Eine Frau sitzt im Homeoffice an ihrem Laptop und telefoniert, während ihr Kind neben ihr in einem Kinderstuhl am Tisch sitzt. | Bildquelle: Christian Beutler/KEYSTONE/dpa

Frauen in der Corona-Krise Viel "home" und wenig "office"

Stand: 04.06.2020 11:07 Uhr

In der Corona-Krise stecken vor allem Frauen beruflich zurück. Alte Rollenmuster sind plötzlich wieder da. Bei den Parteien genießt das Thema jedoch einen unterschiedlichen Stellenwert.

Von Kristin Joachim, ARD-Hauptstadtstudio

Von "Backslash" ist die Rede, oder von "Rollback". Begriffe, die einem seit dem Lockdown in der Corona-Krise häufiger in Artikeln oder sozialen Netzwerken begegnen. Sie beschreiben ein Phänomen, für das Jutta Allmendinger, Präsidentin des Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB), das Wort "Retraditionalisierung" verwendet: die Rückkehr zu alten Rollenmustern in Familien. Der Mann geht arbeiten oder zieht sich ins Homeoffice zurück, die Frau kümmert sich um Kinder und Haushalt und ist damit urplötzlich zurück an den Herd katapultiert. Ungefragt, ganz selbstverständlich. Und die, die versuchen Homeoffice mit Kindern zu machen, machen vor allem "home" und wenig "office".

Durch Corona eine Rolle rückwärts in der Emanzipation
tagesschau 12:00 Uhr, 04.06.2020, Anke Hahn, ARD Berlin

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20 Prozent der Frauen haben jetzt Corona-bedingt die Arbeitszeit reduziert, so eine Studie des WZB. Väter treten deutlich seltener zurück. Die Gründe dafür liegen auf der Hand: Die Lohnlücke zwischen Männern und Frauen ist noch immer da, Frauen gehen länger in Elternzeit und kommen häufiger nur in Teilzeit zurück. Auch das führt zu einem niedrigeren Einkommen - alles nicht neu, alles längst bekannt. Nur wirklich angegangen werden die Probleme nicht.

Frauen-Union fordert Quote - erfolglos

"Richtig vorangekommen sind wir eigentlich noch nicht, wenn ich jedes Jahr am Frauentag die gleiche Rede halten kann", sagt auch Ivonne Magwas. Sie leitet die Gruppe der Frauen in der Unionsfraktion, mit gut 20 Prozent sind sie deutlich in der Minderheit. Magwas freut sich über die aktuelle Debatte, denn das Thema Vereinbarkeit von Familie und Beruf bekäme dadurch einen neuen Booster. "In vielen Familien ist es noch gang und gäbe, dass Frauen nach der Geburt der Kinder in Teilzeit gehen. Das sind Rollenmuster, die einfach erlernt sind. Frauen sagen, dann mache ich das eben, damit wir das hinbekommen. Sie sind wahrscheinlich einfach pragmatischer oder lösungsorientierter."

Man könnte auch annehmen, sie haben einfach zu wenig Vorbilder, denen sie nacheifern können. Magwas würde gern mehr für die Frauen rausholen, auch in der eigenen Partei. Sie kämpft für Frauenquoten. Aber selbst über die Minimalforderung der Frauen-Union nach einer Quote von 33 Prozent wollte die CDU auf dem vergangenen Parteitag gar nicht erst abstimmen. Bei einem Männeranteil in der CDU von 75 Prozent, die im Schnitt 62 Jahre alt sind, scheint das nicht überraschend. Jeder, oder jede, der sich hier für das Thema Gleichstellung einsetzt, dürfte es schwer haben.

Frauenförderung nicht durchgesetzt

Die Frau, die jetzt eigentlich das Ruder rumreißen müsste, sitzt aber in der SPD, dem Koalitionspartner. Franziska Giffey hat als Familienministerin in Corona-Zeiten die Probleme durchaus erkannt. Effektiv gehandelt hat sie bisher kaum. 300 Euro Kinderbonus soll es jetzt für Familien pro Kind geben, als finanzielle Unterstützung. Um die Kinder dürfte es hierbei kaum gehen, sondern eher darum, den Konsum anzukurbeln. Nur wenige Tage bevor der Koalitionsausschuss in Sachen Konjunkturpaket zusammengekommen war, forderte Giffey, Hilfen für Unternehmen auch an Frauenförderung zu koppeln. Durchgesetzt hat sie das nicht.

Katja Mast, stellvertretende Fraktionsvorsitzende der SPD betont, man habe aber bei der Lohnfortzahlung für Eltern, die Corona-bedingt nicht arbeiten gehen können, darauf geachtet, dass das paritätisch gestaltet ist, also zehn Wochen pro Partner.

Grüne: Weder auf Groko noch auf Giffey Verlass

Ricarda Lang, stellvertretende Bundesvorsitzende und frauenpolitische Sprecherin von Bündnis 90/Grüne kritisiert die Bundesregierung scharf: "Dass die Familienministerin nicht mal beim Krisenkabinett mit am Tisch sitzt, zeigt, welchen Stellenwert die Bundesregierung Kindern und Jugendlichen, aber vor allem auch der Frauenpolitik zumisst. Die Corona-Pandemie hat klar gezeigt: Wenn es wirklich um etwas geht, können sich Frauen weder auf die Große Koalition, noch auf Franziska Giffey verlassen."

Die Grünen hatten als erste die Idee, finanzielle Hilfen aus dem Konjunkturpaket an mehr Gleichstellung zu koppeln, zum Beispiel durch Quoten. Unabhängig davon fordern sie, die Elternzeit paritätisch zu reformieren und das Ehegattensplitting abzuschaffen, um so für mehr Geschlechtergerechtigkeit zu sorgen.

"Über Kinderbetreuung wird als letztes diskutiert"

Die AfD hingegen sieht keinen Handlungsbedarf. Deren frauenpolitische Sprecherin Mariana Harder-Kühnel ist der Meinung, dass Frauen gestärkt aus der Corona-Krise hervorgehen werden. Sie würden jetzt zeigen, dass sie in Berufen arbeiten, die systemrelevant sind, wie wichtig Kindererziehung sei und dass sie das alles unter einen Hut bekämen. Einen "Backslash" in der Emanzipation kann sie nicht erkennen.

Cornelia Möhring, stellvertretende Fraktionsvorsitzende der Linken ärgert sich. Es könne nicht sein, dass die Gesellschaft jetzt als selbstverständlich hinnehme, dass die Frauen die ganze Arbeit unbezahlt übernehmen, die sonst über Erwerbsarbeit erledigt wurde. "Über die Frage der Kinderbetreuung wird als letztes diskutiert. Die Linke will systemrelevante Berufe besser stellen, zum Beispiel durch mehr Tarifbindung. Vor allem in Branchen, wo besonders viele Frauen arbeiten, wie in der Pflege oder der Kinderbetreuung. Ideen und Konzepte, über die man diskutieren könnte, sind also längst in den Schubladen. Nur interessiert sich kaum jemand dafür."

Neuer Stellenwert für Familienpolitik?

Sozialforscherin Allmendinger fordert die Politik auf, Familienpolitik einen anderen Stellenwert zu geben. Dem ARD-Magazin Kontraste sagte sie: "Familienpolitik ist immer auch Bildungspolitik, ist immer auch Sozialpolitik, ist immer auch Wirtschaftspolitik. Und wenn man das sehen würde, dann wäre Frau Giffey als Familienministerin in der Mitte des Corona-Krisenkabinetts und müsste nicht anklopfen, um gehört zu werden."

Solange der Bundestag allerdings nicht wenigstens annähernd paritätisch besetzt ist, dürfte das wohl noch ziemlich lange dauern. Aktuell liegt der Anteil weiblicher Abgeordneter bei mageren 31 Prozent, das ist so wenig wie zuletzt vor 20 Jahren.

Mehr zu diesem Thema sehen Sie heute Abend im Politmagazin Kontraste um 21.45 Uhr im Ersten.

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Korrespondentin

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Kristin Joachim, RBB

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