Ein Bettler sitzt mit Mundschutz auf dem Gehweg. | picture alliance / SvenSimon

Armutsbericht Corona macht Arme noch ärmer

Stand: 05.03.2021 17:56 Uhr

Wer wenig verdient, ist in der Pandemie oft noch ärmer geworden. Das belegt der Entwurf des Armutsberichts der Regierung. Aus Sicht von Verbänden ein Versäumnis der Politik: Die Bemühungen, die Folgen der Krise abzumildern, reichten nicht aus.

Weniger Rücklagen, geringere Chancen auf dem Arbeitsmarkt, Probleme beim Homeschooling: Geringverdiener und Arbeitslose leiden vor allem unter den Folgen der Corona-Pandemie. Das zeigt ein Entwurf des aktuellen Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung, der der Nachrichtenagentur dpa vorliegt. Zuvor hatte die "Süddeutsche Zeitung" darüber berichtet.

Bis Ende August 2020 haben laut dem Bericht 15,5 Millionen Haushalte in Deutschland Einkommenseinbußen hinnehmen müssen. Gering- und Normalverdiener sind dabei am stärksten betroffen. 30 Prozent der Befragten mit besonders niedrigen Einkommen hatten seit Beginn der Pandemie Probleme, laufende Ausgaben zu decken.

Pandemie trifft vor allem Langzeitarbeitslose

Die Auswirkungen der Pandemie auf den Arbeitsmarkt könnten dem Bericht zufolge insbesondere Langzeitarbeitslose treffen. Diese sähen sich verstärkt mit dem Problem eines teilweise verschlossenen Arbeitsmarktes konfrontiert. Während in der öffentlichen Verwaltung die Beschäftigtenzahlen stabil blieben, gab es bei Beschäftigten in der Gastronomie seit April einen Anstieg der Arbeitslosenzahlen um 80 Prozent.

Positive Impulse gab es hingegen offensichlich durch das Kurzarbeitergeld. Insbesondere Menschen mit mittleren oder geringen Einkommen profitierten dem Bericht zufolge von der staatlichen Leistung. "Diese Hilfen haben so die sozialen Härten besonders für die untere Einkommensmitte abgefedert", heißt es ein einer Kurzfassung des Berichts. Insgesamt ist der Anteil der Menschen in Kurzarbeit im vergangenen Sommer gesunken.

"Schieflage wird verstärkt"

Aus Sicht von Verbänden gehen die Bemühungen der Politik jedoch nicht weit genug. "Die deutliche soziale Schieflage in Deutschland wird durch die Corona-Pandemie noch weiter verstärkt", sagte Verena Bentele, Präsidentin des Sozialverbands VdK.

Geringverdiener, Arbeitslose, Erwerbsminderungsrentner und Menschen mit Behinderungen müssen das wenige Geld, das ihnen zur Verfügung steht, nun auch noch für Schutzmasken, Corona-Selbsttest und Desinfektionsmittel ausgeben. Das darf nicht sein.

Menschen aus den oberen Einkommensschichten hätten hingegen in der Vergangenheit Rücklagen bilden können, von denen sie nun in der Krise profitierten.

VdK: Corona-Zuschlag von 100 Euro

Der VdK fordert deshalb einen monatlichen Corona-Zuschlag von 100 Euro für Empfängerinnen und Empfänger von Grundsicherung. Die durch Corona verursachten Kosten müssten gerecht verteilt werden, so Bentele.

Dazu sollten Menschen und Betriebe mit großem Vermögen mit einer einmaligen Vermögensabgabe herangezogen werden. "Der Effekt wäre enorm, wir sprechen von zusätzlichen Steuereinnahmen im Milliardenbereich", erklärte Bentele.

DGB: "Bundesregierung muss sich schämen"

"Für die Ergebnisse dieses Berichts muss sich die Bundesregierung schämen", sagte Anja Piel vom Vorstand des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB). Das Papier zeige, dass sich Ungleichheit verfestige und sozialer Aufstieg ein leeres Versprechen bleibe.

In dem Entwurf wird deutlich, dass die Bildungs- und Aufstiegschancen einkommensschwacher Menschen durch die Pandemie weiter eingeschränkt werden. So berichteten insbesondere Eltern mit niedrigen Einkommen von weniger Unterstützung von Seiten der Schulen beim Homeschooling und sorgten sich um die Aufstiegschancen ihrer Kinder.

Generell sind die Aufstiegschancen insbesondere für Menschen aus den unteren Einkommensschichten seit den 80er-Jahren kontinuierlich gesunken. Ihnen fällt es immer schwerer, in die Mittelschicht aufzusteigen.

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 05. März 2021 um 07:38 Uhr.