserven schaffen müssten. Wenn die Infektionsdynamik in den nächsten Tagen und Wochen anhalte und es weiter einen ungebremsten Anstieg an schwerkranken Covid-19-Patienten gebe, werde eine Priorisierung von Eingriffen und eine Umorganisation in weiten Teilen Deutschlands notwendig.

Die allgemeine Gesundheitsversorgung stehe dann nicht mehr auf sehr hohem, gewohntem Niveau zur Verfügung. Jeder Notfall und jeder Covid-19-Patient werde jedoch versorgt, betonte Marx.

Thüringens Kliniken am Limit

Thüringen bereitet nach Angaben von Gesundheitsministerin Heike Werner (Linke) bereits die Verlegung von Krankenhauspatienten in andere Bundesländer vor. Es werde in den nächsten Tagen zu solchen Verlegungen kommen, sagte Werner gestern nach einer Kabinettssitzung. Sie führte dies als einen der Gründe dafür an, dass in Thüringen nun die Corona-Maßnahmen deutlich verschärft werden. "Wir können nur dann auf die Solidarität anderer Bundesländer hoffen, wenn wir selbst auch jede Anstrengung unternehmen, um die Welle zu unterbrechen", sagte die Ministerin.

Der Thüringer Intensivkoordinator Michael Bauer hatte bereits vergangene Woche davor gewarnt, dass wie im vergangenen Winter auch wieder Verlegungen bis nach Schleswig-Holstein möglich sein könnten. Auch jetzt sei die Situation in den Nachbar-Bundesländern angespannt, eine Verteilung über das Kleeblattsystem sei schwierig.

In Thüringen gilt die Situation in den Krankenhäusern als äußerst angespannt. Gestern war mehr als ein Drittel der im Land verfügbaren Intensivbetten mit Covid-19-Patienten belegt. Die Hospitalisierungsrate lag mit 18,3 Corona-Patienten pro 100.000 Einwohnern in einem Sieben-Tage-Zeitraum bundesweit mit Abstand am höchsten.

Auch Bayern bereitet sich auf den Transport einer größeren Zahl von Intensivpatienten in andere Bundesländer vor. In den kommenden Tagen sollen nach DIVI-Angaben mehrere Patienten in andere Kleeblatt-Regionen verlegt werden.

Sachsen von Triage noch "weit weg"

In Sachsen ist die Lage noch etwas entspannter: Nach Angaben von Krankenhauskoordinator Michael Albrecht ist man dort noch weit von einer Triage entfernt. Das Dresdner Uniklinikum habe in der Nacht zu Montag erst zehn neue Intensivpatienten aufgenommen. "Wir sind also jeden Tag am Umorganisieren der verfügbaren Kapazitäten, um die Versorgung zu gewährleisten. Dennoch sind wir weit weg davon, die Angebote an intensivmedizinischer Versorgung zu limitieren oder zu triagieren."

Am Montag hatte der Präsident der Landesärztekammer, Erik Bodendieck, in mehreren Interviews gesagt, dass sich Sachsen auf eine Triage vorbereiten müsse. Triage bedeutet, dass Mediziner aufgrund von knappen Ressourcen entscheiden müssen, wem sie zuerst helfen. Die Prognose von Montagmorgen sage voraus, dass es am 6. Dezember 669 Intensiv-Patienten im Freistaat geben werde, sagte Albrecht. "Derzeit liegen wir bei knapp 350, das bedeutet fast eine Verdopplung der jetzigen Intensiv-Patientenzahlen in 14 Tagen."

Wenn die neuen Corona-Regeln nicht wirkten, müsse man tatsächlich überlegen, wie die Patienten optimal versorgt werden könnten. Albrecht sagte zugleich, dass kein Krankenhaus in die Situation kommen müsse, zu triagieren. "Wenn ein solcher Fall droht, wird der Patient in ein Krankenhaus innerhalb des Clusters oder Netzwerkes verlegt. Sollten wir damit an die Grenze geraten, wird der Patient innerhalb der Kleeblatt-Organisation bundesweit entsprechend verlegt."

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 24. November 2021 um 06:00 Uhr.

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Moderation 24.11.2021 • 13:04 Uhr

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