Der blinde Anwalt Chen Guangcheng soll sich in der US-Botschaft aufhalten.
Interview

China-Korrespondentin Adelhardt zum Fall Chen Guangcheng "Für China ist die Ausreise die beste Lösung"

Stand: 04.05.2012 17:38 Uhr

Die Nachricht kam plötzlich: Der blinde Bürgerrechtler Chen darf in die USA ausreisen. "Eine neue Wendung in einem Fall, der schon für viele Überraschungen sorgte", sagt die China-Korrespondentin Christine Adelhardt im Interview mit tagesschau.de. Doch Garantien für die Ausreise gebe es nicht.

tagesschau.de: Die chinesische Regierung hat angekündigt, Chen Guangcheng ausreisen zu lassen. Kommt das für Sie überraschend?

Christine Adelhardt: Das ist eine neue Wendung in einem Fall, der schon viele überraschende Wendungen hatte. Für die chinesische Regierung ist das die derzeit beste Lösung, um ihr Gesicht zu wahren. Auch Hillary Clinton muss nicht ganz mit leeren Händen nach Hause fahren. Allerdings haben wir bislang keine Kenntnis darüber, ob die chinesische Regierung Garantien für die Sicherheit Chens gegeben hat. Chen hatte ja große Angst um sich und seine Familie. Jetzt muss man abwarten, wie schnell und unter welchen Umständen es zu dieser Ausreise kommen wird. Oder ob es weitere Wendungen geben wird.

Christine Adelhardt
Zur Person

Christine Adelhardt ist ARD- Fernsehkorrespondentin in Peking. Sie berichtete für die ARD unter anderem aus dem Kosovo, Bosnien, Albanien und Pakistan. Nach Stationen bei der NDR-Sendung "Panorama" und im Studio Washington übernahm sie als Studioleiterin das Büro in Peking.

tagesschau.de: Wofür steht Chen Guangcheng und welche Bedeutung hat er unter den chinesischen Bürgerrechtlern?

Adelhardt: Er ist einer der ganz prominenten Bürgerrechtler in China. Er ist kein Dissident, denn er hat zu keinem Zeitpunkt das politische System Chinas als ganzes in Frage gestellt oder freie Wahlen gefordert. Er hat sich für Bürgerrechte eingesetzt, vor allem für Frauen, die in der Provinz unter den schrecklichen Auswirkungen der Ein-Kind-Politik zu leiden hatten und wegen Zwangssterilisation und -abtreibung klagen wollten.

Er ist selbst kein ausgebildeter Jurist, sondern ein sogenannter Barfußanwalt, der sich autodidaktisch juristische Kenntnisse angeeignet hat. Damit hat er den Zorn lokaler Parteikader auf sich gezogen. Man hat ihn unter fadenscheinigen Vorwänden wegen Störung der öffentlichen Ordnung zu mehr als vier Jahren Haft verurteilt. Und obwohl er danach nach chinesischem Recht eigentlich ein freier Mann hätte sein müssen, hat man ihn illegal unter Hausarrest gestellt. Das heißt, er wurde 24 Stunden überwacht, mehrfach verprügelt, und hatte keine Möglichkeit, sein Haus zu verlassen oder Besuch zu empfangen.

"Chens Flucht ist ein großer Affront für China"

tagesschau.de: Aus diesem Hausarrest konnte er dann in die US-Botschaft fliehen. Über die Umstände gibt es aber keine offiziellen Informationen. Wissen Sie Genaueres?

Der Bürgerrechtler Chen im Rollstuhl im Chaoyang-Hospital in Peking.

Offenbar darf Chen bald ausreisen, doch "Garantien gibt es dafür nicht", sagt Korrespondentin Adelhardt.

Adelhardt: Darüber hüllen sich die Amerikaner offiziell in Schweigen. Das zu veröffentlichen, wäre ein großer Affront gegenüber der chinesischen Regierung. Es ist ohnehin schon eine enorme Blamage für die Chinesen, dass es Chen gelungen ist, in die amerikanische Botschaft zu gelangen.

Die "New York Times" hat heute allerdings einen Bericht veröffentlicht und sich dabei auf Aussagen von Chens Unterstützern berufen. Das deckt sich im Wesentlichen mit meinen Informationen. Chen soll die Flucht über Wochen geplant haben. Er soll sich krank gestellt haben und immer früh ins Bett gegangen sein, um seine Überwacher in Sicherheit zu wiegen. Dann sei er eines Nachts über mehrere Mauern geklettert, um sein schwer bewachtes Haus in der Provinz Shandong zu verlassen. Dabei habe er sich schwer am Fuß verletzt. Von einem Fluchthelfer sei er dann mit dem Auto nach Peking gebracht worden. Nachdem er mehrere Tage bei verschiedenen Unterstützern verbracht habe, soll ihn ein Botschaftsauto an einem vereinbarten Ort abgeholt haben.

tagesschau.de: Hatte der Zeitpunkt seiner Flucht etwas mit dem Besuch Clintons in China zu tun?

Adelhardt: Das scheint mir sehr weit her geholt. Der Besuch Clintons war ja lange im Voraus geplant, das sind reguläre Gespräche, die jährlich stattfinden und nichts Außergewöhnliches. Ich glaube nicht, dass das eine etwas mit dem anderen zu tun hat. Vielmehr hat der Fall zu einer großen Belastung des Verhältnisses geführt, daran haben derzeit beide Seiten kein Interesse.

"Die USA waren heilfroh, dass Chen weg war, bevor Clinton kam"

tagesschau.de: Jetzt gibt es Kritik an den Amerikanern, man habe Chen gedrängt, die Botschaft zu verlassen. Andere Stimmen sagen, er sei freiwillig gegangen. War Chen ein unbequemer Gast, den man loswerden wollte?

Adelhardt: Das muss man von zwei Seiten betrachten: Einerseits konnte Chen ja nicht ewig in der Botschaft bleiben und das wollte er auch nicht. Er hat mehrfach betont, dass er in China bleiben will. Es musste also Verhandlungen darüber geben, wo er bleiben kann und wie sicher er dort ist. In diesen Verhandlungen hatten die Amerikaner relativ viel erreicht: Die Chinesen hatten zugesichert, dass Chen an einer Universität studieren kann und dass sie für seine Sicherheit garantieren würden. Das waren große Zugeständnisse seitens der chinesischen Regierung.

Andererseits waren die Amerikaner natürlich heilfroh, dass Chen die Botschaft verlassen hatte, bevor Clinton ankam. Alles andere wäre ein riesiger Affront gegenüber der chinesischen Regierung gewesen und die Amerikaner haben wie gesagt überhaupt kein Interesse, die Beziehungen zu China zu belasten, weil sie China in vielen internationalen Fragen - Syrien, Iran, Nordkorea - brauchen. 

Chen mit seiner Familie und US-Botschafter Locke im Krankenhaus.

Adelhardt: "Chens Familie berichtete ihm im Krankenhaus, dass sie nach seiner Flucht stark unter Druck gesetzt wurde."

tagesschau.de: Woher kam der Sinneswandel, dass Chen doch ins Ausland ausreisen wollte?

Adelhardt: Meine Interpretation des Falls ist, dass er ursprünglich in China bleiben wollte und dass er freiwillig die Botschaft verlassen hat, um sich im Krankenhaus behandeln zu lassen. Es kam auch den Chinesen gelegen, dass dieser Bürgerrechtler beim Besuch Clintons nicht mehr in der Botschaft war. So konnten sie ihr Gesicht wahren.

Und dann hat er offenbar Angst bekommen. Er hat seine Familie wieder getroffen, die ihm berichtet hat, was ihnen nach seiner Flucht widerfahren ist. Seine Frau wurde stundenlang an einen Stuhl gefesselt und befragt. Sein Bruder wurde verhaftet, sein Neffe ist auf der Flucht. Diese Einflüsse haben ihn zu Panik verleitet und daraufhin hat er seine Meinung geändert und gefordert, ausreisen zu dürfen.

"Alles an diesem Fall ist ungewöhnlich"

tagesschau.de: Warum erregt gerade dieser Fall so großes Aufsehen?

Adelhardt: Alles an diesem Fall ist ungewöhnlich: Die Umstände der Flucht und die Tatsache, dass Chen überhaupt in die Botschaft fliehen konnte. Dann passiert das alles ausgerechnet, während Hillary Clinton da ist. Dieser Fall wurde damit zu einer Belastung der Beziehungen zwischen USA und China. Insofern finde ich die große mediale Aufmerksamkeit nicht außergewöhnlich.

Trauriger finde ich, dass alle auf Chen schauen, aber wenig über seine Unterstützer berichtet wird. Denn da ist die chinesische Regierung weniger großzügig, sondern geht mit großer Härte vor. Einige Unterstützer stehen unter sehr strengem Hausarrest in Peking. Am Montag habe ich einen Mann interviewt, der einfach nur vor dem Krankenhaus stand und seine Unterstützung für Chen kundtun wollte. Dieser Mann wurde gestern Nacht verprügelt, jetzt wird er abgeriegelt und wir können nicht zu ihm.

tagesschau.de:  Kommt der Fall der chinesischen Regierung vielleicht auch ein wenig gelegen? So kann man mit dem Finger aufs Ausland zeigen, das sich in die inneren Angelegenheiten einmischt und so von den Machtkämpfen um dem Führungskader im eigenen Land ablenken.

Journalisten warten vor dem Chaoyang Hospital, in dem sich Chen aufhält, auf Neuigkeiten.

"Ein Unterstützer, den ich vor dem Krankenhaus interviewt habe, wurde anschließend verprügelt", sagt Christine Adelhardt.

Adelhardt: Nein, ich denke gelegen kommt der Fall der chinesischen Regierung nicht. Weder der Hardliner- noch der sogenannten Reformerfraktion. Schließlich musste man sich die Einmischung der USA in innere Angelegenheiten gefallen lassen, hatte den Gesichtsverlust zu verkraften, dass ein Bürgerrechtler in eine Botschaft flieht und noch dazu diskutiert nun alle Welt wieder über die Einhaltung von Menschenrechten und den Umgang des Ein-Parteien-Staates mit seinen Kritikern. In der chinesischen Regierung tobt derzeit ein Machtkampf um den weiteren Weg des Landes und darum, wer im Oktober beim Machtwechsel den ständigen Ausschuss, die eigentliche Machtzentrale, besetzen wird. Da kommen diplomatische Verwerfungen sehr ungelegen.

Das Interview führte Sandra Stalinski, tagesschau.de.