Impfpass mit Eintrag der Corona-Schutzimpfung | dpa

Ständige Impfkommission Impfempfehlung für alle Kinder unwahrscheinlich

Stand: 26.05.2021 11:45 Uhr

Keiner der in Deutschland verwendeten Impfstoffe ist bisher für Kinder zugelassen - dennoch plant Gesundheitsminister Spahn ein Impfangebot bis Ende August. Die STIKO aber sieht eine allgemeine Impfempfehlung skeptisch.

Ein Mitglied der Ständigen Impfkommission (STIKO) hat sich skeptisch zu möglichen Massenimpfungen von Kindern und Jugendlichen geäußert. Eine allgemeine Impfempfehlung der STIKO für Kinder und Jugendliche halte er für unwahrscheinlich, sagte Kommissionsmitglied Rüdiger von Kries im rbb. Grund dafür sei das unklare Risiko einer Corona-Impfung bei Kindern. 

"Die STIKO ist ein autonomes Organ, wir arbeiten nicht auf Zuruf des Ministeriums, wir treffen unsere Entscheidungen nach Bewertungen der Risiken und des Nutzens", sagte von Kries. Momentan sei "nichts" über die Nebenwirkungen von Corona-Impfungen bei Kindern bekannt. "Bei unklarem Risiko kann ich zur Zeit noch nicht vorhersehen, dass es eine Impfempfehlung für eine generelle Impfung geben wird."

Herdenimmunität weiterhin das Ziel

Das Ziel der Herdenimmunität sei zwar weiterhin vorhanden, sagte van Kries. Aber Herdenimmunität dürfe nicht das primäre Ziel für Impfungen von Kindern sein. "Kinderimpfungen macht man, damit die Kinder davon profitieren können, damit den Kindern schwere Krankheiten erspart bleiben", betonte der Mediziner. Herdenimmunität könne viel besser erreicht werden, wenn sich um die 40 Millionen gekümmert werde, die noch nicht geimpft sind. Diese würden zudem sehr viel mehr von den Impfungen profitieren als die Kinder.

Die Zeitungen des Redaktionsnetzwerks Deutschland berichteten unter Berufung auf "informierte Kreise", statt einer generellen Impfempfehlung für Kinder und Jugendliche werde es wahrscheinlich nur eine für Zwölf- bis 15-Jährige mit bestimmten chronischen Erkrankungen geben.

Auch die stellvertretende Vorsitzende der SPD-Bundestagsfraktion, Bärbel Bas, rechnet mit einem derartigen Vorgehen. "Ich gehe davon aus, dass die STIKO eine Liste von Krankheiten erstellen wird, bei denen sie die Impfung für Kinder empfiehlt", sagte die Gesundheitspolitikerin dem RND. Kinder mit diesen Krankheiten müssten dann zuerst geimpft werden, das müsse trotz der Aufhebung der Priorisierung sichergestellt sein. "Nach Aufhebung der Priorisierung und nach der Zulassung eines Impfstoffes können Eltern ihre Kinder unabhängig von diesen Risikofaktoren impfen lassen."

Schulöffnungen "kein Kriterium"

Die Impfungen der Kinder und Jugendlichen sollten ihrer Ansicht nach kein Kriterium für Schulöffnungen sein. "Es ging ja immer auch darum, die Übertragung auf Eltern und insbesondere Großeltern zu verhindern. Wenn nach den Sommerferien alle ein Impfangebot bekommen haben, dann fällt diese Begründung weg."

Zuvor hatte STIKO-Chef Thomas Mertens im Deutschlandfunk gesagt, die Rückkehr zum Präsenzunterricht sei nach Ansicht der STIKO kein entscheidender Grund für die Corona-Impfung von Kindern. Im Vordergrund müsse die Frage stehen, wie hoch die Gefährdung der Kinder durch eine Infektion mit dem Coronavirus sei, sagte Mertens. Auch Privatleben oder Urlaub mit den Eltern seien sekundäre Argumente, "die für sich alleine genommen keine ausreichende Begründung liefern, um jetzt alle Kinder zu impfen".

Die Europäische Gesundheitsbehörde EMA prüft, ob sie den Impfstoff von BioNTech für ältere Jugendliche empfiehlt. Die STIKO behält sich vor einer Empfehlung noch eine Prüfung vor. Mertens rechnet innerhalb der nächsten 10 bis 14 Tage mit einem Ergebnis der Beratungen. "Es kann sein, dass die STIKO den Vorstellungen der Politik nicht in allen Punkten nachkommen kann, da die Ergebnisse das unter Umständen nicht hergeben", so Mertens.

Spahn sprach sich dafür aus, Jugendliche auch ohne eine generelle Empfehlung der STIKO in die Impfkampagne einzubeziehen. Irgendeine Empfehlung werde es schon geben, sagte Spahn im Sender RTL. "Im Lichte dieser Empfehlung können dann die Eltern mit ihren Kindern, den Ärztinnen und Ärzten die konkreten Entscheidungen treffen, ob jemand geimpft wird oder nicht." Der Minister verwies zugleich darauf, dass ein Vakzin bei einer positiven Entscheidung durch die EMA für Jugendlichen ab zwölf Jahren für diese dann auch völlig regulär zugelassen wäre.

Ethikratsvorsitzende Buyx für Impfangebot

Unterstützung erhielt Spahn von der Vorsitzenden des Deutschen Ethikrats, Alena Buyx. Im NDR sagte sie, sie halte ein Impfangebot für Kinder und Jugendliche für richtig. "Das stärkste Argument, Zwölf- bis 15-Jährige zu impfen, ist einfach, dass sie auch selbst natürlich einen Schutz haben möchten." Auch bei Jugendlichen gebe es schwere Verläufe und das Long-Covid-Syndrom. "Dann kommen Gruppenschutz-Gründe - dass die Schule sicherer wird - hinzu, und natürlich wird das auch einen Beitrag leisten für die Pandemie."

Eine Impfung als Voraussetzung zur Teilnahme am Präsenzunterricht lehnte Spahn allerdings ab. "Ich sehe nicht, dass wir eine verpflichtende Impfung haben werden für den Schulbesuch", sagte er RTL. Zuvor hatte der Bundesverband der Kinder- und Jugendärzte vor einer "Impfpflicht durch die Hintertür" gewarnt. "Der Schulbesuch darf nicht an eine Corona-Impfung geknüpft werden", sagte Verbandssprecher Axel Geschlauer der "Rheinischen Post".

Kritik kam an Spahns Vorschlag, BioNTech-Impfdosen für Schüler zu reservieren. "Der Vorstoß ist zum jetzigen Zeitpunkt nicht nachvollziehbar", sagte der Chef des Zentralinstitut für die Kassenärztliche Versorgung, Dominik Stillfried dem "Handelsblatt". "Ein Zurückhalten des Vakzins für Jüngere würde die Impfkampagne rechnerisch um rund zwei Wochen zurückwerfen."

Zudem könnte es zu erneuter Verunsicherung ähnlich wie bei AstraZeneca führen, "sollte die STIKO den Impfstoff für Jüngere nur eingeschränkt oder gar nicht empfehlen", so Stillfried. Noch ist allerdings ohnehin keiner der hierzulande verfügbaren Impfstoffe für Menschen unter 16 Jahren zugelassen.

Spahn will "Impfangebot bis Ende August"

Spahn und Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (beide CDU) hatten zuletzt für eine zügige Impfung von Kindern und Jugendlichen geworben, um eine Rückkehr zum regulären Unterricht zu ermöglichen. In der "Bild am Sonntag" gab Spahn als Ziel aus, dass die Länder minderjährigen Schülerinnen und Schülern bis Ende August ein Impfangebot machen. Auch die Gesundheitsminister der Länder streben das an. Über die Umsetzung wollen am Donnerstag auch Kanzlerin Angela Merkel (CDU) und die Ministerpräsidenten beraten.

Niedersachsen kündigt Impfangebot für Schüler an

Die niedersächsische Landesregierung kündigte bereits an, allen 450.000 Schülern von 12 bis 19 Jahren an allgemein- und berufsbildenden Schulen noch vor Beginn der Sommerferien Ende Juli ein Impfangebot mit dem Vakzin von BioNTech zu machen. "Die Betonung liegt auf Impfangebot. Es gibt keine Impfpflicht in Niedersachen", sagte Gesundheitsministerin Daniela Behrens (SPD). Bei den unter 16-Jährigen müssten die Eltern entscheiden. Der Plan setze voraus, dass der Bund frühzeitig eine Millionen zusätzliche Dosen des BioNTech-Impfstoffs liefern kann, wie Behrens und Kultusminister Grant Hendrik Tonne (SPD) erklärten.

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 26. Mai 2021 um 07:45 Uhr.

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Moderation 26.05.2021 • 16:30 Uhr

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