Eine Person läuft durch das fast leere Impfzentrum Tegel.  | dpa

Corona-Impfzentren Hausärzte für Schließung im Sommer

Stand: 16.06.2022 12:10 Uhr

Der Deutsche Hausärzteverbund fordert aufgrund der niedrigen Auslastung die vorübergehende Schließung der Corona-Impfzentren. Laut RKI stieg die Sieben-Tage-Inzidenz auf 480,0. Vor einer Woche lag sie noch bei 276,9.

Der Deutsche Hausärzteverband hat sich für die vorübergehende Schließung der Corona-Impfzentren im Sommer ausgesprochen. "Die Impfzentren stehen deutschlandweit leer", sagte Verbandspräsident Ulrich Weigeldt dem "Redaktionsnetzwerk Deutschland" (RND). "Weswegen sie jetzt den gesamten Sommer weiterbetrieben werden sollen, erschließt sich überhaupt nicht." Denn das koste viel Geld, welches woanders dringend gebraucht werde.

Die Hausärztinnen und Hausärzte hätten bewiesen, dass die Impfungen in den Praxen am besten aufgehoben seien, erläutert Weigeldt. Auch mit mobilen Impfteams seien in Bezirken und Regionen mit niedrigen Impfquoten gute Erfahrungen gemacht worden. Dies sei aus Sicht des Verbandspräsidenten ein Modell, welches auch im Hinblick auf den Herbst Sinn ergebe.

Patientenbeauftragter für Erhalt der Zentren

Der Patientenbeauftragte der Bundesregierung, Stefan Schwartze, hält den Erhalt der regionalen Corona-Impfzentren über den Sommer dagegen auch bei derzeit geringem Andrang für sinnvoll. Dies begründete er mit stark steigenden Infektionszahlen. Daher sei er vorsichtig damit, "auf irgendetwas verzichten zu können".

Jetzt alle Strukturen zurückzufahren und im Herbst dann wieder neu zu starten, sei nicht die richtige Lösung. "Ich mahne an jeder Stelle zur Vorsicht", sagte Schwartze. Dazu gehöre, Strukturen nach Möglichkeit aufrechtzuerhalten. Damit wies Schwartze auch auf die Debatte über weitere Auffrischungsimpfungen hin.

Diskussion um Auffrischungsimpfungen

Der Grünen-Gesundheitspolitiker Janosch Dahmen hatte zum Thema Auffrischungsimpfung etwa in den Funke-Zeitungen gemahnt: "Wenn wir unvorbereitet in den Herbst gehen ohne ein breit angelegtes Programm für Auffrischungsimpfungen und ohne eine Rechtsgrundlage, die wirkungsvolle Maßnahmen wie Maskenpflicht in Innenräumen möglich macht, dann müssen wir befürchten, dass es insbesondere in den hochbetagten Altersgruppen nochmals viele Todesfälle zu beklagen geben könnte."

Er sprach sich dafür aus, die Empfehlungen für weitere Boosterimpfungen zu erweitern. "Ich halte es vor dem Hintergrund neuer wissenschaftlicher Daten für dringend erforderlich, dass wir in Deutschland die Empfehlungen zur zweiten Aufrischungsimpfung noch einmal prüfen und gegebenenfalls rechtzeitig ausweiten", sagte Dahmen. So könnten vor dem Herbst auch Menschen ein weiteres Impfangebot gegen Corona oder auch Influenza zu bekommen, wenn sie unter 70 Jahre alt seien und beispielweise Risikofaktoren hätten.

Die Ständige Impfkommission (STIKO) empfiehlt den zweiten Booster bislang nur für Teile der Bevölkerung, unter anderem für Menschen ab 70 Jahren, Personal in medizinischen Einrichtungen und Pflegeeinrichtungen sowie Menschen mit Immunschwäche.

Inzidenz steigt auf 480,0

Die Corona-Neuinfektionen haben in Deutschland zuletzt wieder deutlich zugenommen. Auch heute vermeldet das Robert Koch-Institut (RKI) erneut steigende Zahlen: 89.142 Neuinfektionen sowie eine bundesweite Sieben-Tage-Inzidenz von 480,0. Gestern hatte der Wert bei 472,4 gelegen (vor einer Woche: 276,9).

Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) spricht von einer Sommerwelle und rechnet mit wenig Entspannung in den kommenden Wochen. "Die angekündigte Sommerwelle ist leider Realität geworden. Das bedeutet auch für die nächsten Wochen wenig Entspannung", sagte er der "Rheinischen Post". "Weil die aktuelle Virusvariante sehr leicht übertragbar ist und weil fast alle Vorsichtsmaßnahmen ausgelaufen sind, verpufft in diesem Jahr der Sommereffekt in der Pandemie", erklärte Lauterbach. Das Bundesgesundheitsministerium arbeitet Lauterbach zufolge an einer Impfkampagne für die kommenden Monate.

Der Immunologe Carsten Watzl erwartet eine schwächere Corona-Welle als im Winter. "Wir haben aktuell zwei Entwicklungen, die gegeneinander arbeiten. Zum einen ein saisonaler Effekt, der die Zahlen drückt, und auf der anderen Seite mit Omikron anders als in vergangenen Sommern eine Variante, die deutlich ansteckender ist", sagte Watzl gegenüber der Funke-Zeitungen. Eine Sommerwelle sei zu erwarten gewesen. "Ich denke aber nicht, dass BA.5 den saisonalen Effekt komplett aufheben wird. Wahrscheinlich werden wir es mit Inzidenzen im Bereich von 500, 600, 700 zu tun haben. Dass wir, wie im letzten Winter, die 2000 erreichen, glaube ich nicht."

Neue Omikron-Varianten breiten sich rasant aus

Im bisherigen Pandemie-Verlauf waren die Fallzahlen im Frühjahr und Sommer stark heruntergegangen. Die Erwartung, dass dies in diesm Jahr anders ist und die neue Corona-Welle bereits im Sommer kommt, geht auf die sich rasant ausbreitenden Omikron-Subtypen BA.4 und BA.5 zurück. Zwar sind diese beiden Varianten, die sich zuerst in Südafrika und Portugal stark ausgebreitet hatten, nach jüngsten Angaben des Robert-Koch-Instituts in Deutschland bislang noch keineswegs vorherrschend. Doch könnte sich dies wohl bald ändern.

Die beiden Sublinien dürften "in wenigen Wochen die Mehrzahl der Nachweise ausmachen", heißt es im jüngsten Wochenbericht des RKI. Durch die rasante Ausbreitung könne es "insgesamt zu einem Anstieg der Infektionszahlen und einem erneut verstärkten Infektionsdruck auf vulnerable Personengruppen schon im Sommer kommen".

Zudem waren im vergangenen Sommer Corona-Alltagsauflagen wie Maskenpflichten in Kraft. Jetzt sind staatliche Vorgaben weitgehend weggefallen.