Demonstration von "Bündnis Chemnitz Nazifrei" im September 2018 | Bildquelle: dpa

Initiativen gegen rechts Wie Chemnitzer gegen Nazis kämpfen

Stand: 18.03.2019 14:12 Uhr

Chemnitz hat ein Nazi-Problem. Das zeigen die Mobilisierung der Rechten und deren Gewaltausbrüche bis zum heutigen Tag. Der Kampf gegen rechts geht weiter. Der Prozess in Chemnitz wird vieles wieder aufwühlen.

Von Nora Kilényi, MDR

Der Tod von Daniel H. und die darauf folgenden Krawalle und Gewaltausbrüche der rechtsextremen Szene waren für Chemnitz wie eine Zäsur - auf zweierlei Ebenen. Erstens gab es zuvor schon häufiger nächtliche Auseinandersetzungen in der Innenstadt, auch mit Messern, aber die hatten zuvor nicht tödlich geendet.

Und zweitens haben die extrem schnelle Mobilisierung der Rechten und deren Gewaltausbrüche eines ganz deutlich gezeigt: Chemnitz hat ein Nazi-Problem, sagt Tim Detzner vom Bündnis "Chemnitz Nazifrei". "Chemnitz ist seit 25 Jahren das ruhige Hinterland für die verschiedensten Nazi Strukturen", erklärt er. Das sei ein Fakt, den "wir als Stadt, den die Politik und die Zivilgesellschaft anerkennen müssen".

"Es gibt immer wieder junge engagierte Menschen, die eine bestimmte Vorstellung von einem urbanen großstädtischen Leben haben. Sie sagen, in diesem Nazinest gibt es für mich keine Zukunft. Und das ist ein Riesenproblem für die Stadtgesellschaft", fügt Detzner hinzu, der auch als Vorsitzender des Stadtverbandes der Partei Die Linke arbeitet.

Ein Foto des Opfers steht am Tatort zwischen zahlreichen Blumen und Kerzen.
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Trauer um Daniel H. direkt nach der Tat: Ein Blumenmeer und Kerzen am Tatort. | Bildrechte: dpa

"Riesengroße schweigende Mehrheit"

Die Bemühungen gegen rechts von Bündnissen reichten offenbar nicht aus, auch weil sie sehr kleinteilig und zerklüftet agierten. Detzner hat schon viele gegen rechts engagierte Menschen kommen und gehen sehen. Das Problem sei, dass man einer "gut organisierten, sehr militanten, sehr aggressiven, trotzdem relativ kleinen Gruppe" immer wieder "so eine Macht über die Straße" und über das Stadion ermögliche, sagt Detzner. Eine "riesengroße schweigende Mehrheit" wende sich ab, schweige einfach oder tauche ab.

Doch die Bilder vom wütenden braunen Mob, die um die Welt gingen, wollten dann viele Chemnitzer doch nicht einfach auf sich beruhen lassen. So haben sich etliche Akteure zu einer Initiative zusammengefunden mit dem etwas sperrigen Slogan "Chemnitz ist weder grau noch braun".

Initiativen gegen Rechts in Chemnitz
tagesthemen 22:15 Uhr, 18.03.2019, Markus Spieker, MDR

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Gegengewicht durch Demokratieprojekte

Es bedurfte einfach eines Gegengewichts in der Außenwirkung, sagt Jan Haubensak, Mitinhaber einer Werbeagentur. Es wurden große Anzeigen in überregionalen Zeitungen geschaltet, Konzerte organisiert und Demokratieprojekte ins Leben gerufen, finanziert mit Spendengeldern.

Das Projekt, das Jan Haubensak unterstützt, bringt internationale Sportarten wie Cricket, Rugby oder Frisbee in die Schulen. "Wenn Sozialarbeiter gefragt werden von den Kindern 'Bist Du links oder bist Du rechts?' und dazwischen ist nichts, dann ist das eben nicht normal", sagt er. Man brauche Angebote, in denen solche Dinge keine Rolle spielen, besonders Sportarten, die für den speziellen "Spirit of the Game" stünden - wie Respekt, Internationalität und Teamgeist.

Angst nach den Krawallen im Sommer

"In Chemnitz leben Menschen aus über hundert Nationen, schon wegen der Technischen Universität", sagt Maytham Jabar Abdulhassan. In seinem "Café International" hilft er Geflüchteten bei der Korrespondenz mit Behörden und beim Einleben. Nach den Krawallen im letzten Sommer hatten viele Angst.

"Die Erfahrungen der Menschen sind: Sie sind aus Syrien geflohen oder aus dem Irak wegen des Krieges und der Gewalt. Sie möchten nie wieder irgendwie eine Art von Gewalt erleben", so Abdulhassan. Die Ausländer, die er kennt, verurteilen die tödliche Messerstecherei. Trotzdem konnten sie seitdem über Monate Freitagabend nicht mehr in die Innenstadt.

Bürgerwehren "nicht weniger gefährlich"

Die rechtspopulistische Wählervereinigung "Pro Chemnitz" mobilisierte wöchentlich die rechte Szene zu Freitagsdemonstrationen. Ehe die Teilnehmerzahlen zu sehr schrumpften, ließ die Organisation im November davon ab. Derzeit werden von den Rechtspopulisten Räume hergerichtet, um später Anhänger zu einer sogenannten Bürgerstreife auszubilden.

"Das ist nicht weniger gefährlich als die Demonstrationen", sagt Detzner vom "Bündnis Nazifrei". Im Gegenteil: Das kann zu noch größeren Problemen führen, die man auch weniger wahrnimmt", wenn die Gruppen kleinteilig unterwegs seien.

Erneuter Eklat beim Fußballspiel

In der Zwischenzeit hat die rechtsextreme Szene für einen erneuten Eklat gesorgt. Beim letzten Heimspiel der Fußballmannschaft des CFC hielten an die 4000 Besucher auf der Südtribüne des Stadions eine Gedenkfeier für einen stadtbekannten Neonazi ab.

CFC-Fans trauern um Hooligan
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CFC-Fans trauern um Hooligan | Bildrechte: Harry Härtel

Das sei sehr hart nach all den Bemühungen der letzten Monate, sagt René Bzdok, Stadtteilmanager des zum Stadion gehörenden Stadtteils Sonnenberg. Dabei sei eigentlich genug Zeit gewesen, etwas gegen die starke rechte Szene im Fußballumfeld zu unternehmen, erst kürzlich im Stadtrat wieder: "Es ging jetzt darum neue Gelder auch zu bewilligen. Da hat man die Chance gehabt, das an Bedingungen zu knüpfen." Dafür habe es keine Mehrheit gegeben. "Das ist für mich unverständlich."

"Aufstehen, kurz schütteln, weiter machen, ja nicht aufgeben", sagt René Bzdok. Aber für die Arbeit gegen rechtsextreme Strukturen bedarf es seiner Meinung nach noch mehr mutige Menschen in Chemnitz, nicht nur in Vereinen und Bündnissen, sondern auch in Verwaltung und Politik.

Zusammenleben in Chemnitz nach Tötung von Daniel H.
Nora Kilenyi, MDR
18.03.2019 10:36 Uhr

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Über dieses Thema berichtete NDR Info am 18. März 2019 um 13:00 Uhr.

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