Eine medizinische Mitarbeiterin der Oxford Universität setzt einem Probanden eine Injektion. | Bildquelle: dpa

Vorbereitungen in Deutschland Der weite Weg zur Corona-Impfung

Stand: 06.11.2020 04:27 Uhr

In den nächsten Monaten könnten erste Impfstoffe gegen das Coronavirus zugelassen werden - auch in Deutschland. Um dann Millionen Menschen versorgen zu können, ist aber noch viel zu tun.

Von Oda Lambrecht und Christian Baars, NDR

Bald könnte in Europa der erste Impfstoff zugelassen werden. Wenn es soweit ist, sollen möglichst viele Menschen in kurzer Zeit geimpft werden - und keine Zeit verloren gehen. "Jetzt geht es darum, alles für den Moment vorzubereiten, wenn der Impfstoff verfügbar sein wird", sagt die bayerische Gesundheitsministerin Melanie Huml.

Doch wie ist der Stand in den Bundesländern? Welche Vorbereitungen gibt es? Der NDR hat in allen 16 Bundesländern nachgefragt. Die meisten erklärten, die Vorbereitungen würden laufen, sie seien aber durchaus herausfordernd. "Einige wichtige Informationen liegen Stand heute noch nicht vor", stellt etwa Niedersachsens Gesundheitsministerium nüchtern fest.

Zum Beispiel wisse man noch nicht, wer zuerst geimpft werden solle. Auch Rheinland-Pfalz meint, die größte Herausforderung liege derzeit darin, dass noch nicht klar sei, welche Personengruppen zuerst geimpft werden sollen.

Wer wird zuerst geimpft?

Die Ständige Impfkommission am Robert Koch-Institut erarbeitet dafür gerade gemeinsam mit dem Ethikrat und der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina die Rahmenbedingungen. Sie werden zuerst die grundsätzlichen Ziele festlegen, also ob etwa zuerst Risikopatienten geschützt werden sollen, oder ob die Priorität darauf liegt, die Verbreitung des Virus zu bremsen.

Erst danach wird die Impfkommission konkret empfehlen, in welcher Reihenfolge bestimmte Bevölkerungsgruppen wie etwa Jüngere oder Ältere, medizinisches Personal oder auch Lehrer geimpft werden sollten. Am Ende sollen Bund und Länder gemeinsam über diese Priorisierung entscheiden.

60 zentrale Impflager geplant

Eine weitere Herausforderung für die Länder ist derzeit die Suche nach geeigneten Orten, zu denen die Impfstoffe geliefert und von wo aus sie weiter verteilt werden können. Ein Problem ist hierbei: Einige der Impfstoffe, die derzeit entwickelt werden, müssen voraussichtlich bei Minus 70 Grad tiefgekühlt transportiert und gelagert werden. Dafür müssten zum Beispiel entsprechende Ultratiefkühlschränke beschafft werden, heißt es aus Bayern.

Geplant ist derzeit, dass bundesweit 60 zentrale Lager eingerichtet werden. Bis zum 10. November sollen die Länder geeignete Standorte benennen. Das geht aus einer Beschlussvorlage der Gesundheitsministerkonferenz (GMK) hervor. Der Bund will den Impfstoff zentral beschaffen und finanzieren. Private Firmen oder die Bundeswehr sollen für den Transport in die zentralen Lager sorgen.

Impfzentren in den Bundesländern

Von da an werden die Bundesländer die weitere Verteilung des Impfstoffs und Planung der Impfungen übernehmen. Sie wollen an verschiedenen Orten Impfzentren einrichten - möglichst große Räume oder Hallen, in denen viele Menschen zeitgleich geimpft werden können. Geeignete Orte werden in Schleswig-Holstein in allen Kreisen und kreisfreien Städten geprüft, teilte das dortige Gesundheitsministerium mit. Zusätzlich sollen in allen Ländern mobile Impfteams zum Einsatz kommen, die etwa zu Pflege- und Seniorenheimen fahren.

Unklar ist auch noch, welche konkreten Impfstoffe zur Verfügung stehen werden - und ob diese dann ein- oder zweimal gespritzt werden müssen. Nach derzeitigem Stand werden bei den meisten Mitteln wohl zwei Dosen in einem Abstand von etwa einem Monat nötig seien.

Reichen die Spritzen?

Das nötige Zubehör wie etwa Spritzen müssen die Bundesländer beschaffen. Die konkreten Mengen, die sie bislang bestellt oder bereits gekauft haben, unterscheiden sich jedoch erheblich. Mecklenburg-Vorpommern etwa rechnet vor, dass sie rund 3,2 Millionen Spritzen benötigten, um die gesamte Bevölkerung von etwa 1,6 Millionen Menschen zu impfen. Nach eigenen Angaben hat das Land bislang Material für rund 500.000 Dosen bestellt, also für etwa 15 Prozent der Einwohner.

Sachsen-Anhalt teilte mit, es habe 1,3 Millionen Spritzen bestellt. Das würde rechnerisch bei zwei benötigten Impfungen für etwa 30 Prozent der dortigen Bevölkerung reichen. Das größte Bundesland mit fast 18 Millionen Einwohnern, Nordrhein-Westfalen, hat dagegen bislang erst rund 2,6 Millionen Spritzen bestellt, betont aber, dass dies zunächst ausreichend sei. Die Bestellung weiterer rund 20 Millionen Spritzen sei geplant. Bayern hat bereits deutlich mehr eingekauft, nämlich 34 Millionen Spritzen - zwei für jeden Einwohner.

Schmallippig, wenn es konkret wird

Einige Länder machten keine konkrete Angaben, etwa Schleswig-Holstein und Hessen. Und der Sprecher der Hamburger Gesundheitsbehörde erklärte, man habe Zubehör bestellt, wolle aber keine Zahlen nennen, weil das den Markt beeinflussen könne. Niedersachsen teilte schlicht mit, "das notwendige Material zur Impfung wurde bereits vom Land beschafft". Ähnlich äußerten sich auch Rheinland-Pfalz und Thüringen. Bremen teilte mit, es prüfe noch, wie viel Material bereits vorhanden sei.

Eine kurze Antwort kam auch aus Berlin: "Wir sind mitten in den Vorbereitungen. Wir informieren, sobald wir soweit sind." Brandenburg und das Saarland antworteten gar nicht.

Die meisten Länder, die geantwortet haben, befürchten keine großen Schwierigkeiten bei der Beschaffung. Nur Thüringen schreibt, es müsse aufgrund eines weltweit steigenden Bedarfs mit einem Engpass an Spritzen und Kanülen gerechnet werden. Baden-Württemberg teilte mit, es sei damit zu rechnen, "dass aufgrund der großen Nachfrage die benötigten Gesamtmengen erst nach und nach zur Verfügung stehen werden". Aber auch die Impfstoffe würde ja erst nach und nach zur Verfügung stehen.

Die "letzte Meile" als Problem

Auch der Pharma-Logistik-Experte Matthias Klumpp vom Fraunhofer Institut in Dortmund sieht die Beschaffungsfrage gelassen. Er ist zuversichtlich, dass es ausreichend Spritzen, Kanülen und Tiefkühlschränke in Deutschland geben werde. Auch für den Transport der Impfstoffe seien die Strukturen und Akteure "grundsätzlich sehr gut vorbereitet".

Allerdings sei die Verteilung insgesamt eine komplexe Herausforderung, vor allem die "letzte Meile" - also die Frage: Wo und wie werden die Impfstoffe letztlich den Menschen verabreicht. Um etwa 60 Prozent der gesamten Bevölkerung in Deutschland innerhalb eines Jahres je zweimal zu impfen, müssen rein rechnerisch täglich knapp 350.000 Impfungen vorgenommen werden. Die Planung und Vergabe von Terminen ist dementsprechend herausfordernd. Klumpp plädiert dafür, digitale Lösungen zu entwickeln - etwa eine App zur Vereinbarung von Terminen für die Impfung.

Engpass: medizinisches Personal

Das größte Problem könnte jedoch aus seiner Sicht beim Personal drohen. Die Impfungen können von medizinischen Fachkräften vorgenommen werden, aber es müssen auch immer Ärzte dabei sein, etwa für den Fall, dass Nebenwirkungen auftreten. Und in der aktuellen Corona-Situation arbeite das medizinische Personal in Kliniken und Praxen bereits "an der Kapazitätsgrenze", erinnert Klumpp. Hier sei der größte Engpass zu erwarten. Das Personal müsse daher gut verplant werden. Und jedem müsse klar sein: "Das ist kein 100-Meter-Sprint, das ist ein Marathon."

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 06. November 2020 um 14:00 Uhr.

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