Fläschchen mit Impfdosen des Impfstoffherstellers BioNTech/Pfizer | AP

Impfstoffmangel in Deutschland "Ein fatales Signal"

Stand: 15.12.2021 10:28 Uhr

Mit Nachdruck wirbt die neue Bundesregierung für Corona-Auffrischungsimpfungen. Doch nun musste Gesundheitsminister Lauterbach einräumen: Der Impfstoff reicht nicht aus. Ärztevertreter reagieren verärgert.

Deutschland hat im ersten Quartal des neuen Jahres zu wenig Impfstoff. Dieses Eingeständnis nach einer Impfstoffinventur von Gesundheitsminister Karl Lauterbach sorgt für Unverständnis und Fassungslosigkeit. In den tagesthemen hatte er gesagt: "Wir haben zu wenig Impfstoff. Das hat viele überrascht - mich auch."

Der Vorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, Andreas Gassen, sprach von einem fatalen Signal an alle, die mit vollem Einsatz die Pandemie bekämpften. "Wir haben in Deutschland gerade Rekord-Tempo beim Impfen in den Praxen erreicht, da kommt diese Nachricht", sagte er der "Bild"-Zeitung. Es sei niemandem zu erklären, dass im Land der Impfstoffentwicklung zu wenig Impfstoff gekauft wurde.

"Ich bin etwas sprachlos"

Auch der Präsident der Bundesärztekammer, Klaus Reinhardt, zeigte sich fassungslos. "Wenn man das hört, bleibt einem der Mund offen stehen", sagte er im Deutschlandfunk. Es sei völlig unvorstellbar, dass die Logistik in einem Land wie Deutschland nicht funktioniere. "Ich bin etwas sprachlos angesichts der Nachricht."

Reinhardt räumte ein, dass sich die Empfehlungen zu den Impfabständen zuletzt mehrfach verkürzt hätten, so dass mehr Impfstoff in kürzerer Zeit gebraucht werde. Trotzdem sei es völlig unverständlich, dass man nach so vielen Monaten der Pandemie nicht in der Lage gewesen sei, genügend Impfstoff auf Halde zu legen. Man könne sich eigentlich nicht vorstellen, dass der frühere Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) davon nichts gewusst habe.

Heil wirft Spahn Versäumnisse vor

Bayerns Gesundheitsminister Klaus Holetschek forderte Lauterbach auf, mehr Corona-Impfstoff für das erste Quartal 2022 zu beschaffen. Dies solle auch mit "unkonventionellen Methoden" und im direkten Kontakt mit Impfstoffherstellern versucht werden, sagte der CSU-Politiker. Auf die Frage, ob der Mangel auf ein Versäumnis Spahns zurückzuführen sei, sagte er, es sei jetzt nicht die Frage, wo was bestellt worden sei. "Sondern die Frage ist, wie können wir noch mehr beschaffen."

Kritik an Spahn äußerte hingegen Bundesarbeitsminister Hubertus Heil. Die Nachricht vom Impfstoffmangel sei "schwer irritierend", sagte der SPD-Politiker im gemeinsamen Morgenmagazin von ARD und ZDF. Da habe die Vorgängeradministration im Bundesgesundheitsministerium offensichtlich "nicht klar Schiff gemacht". Das müsse nun die neue Bundesregierung leisten.

"Es muss alles EU-konform funktionieren"

Die neue Bundesregierung treibt in der Pandemiebekämpfung als zentralen Baustein derzeit eine große Impfkampagne voran. Dies liegt neben der massiven vierten Welle auch an der sich ausbreitenden, hochinfektiösen Omikron-Variante. Diese Bemühungen dürften nun erschwert werden. Laut "Spiegel" stehen im Januar nur rund 1,2 Millionen Impfdosen von BioNTech für Booster-Impfungen zur Verfügung. Dies sei etwa ein Sechstel der vorherigen Menge.

Er arbeite seit Tagen daran, diesen Impfstoffmangel zu beseitigen, hatte Lauterbach in den tagesthemen gesagt. "Ich nutze auch die Kanäle, die wir direkt zu den Unternehmen haben, aber es muss alles EU-konform funktionieren", erklärte er.

Erst am Dienstag hatten sich die Gesundheitsminister von Bund und Ländern darauf geeinigt, Corona-Geimpfte mit Auffrischimpfung künftig von der Testpflicht bei 2G-Plus-Regeln zu befreien. So solle das Boostern noch attraktiver gemacht werden. Der Beschluss der Gesundheitsminister betrifft derzeit knapp 20 Millionen Menschen, die bereits eine Auffrischungsimpfung erhalten haben. Die Testbefreiung soll ab dem 15. Tag nach der Auffrischungsimpfung gelten.

Omikron-Anpassung der Impfstoffe in "drei bis vier" Monaten?

Mit Blick auf die hochansteckende Omikron-Variante erwartet Lauterbach Empfehlungen des neuen Expertenrats. Auch ob die Infektionszahlen bald wieder nach oben gehen, könne er nicht voraussagen.

Sollte es nötig sein, den Impfstoff wegen der neuen Variante zu verändern, könne dies "drei bis vier" Monate dauern, glaubt der Präsident des Paul-Ehrlich-Instituts (PEI), Klaus Cichutek. Die Hersteller der mRNA-Impfstoffe, BioNTech und Moderna, hätten signalisiert, dass sie in der Lage wären, "innerhalb von sechs Wochen eine Stammanpassung umzusetzen und dann innerhalb von wenigen Wochen Millionen Dosen herstellen zu können", sagte Cichutek der "Neuen Osnabrücker Zeitung".

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 15. Dezember 2021 um 09:00 Uhr.

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Moderation 15.12.2021 • 14:47 Uhr

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