Blumen wurden nach der tödlichen Auseinandersetzung in Chemnitz auf der Brückenstraße niedergelegt. | Bildquelle: dpa

Fall Daniel H. Über 100 Zeugen - aber keine Klarheit

Stand: 13.02.2019 19:58 Uhr

Die Ermittlungen im Fall des in Chemnitz getöteten Daniel H. gestalten sich nach Recherchen von NDR, WDR und MDR als schwierig. Auch nach mehr als 100 Zeugenaussagen gibt es kaum brauchbare Angaben zum Tathergang.

Von Markus Grill, Tarek Khello, Amir Mussawy, Sebastian Pittelkow und Katja Riedel von NDR, WDR und MDR

Der Tod des Chemnitzers Daniel H. versetzte die Stadt Ende August vergangenen Jahres in einen Ausnahmezustand: Rechten Demonstrationen mit Hitlergrüßen folgten Gegendemos, ausländisch aussehende Menschen wurden angepöbelt, Neonazis attackierten ein jüdisches Restaurant und am Ende stürzte gar der Chef des Bundesamtes für Verfassungsschutz, Hans-Georg Maaßen, über die Bewertung der Unruhen in Chemnitz.

Die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft zum Tod von Daniel H. gestalteten sich seither schwierig. Zwar haben die Ermittler nach eigenen Angaben bis heute mehr als 100 Zeugen vernommen, viele davon mehrfach - doch kaum einer konnte brauchbare Angaben zum Tatgeschehen machen.

Ende Dezember hatte die Staatsanwaltschaft Anklage gegen den syrischen Flüchtling Alaa S. erhoben, einen der beiden Tatverdächtigen. Der andere, Farhad A., ist auf der Flucht.

Verdächtiger stand wohl unter Drogeneinfluss

In der Tatnacht soll Farhad A. nach Aussagen einer Zeugin offenbar unter dem Einfluss von Drogen gestanden haben, als er gegen drei Uhr nachts das spätere Opfer Daniel H. ansprach und nach einer "Karte" fragte, wobei er sich mit einem Finger an die Nase gefasst und hörbar eingeatmet haben soll. Mehrere Zeugen gaben wohl an, dass Farhad A. ständig Drogen konsumierte. Nach Informationen von NDR, WDR, MDR und "Süddeutscher Zeitung" heißt es in der Anklageschrift, dass die Ermittler bei Daniel H. ebenfalls Konsum von Kokain festgestellt haben.

Demnach soll sich Farhad A. mit Daniel H. erst unterhalten haben, bevor beide in Streit gerieten. H. soll nach Angaben von Zeugen geantwortet haben, dass er sich "verpissen" solle, worauf Farhad A. ihm eine Ohrfeige verpasst haben soll. Daraufhin sei es zu einer "lautstarken Auseinandersetzung" gekommen, wie die Staatsanwaltschaft Anfang Januar mitteilte und zu "wechselseitigen Tätlichkeiten der beiden Beteiligten", in deren Folge Farhad A. am Boden lag. Alaa S. sei Farhad A. zur Hilfe geeilt und gemeinsam hätten sie dann, jeder mit einem Messer, auf Daniel H. eingestochen.

Es fehlen konkrete Angaben von Zeugen

Tatsächlich fand die Polizei ein einziges Messer mit DNA-Spuren von Daniel H. Auf diesem Messer finden sich allerdings keine Spuren des angeklagten Alaa S. Nach einem Gutachten der Gerichtsmedizin könnten zudem alle Stiche, die dem Opfer zugefügt wurden, von ein- und demselben Messer stammen. Alaa S. bestreitet die Tat. Sein Anwalt hatte bereits im September Haftprüfung beantragt und darauf hingewiesen, dass keiner der Zeugen konkrete, detaillierte Angaben über das eigentliche Tatgeschehen abgeben konnte.

Das Gericht lehnte damals jedoch eine Entlassung von Alaa S. aus der Untersuchungshaft ab: Angeblich habe ihn unter anderem der Hauptbelastungszeuge auf Fotos eindeutig identifiziert und aus etwa 50 Meter beobachtet, wie der Beschuldigte Stichbewegungen gegen das Opfer ausgeführt haben soll. Ein Messer habe er allerdings nicht gesehen, wie der Zeuge der Polizei mitgeteilt haben soll. Auf seine Aussagen stützt sich die Anklage gegen Alaa S. im Wesentlichen.

Drohungen und Schläge nach Aussage

Auf diesen Zeugen soll inzwischen allerdings von verschiedenen Personen Druck ausgeübt worden sein, damit er seine Aussagen bei der Polizei revidiert. Nach Informationen von NDR, WDR, MDR und "SZ" hatte der Zeuge bereits im September Anzeige bei der Polizei erstattet. Bekannte des inzwischen angeklagten Alaa S. hätten ihn an seiner Arbeitsstelle aufgesucht und ihm ausgerichtet, dass er im Sarg in seine Heimat zurück geschickt werde. Unter anderem sei er mit einem Stuhl geschlagen worden, wie er gegenüber den Ermittlern angegeben haben soll. Auch habe er einen Faustschlag gegen den Kopf erhalten.

Der zunächst ebenfalls tatverdächtige Yousif A. wurde im September aus der Untersuchungshaft entlassen, weil kein dringender Tatverdacht mehr gegen ihn bestand. Im Januar 2019 wurde das Ermittlungsverfahren gegen ihn eingestellt, wie sein Berliner Anwalt Ulrich Dost-Roxin auf seiner Internetseite mitteilt. Yousif A. soll bereits am 27. August 2018 - einen Tag nach der Tat - in einer Vernehmung bei der Polizei angegeben haben, dass Farhad R. ihm gegenüber eingeräumt habe, mit einen Messer zugestochen zu haben.

Drei Tage später, am 30. August 2018, soll sich Farhad A. ins Ausland abgesetzt haben. Erst seit dem 4. September sucht die Polizei ihn mit internationalem Haftbefehl.

Anwältin will Verhandlungsort verlegen

Derzeit liegt die Anklage der Staatsanwaltschaft gegen Alaa S. beim Landgericht in Chemnitz, das nach Angaben von Gerichtssprecherin Marika Lang "in den nächsten Tagen" entscheiden wird, ob es die Anklage zulässt und den Prozess eröffnet. Falls es dazu kommt, will das Gericht am 18. März in Chemnitz mit der Hauptverhandlung beginnen.

Alaa S. wird vor Gericht neben seinem Pflichtverteidiger aus Berlin auch noch von drei Wahlverteidigern aus Bayern, Baden-Württemberg und Sachsen vertreten. Unter ihnen ist auch die Anwältin Ricarda Lang, die diese Woche die Verlegung des Prozesses in ein anderes Bundesland beantragt hat, weil sowohl in Sachsen als auch in Thüringen oder Brandenburg die öffentliche Sicherheit gefährdet sei, wenn der Prozess in einem der drei Länder eröffnet werde. Die Anwältin wollte sich auf Anfrage nicht äußern. In ihrem Schriftsatz ans Landgericht argumentiert sie, dass es zu "massiven Protestaktionen" kommen könnte, wenn die Verhandlung wie geplant in Chemnitz stattfinde. Rechte Gruppierungen und Parteien würden den Prozess gegen Alaa S. dazu benutzen, Wahlkampf zu betreiben.

Ermittlungen im Fall Daniel H. gestalten sich weiter schwierig
Andreas Braun, WDR
13.02.2019 20:29 Uhr

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Über dieses Thema berichtete B5 aktuell am 13. Februar 2019 um 20:04 Uhr.

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