Passanten stehen vor einem Corona-Testzentrum an. | dpa

Nach Corona-Gipfel Kritik am Bund-Länder-Kurs

Stand: 25.01.2022 10:34 Uhr

Nach der Bund-Länder-Runde gibt es Kritik am eingeschlagenen Corona-Kurs: Sozialverbände stören sich an der PCR-Priorisierung und der Profifußball beklagt fehlende Perspektiven.

Nach dem Spitzentreffen von Bund und Ländern zur Coronavirus-Pandemie mehrt sich die Kritik an den geplanten Einschränkungen beim Zugang zu PCR-Tests. Die jetzt beschlossene Priorisierung der PCR-Tests bedeute, dass "wir keine Ahnung haben, wie hoch die Infektionszahl wirklich ist", sagte der bayerische Ministerpräsident Markus Söder in den tagesthemen. "Wir haben uns gewundert und geärgert", sagte Söder. Der drohende Test-Mangel sei "kein starkes Zeichen für die Logistik und die Materialbeschaffung in Deutschland".

Nach Ansicht des CSU-Politikers waren die Diskussionen mit den Länder-Kollegen und Bundeskanzler Olaf Scholz insgesamt "unbefriedigend, weil wir erneut nur vertagt haben".

Bei RTL verteidigte Söder seine Absicht, in Bayern Corona-Regeln unter anderem in Sport und Kultur zurückzunehmen. "Omikron ist nicht Delta, und deshalb kann man nicht die gleichen Maßnahmen machen wie bei Delta." Er habe nicht vor, in Bayern alles zu lockern, "aber wir passen an, wenn uns zum Beispiel die Gerichte sagen, im Handel muss man einen anderen Weg finden, das gleichen wir aus, wenn 2G nicht geht, mit der FFP2-Pflicht".

Fans müssen weiter draußen bleiben

Die Vertreterinnen und Vertreter von Bund und Ländern hatten sich trotz der stark steigenden Infektionszahlen darauf verständigt, an den bisherigen Schutzmaßnahmen festzuhalten. Damit bleibt es in den Profiligen etwa im Fußball und Handball weitgehend bei Geisterspielen.

Vor allem aus dem Fußball kam Kritik am Fehlen einer zeitnahen Perspektive für die Rückkehr der Fans. Im Sinne des gesamten Profisports wäre es wichtig gewesen, "schon jetzt mit Blick auf die Zulassung von Fans Einigkeit über differenzierte Szenarien zu erzielen, die sich an der jeweiligen Pandemie-Lage orientieren", teilte die neue Geschäftsführerin der Deutschen Fußball Liga (DFL), Donata Hopfen, mit. "Klubs und Ligen hätten auf diese Weise zumindest etwas Planungssicherheit und eine Perspektive in einer auch für sie herausfordernden Situation."

Noch deutlicher wurde Borussia Dortmunds Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke. Er schließt auch juristische Schritte nicht aus. "Wir werden uns die Beschlüsse des Landes NRW genau anschauen und prüfen, ob wir sie im Eilverfahren kontrollieren lassen", sagte er der Nachrichtenagentur dpa. Es sei "bitter, dass die Mehrheit der MPK-Teilnehmer nach zwei Jahren nur an Verbote denkt und nicht auch an ein Mindestmaß an Möglichkeiten und logischen Entscheidungen".

PCR-Priorisierung wegen begrenzter Kapazitäten

In ihren Beratungen hatten sich die Ministerpräsidentinnen und Ministerpräsidenten zusammen mit der Bundesregierung zudem darauf verständigt, dass Klinikpersonal und Personen mit erhöhtem Risiko Vorrang bei PCR-Tests bekommen sollen. Die Details müssen aber noch festgelegt werden. Gleichzeitig sollten "alle Anstrengungen unternommen werden, die PCR-Testkapazitäten zu erhöhen", hieß es.

Der Vorsitzende des Verbands Akkreditierter Labore in der Medizin (ALM), Michael Müller, warnte jedoch vor zu hohen Erwartungen. "Wir können die Kapazitäten nicht beliebig von heute auf morgen ausbauen", sagte Müller dem Redaktionsnetzwerk Deutschland. Ein solcher Schritt erfordere zeitnahe Gespräche und eine "klare Aussage" über den tatsächlichen Bedarf, so Müller.

Labore fordern Rahmenbedingungen

Die Labore hätten bereits seit Oktober in Eigenverantwortung zusätzliche Kapazitäten für 500.000 PCR-Testungen geschaffen, so Müller. "Wenn die Politik mehr PCR-Testkapazitäten fordert, muss sie auch die Rahmenbedingungen dafür schaffen und für eine finanzielle Absicherung sorgen für den Fall, dass diese nicht gebraucht werden", sagte Müller.

Er rief die Politik zu Gesprächen über die angestrebte Ausweitung der PCR-Testkapazitäten auf. "Wir müssten wissen, um wie viel die Kapazität erhöht werden soll und in welchem Zeitraum", sagte Müller der Nachrichtenagentur dpa. Der Vorsitzende des Berufsverbands Deutscher Laborärzte, Andreas Bobrowski, sagte der "Welt", der Mangel an Laborpersonal lasse sich vorerst auch nicht beheben.

Kritik von der Stiftung Patientenschutz

Kritik an der Bund-Länder-Entscheidung kam auch vom Vorsitzenden der Stiftung Patientenschutz, Eugen Brysch. "Es ist gut, dass vulnerable Menschen nun bei der PCR-Testung priorisiert werden", sagte Brysch dem Redaktionsnetzwerk Deutschland. "Doch vergessen wurde der größte Pflegedienst Deutschlands. Fünf Millionen Angehörige haben jetzt keinen Zugang zu Labor-Tests."

Eine nicht oder zu spät erkannte Infektion mache das Leben daheim zu einem Hochrisikogebiet, so Brysch. "Drei Millionen Pflegebedürftige brauchen die tägliche Unterstützung ihrer Verwandten. Hier also sicher zu erkennen, ob eine Infektion vorliegt, ist lebenswichtig." Der Bundesgesundheitsminister sei aufgefordert, diese Kontaktpersonen in der Testverordnung zu priorisieren.

"Ein schreiender Widerspruch"

Auch die Lehrer-Vertreter fühlen sich unrechtmäßig übergangen. "Es ist natürlich ein schreiender Widerspruch, wenn die Politik unisono beteuert, dass das Offenhalten von Schulen oberste Priorität hat, sich aber wie schon so oft zuvor wegduckt, wenn es ganz konkret darum geht, Schüler und Lehrkräfte bei Gesundheitsschutzmaßnahmen zu priorisieren", sagte der Chef des Deutschen Lehrerverbands, Heinz-Peter Meidinger, dem Redaktionsnetzwerk Deutschland.

Der Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Gesamtverbandes, Ulrich Schneider, forderte Nachbesserung für zu Hause. "Es darf jetzt nicht beim Starren auf den Mangel bleiben. Wir erwarten von der Bundesregierung, dass sie alles tut, um mehr Testkapazitäten aufzubauen."

Zweifel an Schnelltests statt PCR-Tests

Der Deutsche Städtetag schlug vor, zur Erweiterung der PCR-Kapazitäten auf sogenannte POC-PCR-Tests zu setzen, die ohne Labor auskommen und schnelle Ergebnisse liefern sollen. "Dafür müsste dann aber auch die Finanzierung für diese Test verbessert werden", sagte Städtetagspräsident Markus Lewe der Nachrichtenagentur dpa. "Wir könnten uns außerdem vorstellen, bei der Freitestung aus Isolation und Quarantäne noch mehr mit zertifizierten Antigen-Tests zu arbeiten statt mit PCR-Tests."

Nach Ansicht von Laborärzte-Vertreter Müller böten Antigen-Schnelltests zum Freitesten allerdings nicht genügend Sicherheit. "Wir sehen in unserem Laboralltag zu viele falsche Schnelltestergebnisse und empfehlen daher das konsequente Freitesten im PCR-Verfahren.", sagte er.

Auch der Bremer Epidemiologe Hajo Zeeb liegt auf dieser Linie. "Es ist problematisch, dass sich Klinik- und Pflegepersonal in Zukunft mit einem Antigen-Test nach sieben Tage freitesten kann", sagte er dem Redaktionsnetzwerk Deutschland. "Ich halte es für sinnvoll, dass in diesen sensiblen Bereichen weiterhin PCR-Tests verwendet werden."

Brinkhaus: PCR-Test für alle Bürgerinnen und Bürger

Unionsfraktionschef Ralph Brinkhaus besteht sogar für alle Bürgerinnen und Bürger auf PCR-Testmöglichkeiten, trotz der Engpässe. "Alle Bürger müssen bei Corona-Verdacht oder Infektion, aber auch nach überstandener Corona-Infektion die Möglichkeit haben, durch einen PCR-Test Gewissheit zu bekommen", sagte er den Zeitungen der Funke Mediengruppe.

Für Linken-Fraktionschef Dietmar Bartsch ist die neue Teststrategie sodann "kein Durchbruch zur wirksamen Bekämpfung der Pandemie, sondern ein einziges Kommunikationschaos", wie er den Funke-Zeitungen sagte.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 25. Januar 2022 um 10:00 Uhr.