Teilnehmer eine Demonstration gegen die Corona-Maßnahmen in Berlin | Bildquelle: AFP

Nach Protesten in Berlin AfD lobt Anti-Corona-Demonstranten

Stand: 04.08.2020 16:47 Uhr

Keine Masken, kein Abstand - kein Fehlverhalten. So sieht es die AfD. Die Menschen in Berlin hätten für ihre Rechte demonstriert, und das sei gut so. Hinter dem Lob steckt offenbar Kalkül.

Von Isabel Reifenrath, ARD-Hauptstadtstudio

Die Bundesregierung und viele Politiker aus der Opposition zeigten sich nach der so genannten Hygiene-Demonstration am Wochenende in Berlin schockiert über das Verhalten vieler Teilnehmer. Die AfD dagegen solidarisierte sich. AfD-Politiker zeigten nicht nur Verständnis, sie lobten die Demonstranten sogar.

Viele der Teilnehmer trugen keine Masken und hielten keinen Abstand zueinander ein. Sie griffen Journalisten und Polizisten an, zeigten rechtsgerichtete Fahnen und Tätowierungen. Der Co-Vorsitzende der AfD, Tino Chrupalla, kann nach eigener Aussage darin kein Fehlverhalten erkennen: "Die Menschen sind für ihre Grundrechte auf die Straße gegangen. Das kann man nur begrüßen und dafür steht auch die AfD", sagt er.

Die Polizei und die Bundesregierung sehen das anders. Die Demonstranten hätten ganz eindeutig gegen die Demonstrationsauflagen verstoßen.

AfD zweifelt offizielle Teilnehmer-Zahl an

Auf Twitter dankte der AfD-Bundestagsabgeordnete Stephan Protschka den "1,3 Millionen friedlichen Demonstranten". Sein Fraktionkollege Frank Pasemann schrieb, der öffentlich-rechtliche Rundfunk habe die "politisch korrekte Teilnehmerzahl von 17.000 bis 20.000 verkündet". So viele Teilnehmer hatte die Polizei offiziell gezählt.

Chrupalla spricht immer wieder von Zehntausenden Teilnehmern. Auf eine Nachfrage des ARD-Hauptstadtstudios zu den Zahlen, antwortet er ausweichend: "Das will ich nicht beurteilen. Ich denke, dass das vielleicht etwas hoch gegriffen war. Es waren aber auch mehr als 20.000."

Expertin: AfD inszeniert sich als Anti-Establishment-Partei

Die Rechtsextremismus-Expertin Liane Bednarz denkt, dass die AfD sich hier als Anti-Establishment-Partei in Szene setzen will, die vermeintlich unrichtige Angaben aufdeckt. Dahinter stecke, dass die AfD-Politiker Aufmerksamkeit erreichen wollen.

Nach ihrem erst vorsichtigen Weg während der Corona-Pandemie habe die AfD - so Bednarz - jetzt vielleicht erkannt, dass sie die Demonstrationen ähnlich wie bei der Pegida-Bewegung für sich nutzen kann.

Partei als Kritiker der Pandemie-Maßnahmen

Auch Thüringens AfD-Chef Björn Höcke lobt die Demonstranten. Seiner Ansicht nach kämpfen sie für die Freiheit, denn Deutschland sei "gefährdet". Es gehe darum, dass das "Volk" zusammenstehe.

Die Bevölkerung werde gegängelt, so Chrupalla. Seiner Meinung nach besteht gar keine Gefahr mehr durch das Coronavirus. In Sachsen gebe es kaum noch Infizierte, deswegen habe die Bevölkerung auch kein Verständnis mehr für die Maßnahmen.

In Sachsen ist die Zahl der Corona-Fälle tatsächlich sehr gering. Aber bundesweit steigen die Zahlen wieder - und das weiß auch Chrupalla. Die AfD selbst war lange gespalten über die Corona-Maßnahmen. Am Ende trug die Fraktion im Bundestag die Schutzmaßnahmen aber doch mit.

Andere Organisationen und sogar neue Parteien versuchten aus der Corona-Krise Kapital zu schlagen. Die Umfragewerte der AfD sanken. Jetzt scheint die AfD zu glauben, dass es eher nützt, wenn sie als scharfer Kritiker der Corona-Maßnahmen auftritt.

AfD solidarisiert sich mit Demonstranten gegen Corona-Maßnahmen
Isabel Reifenrath, ARD Berlin
04.08.2020 17:43 Uhr

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Über dieses Thema berichtete B5 aktuell am 05. August 2020 um 08:50 Uhr.

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