Ein Mitarbeiter vom Impfzentrum Ebersberg zeigt bei einem Pressetermin auf seinem Smartphone sein gültiges Covid-19 Impfzertifikat. | dpa

Digitaler Impfpass "Typisch deutsche Digitalkompetenz"

Stand: 16.05.2021 09:06 Uhr

Trotz Millionen Corona-Impfungen besitzen bislang nur wenige Bürger einen digitalen Impfpass. "Typisch deutsch", kritisiert der Chaos Computer Club - sieht in der Verzögerung aber auch Vorteile.

Von Christian Feld, ARD-Hauptstadtstudio

Olivia Barbarino betritt beim "FriseurTeam" in Altötting den Salon, zückt eine weiße Plastikkarte und nimmt Platz im Stuhl vor dem Spiegel. Die Karte ist der digitale Impfpass, den der Landkreis Altötting in Oberbayern nach der zweiten Spritze ausstellt. Olivia Barbarino hat ihn seit Kurzem. Ihr erstes Fazit: "Sehr unkompliziert, wesentlich einfacher als vorher mit den Schnelltests."

Christian Feld ARD-Hauptstadtstudio

Kurz vor dem Wochenende füllt sich der Parkplatz vor dem Impfzentrum. Es ist das Kreis-Hallenbad Neuötting, das große Schwimmbecken wurde abgedeckt. Neben den Impfkabinen ragen die Einstiegsleitern aus dem Boden. In der Schlange stehen auch Klara und Valerij Fischer.

Sie betreten gleich doppelt Neuland: Nicht nur steht für beide die zweite Impfung an. Im Anschluss geht es ins Holzhaus nebenan, wo sie ihren digitalen Impfpass bekommen. Darauf zu sehen: Informationen zur Impfung, ein Foto und ein QR-Code, den man auch auf das Handy übertragen kann.

Ein Landrat aus Altötting statt der Politik in Berlin

Seit gut einer Woche sind in Deutschland Lockerungen für vollständig Geimpfte und für Genese möglich. Einen digitalen Impfpass gibt es jedoch für die meisten Deutschen noch nicht. Anders in Altötting. Hier ist das, was im Herbst als fixe Idee des Landrates Erwin Schneider begann, jetzt noch nützlicher.

An so etwas hätte im vergangenen Jahr auch in Berlin jemand denken können, sagt Landrat Schneider im Interview mit dem "Bericht aus Berlin": "Mit gefällt nicht, dass in Altötting ein 60-jähriger Landrat ein Digitalprojekt macht, das dann deutschlandweit irgendwie Furore macht." Da laufe etwas falsch im Land. Politik müsse mehr vorausschauen.

"Ja, früher wäre besser”

Die Pandemie hat gezeigt, wie dringend Deutschland bei der Digitalisierung aufholen muss. Der digitale Impfpass ist der nächste Prüfstein. In Estland waren sie wieder einmal schneller. Das Musterland der digitalen Verwaltung hat bereits im Oktober ein Pilotprojekt mit der Weltgesundheitsorganisation begonnen. Ende April ging das System an den Start.

Einzelne Vorstöße gibt es auch in Deutschland. Außer in Altötting laufen in Thüringen und Brandenburg Pilotprojekte. Auch im Landkreis Ebersberg haben die Behörden ein gemeinsames Impfpass-Projekt gestartet. Bayerns Gesundheitsminister Klaus Holetschek hat sich das am Freitag angeschaut, er forderte dort aber auch: "Es muss schon eine bundeseinheitliche Lösung sein."

Und wann kommt die? "Ja, früher wäre besser", sagte Bundesgesundheitsminister Jens Spahn in dieser Woche - verwies aber auch auf das, was entwickelt werde: "Wir setzen gerade einen weltweiten Maßstab als Europäische Union." Die deutsche Umsetzung der gemeinsamen europäischen Lösung soll CovPass heißen. Aktuell laufen Tests, heißt es von den Entwicklern.

Die App soll nicht nur die vollständige Impfung bescheinigen, sondern auch negative Corona-Testergebnisse anzeigen oder, ob jemand genesen ist. Auch die Corona-Warn-App soll um diese Funktionen erweitert werden. Für die "zweite Hälfte des zweiten Quartals" - also spätestens Ende Juni - ist der Start geplant. Ein konkretes Datum will Spahn lieber nicht nennen. Und den gelben Impfausweis gebe es ja auch weiterhin.

Digitaler Pass könnte Begehrlichkeiten wecken

Doch eben dieses gelbe Papierheftchen bereitet Probleme. Das ARD-Magazin "Report Mainz" zeigte in dieser Woche eindrücklich, dass Manipulationen möglich sind, natürlich ohne selbst Urkundenfälschung zu begehen. In Köln beispielsweise hat die Polizei die Ermittlungsgruppe "Stempel" eingerichtet. Bundesjustizministerin Christine Lambrecht warnt: "Wir müssen dringend verhindern, dass Fälschungen in den digitalen Pass übertragen werden." Am besten erfolge die Bestätigung bei den Stellen, die selbst impfen oder die Impfung dokumentieren.

Linus Neumann vom Chaos Computer Club (CCC) sieht beim digitalen Impfpass viele Probleme. Schon gebe es erste Begehrlichkeiten bei der Polizei, auf Geimpften-Datenbanken zuzugreifen. Und: Wie stattet man die schon Geimpften sicher mit dem digitalen Pass aus? Dem ARD-Hauptstadtstudio sagte er: "Natürlich ist das mal wieder die typisch deutsche Digitalkompetenz, dass man anfängt sich über so etwas Gedanken zu machen, wo schon Millionen von Menschen geimpft sind."

Wird die Karte aus Altötting in Italien akzeptiert?

Ganz grundsätzlich hält Neumann den digitalen Impfpass für ein "Instrument der gesellschaftlichen Spaltung". Da könne es auch von Vorteil sein, "dass wir hoffentlich dieses Instrument verschlafen werden". Das ist eine Position, die zum Beispiel in Altötting viele nicht teilen dürften. Landrat Schneider spricht von hoher Akzeptanz. Mehrere tausend Plastikkarten haben sie im Landkreis bereits produziert.

Auch Klara und Valerij Fischer sind zufrieden. Eine praktische Anwendung ist bereits geplant. Für den Sommer haben sie sich ein Haus in Italien gemietet. Wird die Karte aus Altötting dort akzeptiert? Ein Mitarbeiter an der Kartenausgabe sagt: "Wir raten Urlaubern, auch den gelben Impfpass aus Papier mit ins Auto zu packen." Nur zur Sicherheit. Aber eigentlich soll bis zu den Ferien ja auch das EU-weite System im Einsatz sein.

Über dieses Thema berichtete das Erste im "Bericht aus Berlin" am 16. Mai 2021 um 18:05 Uhr.

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KOMMENTARE

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Der Lenz 16.05.2021 • 11:23 Uhr

@ harpdart um 11:18

>Entwicklungsland Digitales. So heißt es immer. Wer hier mitliest, kann erahnen, warum das so ist.< Weil hier Digital die Lösungen entwickelt werden mit denen die Maschinen Laufen die die Maschinen Bauen die man für die Unterhaltungselektronik- Anwendungen; Handies, Lappies, Home-pcs, braucht ? Entwiklung > Anwendung? Würde ich als logische Folge betrachten; Ein Wirt sollte ja auch nicht zu seinem eigenen besten Kunden werden; deren Leberzirrhose über die KV mit zu zahlen ist teuer genug.