In der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche in Berlin findet ein Gottesdienst anlässlich des nationalen zentralen Traueraktes für die Verstorbenen inmitten der Corona-Pandemie statt.

Corona-Trauerfeier in Berlin "Ohne einen letzten Händedruck"

Stand: 18.04.2021 17:29 Uhr

Das einsame Sterben in der Pandemie, die Verzweiflung der Angehörigen. Bei der Trauerfeier für die Corona-Toten stellt der Bundespräsident sie in den Mittelpunkt. Doch es kann nur ein vorläufiges Gedenken sein.

Von Kai Clement, ARD-Hauptstadtstudio

Es sind die Erinnerungen der Hinterbliebenen, die das Gedenken so kraftvoll machen. Schonungslos und traurig, bitter und verzweifelt. "Von der Intensivstation rief er mich noch einmal an. 'Ich werde jetzt ins künstliche Koma versetzt und beatmet. Mach dir keine Sorgen, ich bin in besten Händen. Du kannst mich bald wieder abholen. Ich freu' mich auf dich." Das war unser letztes Gespräch". Anita Schedel erinnert sich an ihren Mann Hannes. Er verstarb im Alter von 59 Jahren. "Bis heute begleiten mich die Bilder von dem einsamen langen Klinikflur. Von den blinkenden und piepsenden Geräten, den Schläuchen und Maschinen. Und mittendrin: mein Hannes".

Kai Clement ARD-Hauptstadtstudio

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier kennt die Witwe bereits von einem Treffen mit Hinterbliebenen Anfang vergangenen Monats. Das einsame Sterben in der Pandemie, die Verzweiflung der Angehörigen: Das alles stellt er in den Mittelpunkt seiner Rede. "Wir denken an alle, die im Moment ihres Todes keine vertraute Stimme hören, kein vertrautes Gesicht sehen können. Die sterben mussten, ohne ein letztes zärtliches Wort, einen letzten liebevollen Blick, einen letzten Händedruck", so Steinmeier.

"Das war einfach nur schrecklich"

Finja Wilkens verlor ihren Vater - 53 Jahre wurde er alt. "Wir verstehen die Maßnahmen in medizinischen Einrichtungen, gar keine Frage, und wir sind auch dankbar, zum Abschiednehmen vor Ort gewesen zu sein. Aber nur zum Beenden der lebenserhaltenden Maßnahmen am Sterbebett sein zu dürfen, und vorher in zwei Monaten nicht bei ihm sein zu können, war einfach nur schrecklich. Nicht Covid-19, sondern Blutkrebs war die Todesursache. Aber auch das war ein Sterben unter den Bedingungen der Pandemie. "Mein Papa hat immer gesagt, dass er wie eine Katze sei. Er habe sieben Leben. Sieben Leben, die gelebt werden wollen. So gerne hätten wir ihm das geglaubt und uns gewünscht, dass es wahr wird".

Der Bundespräsident würdigte Ärztinnen und Pfleger mit ihrer Arbeit, teils "bis zur völligen Erschöpfung und nicht selten darüber hinaus. Wir sind ermüdet von der Last der Pandemie und wundgerieben im Streit um den richtigen Weg", sagt Steinmeier. Heute, so Steinmeiers Bitte, solle es aber nicht um Schuldzuweisungen in der Politik gehen, sondern um Mitmenschlichkeit, Mitgefühl und den Weg aus der Pandemie heraus. "Wir werden uns als Menschen wieder nahe sein - und als Gesellschaft vereint".

Mitten in der dritten Welle

Noch aber steckt das Land mitten in der dritten Welle. Das Gedenken kann nur ein vorläufiges sein. Die Staatsspitze von der Kanzlerin bis zum Bundestagspräsidenten begleiteten es und stellten gemeinsam mit Hinterbliebenen Kerzen auf. Unter ihnen ist auch Esrin Korff Avunc, die sich an ihren Vater erinnert. "Plötzlich hielt er ganz kurz inne und guckte mich an und sagte: Esrin, ich liebe dich."

Begleitet von Streichern wurden zum Abschluss die Porträts von 120 in der Pandemie verstorbenen Menschen aus ganz Deutschland gezeigt. "Wir sehen die Wunden, die die Pandemie geschlagen hat. Wir gedenken der Verstorbenen. Und wir fühlen mit den Lebenden, die um sie trauern", sagte Steinmeier.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 18. April 2021 um 14:00 Uhr.