Menschen im Gegenlicht tragen ein Kreuz. | Bildquelle: dpa

#ChurchToo "Zerbrechen wir daran?"

Stand: 29.08.2018 02:25 Uhr

Nach dem Bekanntwerden von mehr als 1000 Fällen, in denen US-Priester in Pennsylvania Kinder missbrauchten, melden sich immer mehr Opfer unter #ChurchToo. Auch in Deutschland solidarisieren sich Betroffene.

Von Maiken Nielsen, tagesschau.de

"Ich war neun, als ich von einem Mitglied meiner Kirche vergewaltigt wurde", schreibt die US-Amerikanerin Darlene Bliss-Darrow auf Twitter. "Der Pastor und meine Eltern sagten mir, dass ich ihm vergeben müsste, weil Jesus das auch tun würde. Ich sollte meinen Vergewaltiger umarmen und ihm sagen, dass ich ihm vergeben habe."

Der Tweet unter dem Hashtag #churchtoo wurde 12.000 Mal geteilt. Er ermunterte Tausende weitere Opfer, über ihre Erfahrungen zu schreiben. Die #metoo-Bewegung der Kirche war geboren.

Vergebung als christliche Tugend

Wie in Schulen und Sportvereinen geht es auch bei Missbrauchsfällen in der Kirche um sexualisierte Gewalt durch Schutzbeauftragte. Doch in der Kirche beriefen sich viele Täter darauf, dass ihnen vergeben werden müsse.

Christian Rommert, Theologe und Kinderschutz-Aktivist
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Christian Rommert, Theologe und Kinderschutz-Aktivist

"Täterinnen und Täter leben im kirchlichen Kontext ganz stark davon, dass sie Buße tun und herzerweichend davon erzählen, wie leid es ihnen täte", sagt Christian Rommert, Theologe und Kinderschutz-Aktivist, im Gespräch mit tagesschau.de. "Gemeinden sind komplett damit überfordert, das zu überdenken, was Vergebung bedeutet."

Zudem stelle sich die Institution auf den Täter ein, indem sie versuche, mit ihm zu reden und ihn zu verstehen. "Wenn der Täter dann auch noch sagt, dass der liebe Gott ihm alles vergeben habe, dann werden die Täter unter Umständen wieder in Feldern eingesetzt, in denen sie eigentlich nie wieder auftauchen dürfen", so Rommert.

Der Theologe, der sich vor allem im freikirchlichen Bereich engagiert, kritisiert zudem die kirchliche Auffassung von Gehorsam. "Es gibt Bibelverse, die von konservativen Christen so ausgelegt werden, dass Kinder Erwachsenen zu gehorchen haben, und das wird benutzt, um Kinder zum Schweigen zu bringen."

Missbrauchsfälle in ganz Deutschland

Wie viele Kinder von Vertretern der Kirche, Priestern und Mönchen missbraucht wurden, offenbarte erstmals der Ryan-Bericht 2009. Eine Kommission der irischen Regierung arbeitete zehn Jahre lang Missbrauchsfälle auf. Schwerwiegendste Vorwürfe gegen Mitarbeiter in Schulen, die von der katholischen Kirche in Irland betrieben und finanziert wurden: Schläge, Vergewaltigung, Schläge mit Vergewaltigung, Schläge nach Vergewaltigungsversuchen.

Der Ryan-Bericht zog weitere Untersuchungen nach sich. In Deutschland wurden 2010 zahlreiche Verdachtsfälle bekannt, etwa am Canisius-Kolleg in Berlin, am Jesuiten-Kolleg in Hamburg, in zahlreichen Bistümern, im oberbayerischen Benediktinerkloster Ettal, bei Mitgliedern des Knabenchors Regensburger Domspatzen.

Im Juni 2010 bat Papst Benedikt XVI. die Opfer erstmals öffentlich um Vergebung. Doch um Vergebung ging es schon lange nicht mehr.

Ein Windstoß fährt während eines Gebets durch den Umhang von Papst Franziskus. | Bildquelle: dpa
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Papst Franziskus verurteilte während seiner Irlandreise die tausendfachen sexuellen und anderweitigen Misshandlungen von Kindern und Frauen durch katholische Geistliche. Am letzten Tag ereilten ihn selbst Vorwürfe, wonach er Missbrauch vertuscht haben soll.

Kirchen ergreifen Gegenmaßnahmen

Nach Bekanntwerden der Fälle richtete die Katholische Kirche eine Hotline ein. Allerdings werde sie heute kaum noch genutzt, erklärt Matthias Kopp, Sprecher der Deutschen Bischofskonferenz. Das bestätigt auch Benjamin Simon-Hinkelmann, Sprecher der evangelischen Landeskirche Hannover. Allerdings gebe es Anrufe, die sich auf weit zurückliegende Vorfälle beziehen, etwa Vorwürfe gegen einen Superintendenten in den 1950er- und 60er-Jahren.

Zusätzlich zur Hotline ernannte die Deutsche Bischofskonferenz in jeder Diözese einen Missbrauchsbeauftragten. Die Bistümer und Ordensgemeinschaften seien dazu verpflichtet, Missbrauchsfälle aufzuarbeiten, so Kopp.

Einzelne evangelische Landeskirchen setzten Gleichstellungsbeauftragte ein. "Das heißt, die Opfer können im geschützten Raum erzählen", erklärt Simon-Hinkelmann. "Wenn es um Fälle von sexualisierter Gewalt oder Missbrauch geht, dann gibt es bei uns ganz klare Regeln. Wir prüfen die Vorwürfe. Wenn sich der Verdacht erhärtet, wird der betroffene Mitarbeiter oder die Mitarbeiterin vom Dienst suspendiert. Dann wird die Staatsanwaltschaft informiert. Bis die Staatsanwaltschaft entschieden hat, gibt es das Angebot einer seelsorgerlichen Begleitung für das Opfer und für den Täter."

Ansprechpartner für Missbrauchsopfer gebe es aber in allen Landeskirchen der Evangelischen Kirche Deutschland (EKD), erklärt ein Sprecher. Das Kirchenparlament der EKD, die Synode, habe die Verantwortung der evangelischen Kirche zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs Mitte November auf ihre Tagesordnung gesetzt.

Finanzielle Entschädigung für Opfer

Darüber hinaus können sich Opfer finanziell entschädigen lassen. "Wenn ein Opfer eine materielle Anerkennung erlittenen Leids wünscht, stellt es einen Antrag an eine - in unserem Haus befindliche - Zentrale Koordinierungskommission, die entsprechend den Vorgang bewertet und dem Anstellungsträger (wiederum Diözese oder Ordensgemeinschaft) eine Summe für eine mögliche Entschädigung nennt", sagt Kopp.

Sowohl die katholische als auch die evangelische Kirche in Deutschland verlangt selbst von seinen ehrenamtlichen Mitarbeitern ein polizeiliches Führungszeugnis. Alle Mitarbeiter werden entsprechend geschult, bestätigen die Sprecher.

Man sagt schnell Du zueinander und umarmt sich

Doch das scheint nicht auszureichen. Rommert berät regelmäßig Kirchengemeinden auf dem Weg zu mehr Sicherheit vor sexueller Gewalt. "Das erste, was ich versuche, ist den Gemeinden klar zu machen, warum Täterinnen und Täter gerade Kirchen aufsuchen", sagt er. "In der Kirche hat man einen riesigen Vertrauensvorschuss. Jeder, der mitarbeiten will, ist herzlich willkommen - ob er nun geeignet ist oder nicht. Man sagt schnell Du zueinander und umarmt sich auch."

Der Missbrauch werde von den Tätern strategisch geplant, erklärt er. Das beginne etwa mit Testritualen. "Der Täter zeigt beispielsweise Bilder", erinnert Rommert an einen Fall, "und sagt dann: 'Das finde ich so schön, das würde ich so gern mal mit dir fotografieren, du bist so eine besondere Person.'"

Menschen demonstrieren während des Papstbesuchs in Irland. | Bildquelle: dpa
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Hunderte demonstrierten in Irland während des Papstbesuchs, um der Opfer durch die katholische Kirche zu gedenken.

Kirche bietet auch den Tätern einen geschützten Raum

Manche Missbrauchsfälle werden entdeckt, weil die Täter sprechen. Auch ihnen bietet die Kirche einen geschützten Raum. In der evangelischen Kirche ist es das seelsorgerliche Gespräch. Doch Geistliche, die in einem solchen Gespräch mit Tätern von deren Verbrechen erfahren, können die Aussagen nicht zur Strafanzeige bringen.

"Das unterliegt der seelsorgerlichen Schweigepflicht", erklärt Simon-Hinkelmann. Das Seelsorgegeheimnis ist aus seiner Sicht ein kostbares Gut, mit dem die Kirche sehr sorgfältig umgehen müsse. "Wenn dieses Seelsorgegeheimnis nicht gewahrt bliebe, dann würden sich solche Gesprächsräume erst gar nicht ergeben - ähnlich wie bei Ärzten, Juristen und Journalisten." Allerdings müsse man in einem solchen Gespräch darauf hinarbeiten, dass der Missbrauch zur Anzeige gebracht wird - im Idealfall zur Selbstanzeige.

Die katholische Kirche verweist auf das Beichtgeheimnis. "Wenn es sich nicht um die Beichte handelt, sondern um eine andere Art des seelsorgerlichen Gesprächs, muss im Einzelfall erörtert werden, wie damit umgegangen wird", sagt Kopp. Dann sei eine Strafanzeige durchaus denkbar.

Die Suche nach dem richtigen Umgang

"Ich würde dem Täter zur Selbstanzeige und zur Therapie raten", sagt Rommert. "Käme er wiederholt zu mir, ohne aktiv zu werden, würde ich sagen, dass ich für die Weiterführung des Gespräches nicht der Richtige bin."

Für Rommert hat die Aufarbeitung auch persönliche Gründe - weil seine Frau betroffen gewesen sei. "Als es dann irgendwann einen Hinweis darauf gab, dass sie nicht die Einzige ist, die von diesem Täter missbraucht wurde, haben wir uns gefragt: Was machen wir mit unserer Geschichte? Zerbrechen wir daran oder können wir etwas Positives daraus gewinnen, indem wir für Prävention sorgen?"

Seit 2010 habe er vermehrt den Willen von Gemeinden erlebt, etwas zu verändern. Im Umgang mit den Missbrauchsopfern habe er nicht seinen Glauben an Gott und das Leben verloren, sagt er. Aber so wie früher glaube er nicht mehr.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 25. August 2018 um 18:10 Uhr und am 26. August 2018 um 19:05 Uhr sowie um 23:13 Uhr.

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