Rednerpult in Schloss Bellevue | AFP

Bundespräsident Wulff tritt zurück Endstation Schloss Bellevue

Stand: 17.02.2012 11:20 Uhr

Der zehnte Bundespräsident Deutschlands war der mit der kürzesten Amtszeit: Nach nur eineinhalb Jahren nimmt Wulff Abschied von Schloss Bellevue. Oft hat er auf den nächsten Karriereschritt lange warten müssen. Im Vergleich dazu kam das Karriereende dann ganz schnell.

Michael Götschenberg ARD-Hauptstadtstudio

Von Michael Götschenberg, MDR, ARD-Hauptstadtstudio

Es begann holperig: Drei Wahlgänge waren nötig, bis Christian Wulff am 30. Juni 2010 endlich die erforderliche Mehrheit in der Bundesversammlung hatte. Und dann musste Wulff bei der Vereidigung wegen eines Hängers auch noch zwei Mal ansetzen. Wulff erlebte gleichwohl einen Blitzstart ins Amt. Sein Vorgänger Horst Köhler war Ende Mai 2010, also einen Monat vorher, völlig unerwartet zurückgetreten.

Christian Wulff bemühte sich, schnell einen inhaltlichen Akzent zu setzen. Bereits am 3. Oktober sagte er den Satz, der wohl am meisten mit seiner Amtszeit verbunden wird: "Das Christentum gehört zweifelsfrei zu Deutschland. Das Judentum gehört zweifelsfrei zu Deutschland. Das ist unsere christlich-jüdische Geschichte. Aber, meine sehr verehrten Damen und Herren: Der Islam gehört inzwischen auch zu Deutschland."

Der Satz sorgte für Wirbel und brachte vor allem die eigenen Parteifreunde gegen Wulff auf. Bei der Opposition verschaffte sich Wulff hingegen Respekt. Vor allem bei SPD und Grünen fing man an, sich mit dem neuen Merkel-Präsidenten zu arrangieren.

Dann wurde es ruhig im Schloss Bellevue, und die Kritik wurde lauter: Wulff melde sich zu den großen Themen nicht zu Wort, der Präsident ziehe es vor, zu schweigen. Wulff reagierte: "Dann ist es auch so, dass man als Bundespräsident nicht eine Art Schiedsrichter ist, der über den Platz der Tagespolitik läuft und überall mit roten und gelben Karten agiert. Man muss sich seltener und grundlegender äußern. Und dann stellt man fest: Wenn es eine ausgewogene Rede ist, dann dient sie dem Zusammenhalt, dann integriert sie. Aber sie findet nicht die Aufmerksamkeit. Wenn die Rede eine Provokation ist, muss man sich wohl klar machen, dass man als Bundespräsident nicht ständig provozieren darf."

Merkel und Wulff bei der Wahl des Bundespräsidenten

Erst im dritten Wahlgang wird Merkels Kandidat zum Bundespräsidenten gewählt.

Im Dezember geriet seine Welt ins Wanken

Die Kritiker überzeugte das wenig. Schöne Bilder gebe es reichlich, in Gala und Bunte - die Wulffs, das strahlende Präsidentenpaar. Doch zu den großen Themen, wie Eurokrise und Atomausstieg, melde sich der Präsident nicht zu Wort. Seiner Popularität tat das hingegen keinen Abbruch: Wulff gehörte als Bundespräsident zu den beliebtesten Politikern, bis Dezember vergangenen Jahres. Da geriet seine Welt ins Wanken.

Die "Bild"-Zeitung berichtete über den Privatkredit des Unternehmers Egon Geerkens, mit dem Wulff seinen Hauskauf finanziert hatte. Die Affäre Wulff nahm ihren Lauf. Wulff schwieg lange, um sich dann kurz vor Weihnachten endlich zu erklären: "Mir ist klar geworden, wie irritierend die private Finanzierung unseres Einfamilienhauses in der Öffentlichkeit gewirkt hat. Das hätte ich vermeiden können und müssen." Nicht gradlinig sei das gewesen, und es tue ihm leid. Doch der Befreiungsschlag misslang.

Bundespräsident Christian Wulff und seine Ehefrau Bettina vor Schloss Bellevue in Berlin (Archiv)

Die Wulffs brachten Glanz in die "Hütte" von Schloss Bellevue.

Das Ende so ungewöhnlich wie der Anfang

Immer wieder neue Vorwürfe kamen auf: Kreditkonditionen, gesponsorte Urlaubsreisen, Anrufe bei der "Bild"-Zeitung. Immer wieder mussten Aussagen korrigiert oder zurückgenommen werden. Doch Wulff entschied sich durchzuhalten, denn die Kanzlerin hatte sich entschlossen, ihn zu stützen. Sie schätze die Arbeit von Wulff sehr, so Angela Merkel. Gerade Themen wie Integration und Zusammenleben in Deutschland habe er immer wieder auf die Tagesordnung gebracht. Das werde er sicherlich auch in der weiteren Arbeit tun.

Doch Wulff kam aus den Schlagzeilen nicht heraus. Mit der Einleitung staatsanwaltlicher Ermittlungen war die rote Linie dann auch für ihn überschritten. Heute Morgen soll er sich zum Rücktritt entschlossen haben. Damit nimmt die kürzeste Präsidentschaft in der Geschichte der Bundesrepublik ihr Ende - so ungewöhnlich, wie sie begonnen hatte.