Mitglieder eines Chors stehen vereinzelt in einem Saal | dpa

Gesangvereine in Not Corona lässt Chöre verstummen

Stand: 23.12.2020 06:19 Uhr

Beim gemeinsamen Singen herrscht höchster Corona-Alarm - wegen der Aerosole, die dabei ausgestoßen werden. Bundesweit sind daher viele Chöre verstummt - oder setzen auf Notlösungen.

Von Axel John, SWR

Donnerstagabends ist Klaus Backhaus jetzt meist daheim. Das war bis zum Frühjahr anders. Dann traf er sich immer mit seinen Freunden im Gesangverein "Eintracht". Etwa 25 Frauen und Männer kamen in Dolgesheim, einer kleinen Ortschaft in der Nähe von Mainz, zusammen. "Das war weit mehr als Singen. Nach den Proben waren wir noch beieinander, haben ein Glas Wein getrunken", erinnert er sich. "Aber auch die Dorffeste mit unseren Konzerten gibt es bis auf Weiteres nicht mehr. Da droht ein Stück Dorfkultur wegzubrechen", sagt Backhaus, der auch Ortsvorsteher von Dolgesheim ist.

Axel John

Das "Chor-Küken" ist 68 Jahre alt

Mit seinen 68 Jahren ist Backhaus das "Küken" des Chors. Alle anderen Mitglieder sind älter und gehören damit zur derzeit besonders gefährdeten Bevölkerungsgruppe. Jüngere Mitglieder gibt es in der "Eintracht" nicht mehr. Daran zeige sich der gesellschaftliche Wandel, sagt Backhaus mit Blick auf den jahrelangen Mitgliederschwund. "Ich werde im Frühjahr noch mal im Dorf um neue Mitglieder werben. Das ist für die Zukunft unseres Chors dringend nötig."

Immer weniger Sänger bedeuten auch immer weniger Mitgliedsbeiträge. Da die Rücklagen wegen fehlender Konzerte dahinschwinden, hat der Gesangverein keine Dirigentin mehr. Sie konnte nicht mehr bezahlt werden. "Früher haben wir Schnitzelfeste organisiert, um kurzfristig Geld in die Kasse zu kriegen. Ob wir die Krise finanziell überstehen, weiß ich nicht." 1895 wurde die "Eintracht" gegründet. Möglicherweise wird auch sie ein Opfer der Pandemie.

Online-Proben als Notlösung

Nur gut zehn Kilometer von Dolgesheim entfernt liegt Oppenheim. Sozusagen gesangstechnisch liegen aber Welten zwischen den Ortschaften: Zwar wurden auch hier alle Konzerte von Frühjahr an gestrichen, der Chor "Die kleine Harmonie" hat aber aus der Not eine Tugend gemacht und sich digital neu organisiert. Die 18 Mitglieder singen zwar räumlich getrennt, singen aber gemeinsam via Internet. Eine Konferenz-Software macht's möglich. "Das ist natürlich nicht dasselbe. Aber wir können so den Kontakt im Chor halten", erklärt Klaus Degreif. "Wir arbeiten schon jetzt auf den Tag hin, an dem wir uns endlich wieder richtig treffen und gemeinsam singen können."

Klaus Degreif | SWR

Dann eben online singen: Klaus Degreif vom Chor "Die kleine Harmonie" Bild: SWR

Neben den Internet-Proben können die Mitglieder auf der Homepage des Vereins auch Einzelstimmen einstudieren. Das nächste Projekt ist die Meisterprüfung des Chorverbandes Rheinland-Pfalz. Das Vorsingen musste in diesem Sommer wegen Corona ausfallen und soll möglicherweise 2021 nachgeholt werden.

"Die kleine Harmonie" profitiert jetzt von seinen jüngeren Mitgliedern, die die singenden Online-Konferenzen schon im Frühjahr technisch eingerichtet haben. "Mit 86 Jahren hätte ich mich sehr schwer damit getan", räumt Degreif ein. "Ich glaube, wir können deshalb die nächsten Monate gut überstehen. Der Zusammenhalt ist da und damit eine Perspektive für unseren Chor. Unsere Rücklagen und die Mitgliedsbeiträge dürften uns durch die Krise helfen." Im nächsten Jahr hofft der Chor dann auf neue Einnahmen - spätestens bei Weihnachtskonzerten.

Trotz seines gesanglichen Solo-Daseins gibt sich Degreif kämpferisch: "Wir arbeiten auf die Prüfung hin und wollen den Titel auf jeden Fall halten. Auch das digitale Singen gibt Kraft, diese Zeit zu überstehen."

Chöre in Existenznot

Weniger optimistisch klingt die Geschäftsführerin von Pueri Cantores in Deutschland. "Die Stimmung ist bei den Chören im ganzen Land insgesamt schon niedergeschlagen. Noch vor ein paar Wochen hatten wir gehofft, dass wenigstens ein Weihnachtsoratorium in Kirchen möglich sein könnte", erzählt Irini Karamitrou von Pueri Cantores, einer bundesweiten Vereinigung für Kinder- und Jugendchöre mit mehr als 20.000 Mitgliedern.

Verbandschefin Irini Karamitrou | SWR

"Die Lust am Singen kann mir auch Corona nicht nehmen": Irini Karamitrou Bild: SWR

Karamitrou blättert in Unterlagen auf ihrem Schreibtisch. Sie hat im Sommer und Herbst mit dem Allgemeinen Cäcilien-Verband der katholischen Kirche (ACV) eine bundesweite Umfrage bei Chören zu den Folgen der Corona-Krise gemacht. Die Teilnahme war freiwillig, deshalb sind die Ergebnisse nicht repräsentativ. Allerdings zeigen die Daten doch einen Trend: "Betroffen sind natürlich alle Vereine in irgendeiner Form. Ich fürchte, je länger die Corona-Beschränkungen gelten, desto größer die Gefahr, dass vor allem kleine Chöre nicht überleben."

Bundesregierung hilft mit Zuschüssen

Im Sommer hätten sich zudem nur relativ wenige Chöre online organisiert. "Das ändert sich aber gerade, da wir jetzt den Lockdown haben", berichtet Karamitrou von den Telefonaten der vergangenen Tage. "Auch ich rechne mit ersten Lockerungen erst wieder ab Frühjahr. Eine Rückkehr zur Normalität mit Festivals dürfte sogar erst im übernächsten Jahr möglich sein."

Bis dahin könnten auch öffentliche Zuschüsse helfen. Die Bundesregierung hat ein milliardenschweres Programm namens "Neustart Kultur" aufgelegt. Damit sollen Kultureinrichtungen gefördert werden, die privat finanziert werden. Auch Chöre können Hilfen beantragen.

Und wie übersteht Karamitrou die erzwungene, stille Zeit des Lockdowns? "Derzeit kann ich meinem Sohn nur daheim etwas vorsingen", erzählt sie mit einem Lächeln. "Aber egal, wie lange das Vereinsleben ruhen muss und wir in unseren eigenen vier Wänden sind: Die Lust am Singen kann mir auch Corona nicht nehmen."

Über dieses Thema berichtete MDR Thüringen - Das Radio am 12. Juni 2020 um 18:00 Uhr in den Nachrichten.

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Moderation 23.12.2020 • 09:34 Uhr

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