Ein an Covid-19 Erkrankter wird in einer Intensivstation im Uniklinikum in Tübingen behandelt. | dpa

Corona-Hotspots Klinikpersonal am Limit

Stand: 25.04.2021 05:19 Uhr

Mehr als 5000 Covid-19-Patienten kämpfen derzeit auf deutschen Intensivstationen um ihr Leben. Ärzte und Pflegekräfte kommen an ihre körperlichen und seelischen Belastungsgrenzen.

Von Klaus Weidmann, ARD-Hauptstadtstudio

Deutschlands Krankenhäuser sind gut gerüstet für eine Pandemie. Im Notfall können 10.000 zusätzliche Intensivbetten bereitgestellt werden. Zimmer und Geräte sind vorhanden.

Klaus Weidmann

Das einzige Problem: Es fehlt das Personal. Schon jetzt ist die Lage angespannt, besonders in den Corona-Hotspots wie Thüringen und Sachsen, aber auch in Großstädten wie Köln, München und Leipzig.

Patienten sind jünger und bleiben länger

Die Uniklinik Köln musste sich schon vor Wochen auf einen rasanten Anstieg schwerstkranker Corona-Patienten einstellen. Allein für herzoperierte Patienten stehen normalerweise 24 Intensivbetten zur Verfügung, nun werden davon zehn Betten für Corona-Patienten freigehalten. Die Folge: Bypass- oder Herzklappen-OPs können nicht wie geplant stattfinden. "Wir führen im Hintergrund eine Warteliste mit Operationen, die wir aufgeschoben haben", erklärt Thorsten Wahlers, Direktor der Herz- und Thoraxchirurgie.

Die eingewiesenen Corona-Patienten sind im Durchschnitt sehr viel jünger als die während der ersten und zweiten Welle. Und sie bleiben länger. Das hat eine enorme Belastung für das Pflegepersonal zur Folge, besonders, wenn die Patienten künstlich beatmet werden. Denn die Pflegerinnen und Pfleger müssen die Kranken mehrmals täglich von der Rücken- in die Bauchlage und jeweils nach rechts oder links wenden. Dabei darf sich kein Schlauch oder Kabel lösen.

Das ist sehr belastend, vor allem, weil es über die Hälfte der Schwerstkranken nicht schaffen. Anette Segtrop ist eine erfahrene Intensivpflegerin, aber so etwas hat sie noch nie erlebt:

Zwei Wochen lang arbeiten Sie an einem Patienten, geben alles. Und gerade bei den Covid-Patienten haben Sie oft das Ergebnis: Sie verlieren den Patienten. Das ist nicht einfach wegzustecken. Da ist man traurig, dass man es schon wieder nicht geschafft hat.
Anette Segtrop, Intensivpflegerin an der Uniklinik Köln

Anette Segtrop, Intensivpflegerin an der Uniklinik Köln

Intensiv-Belastung ungleich verteilt

Nicht überall in Deutschland herrscht Notstand. Das Intensivregister der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) zeigt die regionalen Unterschiede auf Kreisebene deutlich. Grüne Landkreise verfügen noch über ausreichend Intensivbetten, dunkelrot bedeutet Notfallversorgung. Immer mehr Kreise sind dunkelrot. Sind Krankentransporte in weniger belastete Regionen die Lösung?

Krankentransporte: ein Ausweg?

Im Einzelfall kann das Leben retten. Denn schwerstkranke Covid-19-Patienten brauchen nicht nur die sogenannte ECMO (extrakorporale Membranoxygenierung), die teilweise oder vollständig die Atemfunktionsleistungen der Patientinnen und Patienten übernimmt. Sie brauchen vor allem das erfahrene Personal, das diese Geräte bedienen kann. Dann machen Krankentransporte von Corona-Patienten einen Sinn.

So wurden am 16. April erstmals fünf Corona-Intensivpatienten aus Thüringen mit dem Hubschrauber in Spezialkliniken nach Hamburg, Bad Kissingen, Wolfsburg und Osnabrück ausgeflogen. Michael Bauer, Direktor für Anästhesie und Intensivmedizin an der Universitätsklinik Jena koordiniert diese Verlegungen: "Wir haben viele schwere Verläufe, wo wir mit dem Rücken zur Wand stehen. Da müssen Therapieoptionen wie die ECMO eingesetzt werden. Da kommen wir an unsere Grenzen."

Michael Bauer, Klinikdirektor für Anästhesie und Intensivmedizin an der Uniklinik Jena

Michael Bauer, Klinikdirektor für Anästhesie und Intensivmedizin an der Uniklinik Jena

"Mehrarbeit in großem Stil"

Morgens um sieben Uhr beginnt Bauers Visite. Er betreut derzeit 30 schwerstkranke Corona-Patienten. Das Durchschnittsalter liegt bei Mitte 50, es sind also nicht mehr die Hochbetagten. Die Impfungen haben bereits gewirkt.

Das Krankenhaus hat ein komplettes Besuchsverbot verhängt. Eine Klinik-Psychologin vermittelt Telefongespräche und Video-Chats zwischen Corona-Patienten und ihren Angehörigen. Auch Pressevertreter haben keinen Zugang mehr zum Krankenhaus. Allerdings hat es exklusiv für Bericht aus Berlin Bildmaterial gedreht.

Draußen vor der Klinik sagt Bauer in die Kamera: "Mehrarbeit fällt bei uns in großem Stil an. Wir mobilisieren, wer immer bereit ist, freiwillig auf der Intensivstation zu arbeiten. Pflegekräfte - auch aus dem Bereich der Allgemeinpflege - unterstützen uns, seit letzter Woche auch die Bundeswehr."

Mehr zum Thema sehen Sie am Sonntag, 25.04. im Bericht aus Berlin um 18.05 Uhr im Ersten.

Über dieses Thema berichtete „Bericht aus Berlin“ im Ersten am 25. April 2021 um 18:05 Uhr.

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KOMMENTARE

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melancholeriker 25.04.2021 • 11:09 Uhr

,,...In der Breite in

,,...In der Breite in Deutschland gibt es keine Knappheit an Betten. Zudem werden Patienten verlegt, dafür gibt es eingespielte Prozesse. Und die Kliniken können auch intern umstellen und mehr Intensivbetten bereit stellen." Da bin ich aber erleichtert. Da wenigstens die Betten gut bezahlt werden und in der Regel einige Schichten ohne Pause und Jammern durchhalten, kann ja bald alles so gut werden wie in Schweden. Ich finde, nach über einem Jahr Pandemie sollten die Grundlagen für die Beurteilung der für das Versorgungsmanagement notwendigen Ressourcen in Deutschland so bekannt sein, daß die Bedeutung der darin arbeitenden und oft leidenden Menschen - über den Zahlen - erkannt werden.