Bahn und Polizei kontrollieren einen Zug | Bildquelle: dpa

Infektionsschutz bei der Bahn Zwei Sitzplätze für Bundesbedienstete

Stand: 17.11.2020 20:03 Uhr

Mitarbeiter des Bundes dürfen bei dienstlichen Fahrten mit der Bahn zwei Sitzplätze für sich buchen - es zahlt der Staat. Für die umstrittene Maßnahme wurde sogar ein Gesetz geändert.

Von Dirk Rodenkirch, ARD-Hauptstadtstudio

Die Idee ist nachvollziehbar: Mitarbeiter des Bundes sollen im Zug größeren Abstand zu Mitreisenden halten können. Deshalb dürfen sie einen zusätzlichen freien Nachbarsitz buchen - auf Staatskosten. Wie das Bundesinnenministerium mitteilte, wurde dafür extra das Bundesreisekostengesetz geändert.

Bei genauer Betrachtung entpuppt sich das Ganze aber als Luftbuchung. Denn die Bahn AG erklärte dem ARD-Hauptstadtstudio: Der Anspruch auf einen Sitzplatz erlösche 15 Minuten nach der Abfahrt, wenn der Platz nicht eingenommen werde. Nach den Beförderungsbedingungen gelte das nicht nur für Reservierungen, sondern auch für Fahrkarten.

Der Fahrgastverband Pro Bahn geht davon aus, dass die Zwei-Ticket-Strategie in vollen Zügen scheitern wird. Der Vorsitzende Detlef Neuß sagte im SWR: "Die Leute werden nicht im Gang stehenbleiben und den Sitzplatz neben den Angestellten des Bundes freilassen. Und ich bezweifle sehr stark, dass sich das überhaupt durchsetzen lässt."

Bahn: Gesundheitsschutz hat höchste Priorität

Der Bahn-Konzern stellte klar, dass der Infektions- und Gesundheitsschutz für die Kunden und die Beschäftigten weiterhin höchste Priorität habe. In einer Stellungnahme heißt es wörtlich: "Sicheres Reisen mit der Bahn ist gewährleistet, denn zurzeit sind die Fernverkehrszüge zu rund 20 bis 25 Prozent ausgelastet. Das heißt, vier von fünf Sitzplätzen sind nicht belegt. Für die Buchungen von Sitzplatzreservierungen sind Fensterplätze voreingestellt, sodass der Gangplatz frei bleibt."

Aber auch das funktioniert in der Praxis leider nicht, wenn Züge stark ausgelastet sind. Weder die Bahn noch das Bundesverkehrsministerium konnten sich bisher dazu durchringen, eine Reservierungspflicht einzuführen.

FDP-Verkehrsexperte Jung: "Skurril"

Nur damit wäre die Anzahl der Fahrgäste wirklich zu steuern, sagt auch der FDP-Verkehrsexperte Christian Jung: "Es ist natürlich schon sehr skurril, was da gerade passiert. Die Deutsche Bahn lehnt es auf der einen Seite ab, eine Reservierungspflicht im Fernverkehr einzuführen, auf der anderen Seite sagt jetzt der Bund zu seinen Angestellten und Beamten: 'Wenn ihr auf Dienstreise seid, bitte, nehmt gleich zwei Plätze'."

Detlef Neuß von Pro Bahn findet, dass von der Idee ein falsches Signal ausgeht, "weil der Bund durch diese Maßnahme auch den Anschein erweckt, es bestünde eine erhöhte Ansteckungsgefahr im öffentlichen Personenverkehr."

Grüne sehen das Positive

Auch die Grünen kritisieren, dass der Bund einen Mindestabstand in Zügen nur für die eigenen Mitarbeiter und nicht für alle Passagiere garantiert.  

Fraktionschef Anton Hofreiter sieht aber auch einen positiven Aspekt, falls wirklich Plätze neben Bundesbediensteten frei bleiben: "Wenn die Zahl der Menschen im Zug sinkt, sind damit alle Menschen stärker geschützt."

Mitarbeiter des Bundes können sich auch bei Flugreisen mehr Platz verschaffen. So dürfen sie einen Mittelsitzplatz hinzubuchen, auch das wird bezahlt. In der Luft ist zumindest garantiert, dass spontan niemand zusteigt und den Platz besetzt.

Zweiter Sitzplatz für Bundesbedienstete bei Bahnreisen
Bernd Rodenkirch, ARD Berlin
17.11.2020 19:27 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 17. November 2020 um 18:25 Uhr.

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Dirk Rodenkirch, SWR

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