ine Frau blickt auf dem Alexanderplatz auf ihr Smartphone. Die Bundesregierung setzt große Hoffnungen in eine App zur Nachverfolgung von Corona-Infektionsketten, die aktuell in Berlin getestet wird. | Bildquelle: dpa

Suche nach Corona-Infizierten Eine App und die Frage des Vertrauens

Stand: 08.04.2020 08:22 Uhr

Eine sogenannte Tracing-App soll helfen, mögliche Corona-Infizierte schneller zu informieren und Infektionsketten zu unterbrechen. Doch bis die App tatsächlich genutzt werden kann, müssen einige Hürden überwunden werden.

Von Christian Feld und Justus Kliss, ARD-Hauptstadtstudio Berlin

Werden sich Millionen Deutschen freiwillig eine Corona-Tracing-App auf ihr Smartphone laden? Je größer die Zahl, desto besser wird das Vorhaben aus Sicht der Macher seinen Zweck erfüllen: Infizierte schneller informieren und Infektionsketten unterbrechen. Das entscheidende Kriterium dürfte sein, wie groß das Vertrauen in das Programm ist.

Eine abschließende Bewertung, mit welchen Vor- und Nachteilen eine Corona-App für Deutschland verbunden wäre, ist nicht möglich. Das Robert Koch-Institut arbeitet zwar an einem solchen Programm, das nicht zu verwechseln ist mit der bereits vorgestellten RKI-"Datenspende-App". Bekannt ist bisher aber nur, auf welchem Konzept die Tracing-App basiert.

Vor einer Woche hat die europäische Initiative PEPP-PT (Pan-European Privacy-Preserving Proximity Tracing) eine Art Technologie-Baukasten vorgestellt. Die 130 Beteiligten aus mehreren europäischen Ländern versprechen, dass die App möglichst datensparsam arbeite. Dabei sollen keine Ortsdaten gespeichert werden (Tracking). Das System merkt sich nur, welche zwei Mobiltelefone sich für eine bestimmte Dauer kritisch nahe waren (Tracing). Die gespeicherten Daten sollen nach 21 Tagen wieder gelöscht werden. Meldet ein App-Nutzer eine Infektion, werden alle Nah-Kontakte per Push-Nachricht informiert.

Das System soll auch über Ländergrenzen hinweg funktionieren. "Ich gehe davon aus, dass wir zwischen 15. und 19. April die erste App tatsächlich live haben“, sagt der IT-Unternehmer Chris Boos von der Initiative PEPP-PT.

Noch viele Hürden

Auf dem Weg von diesem Konzept zu einer realen App sind noch mehrere Hürden zu nehmen. Da sind zunächst technische Fragen. Um zu messen, ob sich zwei Personen beziehungsweise ihre Mobiltelefone nah waren, kommt die Bluetooth-Technik zum Einsatz. Entscheidend ist also, wie präzise die Messungen sind. Schließlich spielt es eine Rolle, ob der Abstand 1,50 Meter beträgt oder 2,50 Meter. Haben die Nutzer ihr Gerät in der Tasche oder in der Hand? Ist zwischen ihnen eine Scheibe oder Mauer? Um auf Nummer sicher zu gehen, könnte man das System besonders vorsichtig einstellen. Mit der Folge, dass wohl zu viele Personen eine Warnung bekommen.

Die Messung per Bluetooth wurde unter anderem bei Vodafone in Düsseldorf getestet. Auch die Bundeswehr unterstützte das Projekte in der vergangenen Woche und gestern mit Versuchen in einer Berliner Kaserne. Die Ergebnisse wurden bisher aber noch nicht veröffentlicht.

Ein Projekt mit sensiblen Daten, an dem der Staat beteiligt ist, steht zu Recht unter kritischer Beobachtung. Eine wirkliche Analyse in der Öffentlichkeit steht noch aus. Die Initiative PEPP-PT will in einem nächsten Schritt den Programm-Code ihres Grundgerüstes offenlegen. Entscheidend ist aber die Umsetzung einer finalen Corona-App.

Bewertungskriterien vom Chaos Computer Club

Der Chaos Computer Club hat eine Liste mit zehn "Prüfsteinen" zur Bewertung solcher Tracing-Apps veröffentlicht. So müssten beispielsweise "belegbare technische Maßnahmen" wie Verschlüsselung und Anonymisierung den Datenschutz der Nutzer sicherstellen. Bewegungsprofile dürfen nicht angelegt werden. Sollte sich der Einsatz solcher Apps als nicht nützlich herausstellen, soll das "Experiment" beendet werden. Eine Umsetzung ohne "allwissenden zentralen Server" sei technisch möglich.

Die Bundesregierung will Bürger nicht zwingen, die App zu nutzen. "Klar ist jetzt schon, dass wir das auf freiwilliger Basis machen würden", sagte die Kanzlerin Anfang April. Aber: Könnte der Druck auf diejenigen steigen, die die App nicht nutzen wollen? Gibt es dann Geschäfte, Kinos oder Restaurants, die den Einlass verweigern? Der Chaos Computer Club fordert vorsorglich, dass Nicht-Nutzern keine Nachteile entstehen dürften.

Werbekampagne für die App

Thomas Jarzombek, der Beauftragte des Bundeswirtschaftsministeriums für die Digitale Wirtschaft und Start-ups, betont im Gespräch mit dem ARD-Hauptstadtstudio, wie wichtig Transparenz und möglichst umfassende Information seien. Der Code der App müsse für jeden einsehbar sein: "Jede vom Staat entwickelte Software muss Open Source sein."

Mehrere Branchenverbände der Digitalwirtschaft haben sich bereits Gedanken über eine Informationskampagne zur Einführung gemacht. Nach einer Videokonferenz am Dienstag ist Jarzombeks Plan, diese Bemühungen zu koordinieren. Wichtig sei, dass die App am Ende auf möglichst vielen Endgeräten lande. Jarzombek rechnet mit einer fertigen App erst Ende April. Die Initiative PEPP-PT ist mit Blick auf das Datum optimistischer.

Keine Empfehlungen vom CCC

Der Chaos Computer Club sagt, man werde "aus grundsätzlichen Erwägungen" keine konkreten Apps, Konzepte oder Verfahren empfehlen: "Wir raten jedoch von Apps ab, die diese Anforderungen nicht erfüllen." Die Prüfsteine der Hacker-Vereinigung nicht zu erfüllen, muss ein Programm nicht aus dem Rennen werfen, könnte sich jedoch negativ auf das Vertrauen auswirken. Bis zu dieser Prüfung heißt es jedoch: Warten auf die fertige App.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 08. April 2020 um 10:00 Uhr.

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