Flugzeugen von Ryanair und Easyjet auf dem Flughafen Berlin-Tegel | dpa

Corona-Krise Fluggesellschaften rufen nach Hilfe

Stand: 16.03.2020 20:03 Uhr

Die Reisebeschränkungen drastisch, die Ticketnachfrage gering: Angesichts der Corona-Pandemie sind Fluggesellschaften weltweit in der Krise - und hoffen auf staatliche Unterstützung. Die Lufthansa kürzt ihren Flugplan massiv.

Nach weiteren Grenzschließungen mehrerer Länder fürchten Fluggesellschaften in aller Welt um ihre Existenz und rufen verstärkt nach Staatshilfe. Die Regierungen müssten sich auf die schweren wirtschaftlichen Folgen der staatlichen Maßnahmen zum Eindämmen der Pandemie vorbereiten, erklärten die drei Luftfahrt-Allianzen Star Alliance, Skyteam und Oneworld, zu denen 60 Prozent aller Fluggesellschaften weltweit gehören.

Alle möglichen Maßnahmen müssten geprüft werden, um den Airlines in der beispiellosen Phase beizustehen. Neben dem Aussetzen der Regeln für Start- und Landerechte sollten Flughafenbetreiber ihre Gebühren reduzieren. Die finanziellen Folgen des weltweiten Corona-Ausbruchs seien ohne Beispiel, erklärte Skyteam-Chefin Kristin Colville. Alle Beteiligten der Branche sollten in dieser außergewöhnlichen Zeit zu außerordentlichen Maßnahmen greifen.

Lufthansa streicht Flugplan massiv zusammen

Die Corona-Pandemie zwingt Fluggesellschaften weltweit zu drastischen Einschnitten: So fährt die Lufthansa den Flugplan massiv zurück. So soll nur noch jeder zehnte geplante Fernflug stattfinden und ungefähr jede fünfte Nah- und Mittelstreckenverbindung. Ursprünglich hatte das Unternehmen im Sommerflugplan rund 26.000 Flüge in der Woche geplant.

In dieser Woche seien noch mehr als 20 Sonderflüge von Lufthansa, Eurowings und Austrian Airlines geplant, damit rund 6000 Passagiere nach Hause zurückkehren könnten, erklärte ein Sprecher. Der reduzierte Flugplan für alle Lufthansa-Airlines gelte zunächst bis zum 12. April.

Zudem stellt die Lufthansa-Tochter Austrian Airlines (AUA) ihren regulären Flugbetrieb am Donnerstag vorübergehend ein. Der vorerst letzte Flug mit der Flugnummer OS 066 werde am 19. März in den Morgenstunden aus Chicago in Wien landen, teilte die AUA mit. Ein Lang- und ein Mittelstreckenflugzeug blieben für Hilfsflüge im Einsatz, hieß es.

In den nächsten Tagen werde die Airline vermehrt Rückholflüge durchführen und bei Umbuchungen auch auf das Angebot des Mutterkonzerns Lufthansa zurückgreifen. Der Flugbetrieb werde kontrolliert und strukturiert zurückgefahren, um alle Passagiere, Crews und Flugzeuge nach Hause zu holen. Vorerst streicht die AUA alle Flüge bis zum 28. März. "Passagiere, die in diesem Zeitraum einen gebuchten Flug haben, werden - sofern möglich - auf andere Fluglinien umgebucht", erklärte die Fluggesellschaft. Die Lufthansa hatte am Freitag angekündigt, wegen der Auswirkungen der Krise Staatshilfen zu beantragen.

Ryanair streicht Großteil der Flüge

Europas größter Billigflieger Ryanair streicht sein Flugprogramm um bis zu 80 Prozent zusammen. Unternehmenschef Michael O'Leary will den Herausforderungen aber trotzen und die Fluggesellschaft heil durch die Turbulenzen steuern. "Ryanair ist ein belastbarer Airline-Konzern mit einer starken Bilanz und erheblichen Barreserven", sagte der Manager in einer Mitteilung. "Wir können und werden durch angemessenes und zeitiges Handeln auch eine längere Zeit mit weniger oder sogar gar keinen Flügen überstehen."

In den Monaten April und Mai wird Ryanair das Flugangebot voraussichtlich um bis zu 80 Prozent zurückfahren. Binnen der nächsten sieben bis zehn Tage werde es dazu kommen, dass der Großteil der Flotte in Europa nicht mehr abheben kann. Bis dahin will Ryanair die geplanten Flüge noch so weit wie erlaubt durchführen, um Kunden zurück in ihre Heimat zu bringen. Zu Ryanair gehören auch die österreichische Airline Lauda und die polnische Fluglinie Buzz.

Condor fährt Angebot zurück

Auch der Ferienflieger Condor streicht zahlreiche Flüge in beliebte Feriengebiete, weil deutsche Bürger dort nicht mehr einreisen dürfen. Betroffen sind unter anderem die USA, die Dominikanische Republik, die Türkei und Marokko - teils mit unterschiedlichen Fristen.

Das Unternehmen schickt in diesen Tagen noch Flugzeuge in die Zielgebiete, um Urlauber zurückzuholen. "In die Türkei fliegen wir leer hin, um die Menschen nach Hause zu holen", sagte eine Sprecherin. Man kooperiere auch eng mit den Reiseveranstaltern, die eine Vielzahl von Pauschalreisen absagten.

IAG reduziert um mindestens 75 Prozent

Die British-Airways-Mutter IAG teilte mit, sie werde ihre Kapazitäten im April und Mai um mindestens 75 Prozent im Vergleich zum Vorjahr reduzieren. Zur IAG-Gruppe gehören auch die spanische Iberia, die irische Aer Lingus und die Billiglinien Level und Vueling. 

Die IAG verfüge zwar über "solide Finanzen", die Unsicherheit über die Auswirkungen und die Dauer der Pandemie machten eine Gewinnprognose für das Gesamtjahr aber nicht mehr möglich. Konkurrent Easyjet erklärte, kurzfristig werde wegen der Einschränkungen die Mehrheit der Flotte am Boden bleiben. Air France-KLM wird nach eigenen Angaben im April und Mai zwischen 70 und 90 Prozent der Flüge streichen. Die finanziellen Auswirkungen seien noch nicht absehbar.

Einreiseverbot für Europäer in den USA in Kraft

In den USA kündigte American Airlines ebenfalls eine Reduzierung der internationalen Flüge um 75 Prozent an - zunächst bis zum 6. Mai. Die Flüge innerhalb der USA würden im April um 20 Prozent gekappt. Auch die Konkurrenten Delta und Southwest wollen ihre Flugpläne stark ausdünnen, nannten aber noch keine Zahlen. Am Freitag war ein Einreiseverbot für einen Großteil der Reisenden aus Europa in Kraft getreten, von Dienstag an gilt es auch für Reisende aus Großbritannien und Irland.

Die US-Fluggesellschaften wollen Staatshilfen im Volumen von über 50 Milliarden Dollar beantragen. Die rapide Ausbreitung des Virus belaste die Branche in beispielloser Weise, teilte die Lobbygruppe Airlines for America in Washington mit. Es wäre das erste Mal seit den Terroranschlägen vom 11. September 2001, dass die US-Luftfahrtbranche in größerem Stil Staatshilfen erhält.

In Neuseeland streicht Air New Zealand sogar 85 Prozent der Langstreckenflüge - der Handel mit den Aktien der Airline wurde ausgesetzt. Unternehmenschef Greg Foran kündigte Stellenstreichungen an, nannte aber keine Zahlen. Air New Zealand beschäftigt etwa 8000 Menschen. 

TUI, Alltours und FTI Group sagen Reisen ab

Aber nicht nur Airlines streichen einen Großteil ihrer Flüge, auch viele Reiseveranstalter setzen ihren Betrieb bis auf Weiteres aus. TUI kündigte an, Staatshilfen zu beantragen, um die Krise zu überbrücken - ebenso der Touristikkonzern FTI Group. Der Veranstalter, der zu den großen in Deutschland zählt, sagte alle Reisen bis Ende März ab. "Das Wohl unserer Gäste wie auch unserer Mitarbeiter ist unsere oberste Maxime, daher setzen wir unsere Operationen vorerst aus", heißt es in einer Mitteilung. Auch der Reiseveranstalter Alltours sagt alle Flugpauschalreisen und Reisen mit individueller Anreise bis 27. März ab. Die Reisen werden von Alltours kostenlos storniert.

Bundesregierung sagt Hilfe zu

Die Bundesregierung sicherte der Luftverkehrswirtschaft ihre Unterstützung zu. Die Luftverkehrsbranche sei unvermittelt und unverschuldet einer harten Belastungsprobe ausgesetzt, sagte der Koordinator für Luft- und Raumfahrt der Bundesregierung, Thomas Jarzombek, vor einem Branchentreffen im Bundeswirtschaftsministerium zu den wirtschaftlichen Auswirkungen des Coronavirus auf den Luftfahrtsektor.

"Die Bundesregierung steht an der Seite der Luftfahrtunternehmen und ihrer Beschäftigten. Wir möchten helfen, dass dauerhafte Schäden abgewendet werden." Die Beteiligten müssten alle an einem Strang ziehen, sagte Jarzombek.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 16. März 2020 um 11:00 Uhr.