Attrappe einer Granate bei der Gesellschaft zur Entsorgung von chemischen Kampfstoffen und Rüstungsaltlasten in Münster

Chemiewaffen in Deutschland Giftiges Erbe lässt Bundesregierung kalt

Stand: 15.12.2020 00:34 Uhr

An vielen Orten in Deutschland lagern unerkannt chemische Kampfstoffe aus den Weltkriegen - und verrotten. Die Bundesregierung interessiert sich kaum für das Problem. Die Grünen sprechen von "tickenden Zeitbomben".

Von Frido Essen, RB

Sarin, Tabun, Phosgen oder Senfgas: Chemiewaffen gehören zu den grausamsten Waffen, die es gibt. Für den Ersten und Zweiten Weltkrieg wurden Hunderttausende Tonnen Giftgasbomben und Granaten in Deutschland hergestellt und gelagert.

Was nach den Kriegen mit der tödlichen Munition geschah, ist nur sehr lückenhaft dokumentiert. Beim Wiederaufbau gerieten die Waffen schnell in Vergessenheit. Doch es gibt mindestens 200 Orte in Deutschland, an denen noch immer Chemiewaffen unerkannt lagern und langsam verrotten, sagt Karsten Helms vom Ingenieurbüro Mull und Partner, das sich als eines der wenigen in Deutschland mit den Altlasten beschäftigt.

Karsten Helms | <Radio Bremen>

Karsten Helms beschäftigt sich seit Jahren mit dem Altlasten. Bild:

Die Bundesregierung interessiert sich seit Jahrzehnten wenig für das Problem, wie eine Recherche von Radio Bremen im August zeigte. Und das, obwohl es auch noch immer hochbelastete Flächen mitten in Wohngebieten oder öffentlich zugänglichen Wäldern gibt.

Keine flächendeckenden Räumungen

Die Grünen im Bundestag stellten nun kritische Fragen an die Bundesregierung. Zuständig für die Verwaltung und Überwachung der bundeseigenen belasteten Flächen ist die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben. Sie ist dem Bundesfinanzministerium unterstellt. Die Antwort des Ministeriums liegt Radio Bremen vor - und sie zeigt: Die Bundesregierung interessiert sich weiterhin kaum für das immer größer und gefährlicher werdende Problem.

Demnach erklärt das Ministerium, dass es in den 1990er-Jahren eine Ermittlung von Verdachtsstandorten durch das Umweltbundesamt gegeben habe, seitdem sei allerdings nichts mehr geschehen. Denn: "Die Bearbeitung dieser Thematik ist schon vor vielen Jahren eingestellt worden."

Auch würden bekannte Verdachtsflächen, die dem Bund gehören, nicht systematisch abgesucht und geräumt. Dies geschehe stattdessen lediglich "anlassbezogen". Flächendeckende Räumungen seien aus "Gründen der Verhältnismäßigkeit, der technischen Möglichkeiten, des Naturschutzes und der Landschaftspflege nicht vorgesehen". Und das, obwohl jährlich tonnenweise chemische Kampfstoffe und Munition in Deutschland gefunden werden.

Bundesregierung in der Verantwortung

Johannes Preuß vom Geographischen Institut der Universität Mainz beschäftigt sich sich seit Jahrzehnten mit dem Thema der chemischen Waffen in Deutschland. Er kritisiert, dass die tödlichen Hinterlassenschaften das Bundesfinanzministerium kaum interessierten. "Seit langem fehlt ein Masterplan der Bundesregierung, der gegründet ist auf die Tatsache, dass nicht einzelne Bürger, auch nicht einzelne Bundesländer, sondern die Bundesrepublik Deutschland, vertreten von der Bundesregierung für die Beseitigung der Folgen des Ersten und Zweiten Weltkrieges verantwortlich ist."

Johannes Preuß | <Radio Bremen>

"Es fehlt ein Masterplan der Bundesregierung", sagt Johannes Preuß. Bild:

Und es ticke die Uhr, sagt der haushaltspolitische Sprecher der Grünen, Sven-Christian Kindler. "Mit jedem Tag, an dem chemische Kampfstoffmunition im Boden oder in Sickergruben verrottet, steigt die Gefahr, dass Kampfstoffe austreten - mit dramatischen Folgen. Dass noch immer 150 Flächen der Bundeswehr und über 2000 Liegenschaften der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben mit einem Kampfmittelverdacht nicht beräumt sind, ist angesichts der Gefahren für Umwelt, Grundwasser und Mensch nicht akzeptabel."

"Giftwirkung bleibt bestehen"

Diese Gefahr sieht auch Wissenschaftler Preuß. Er hat viele Verdachtsflächen und deren giftige Hinterlassenschaften aus den Weltkriegen untersucht. Politik und Behörden reagierten oft nur dann, wenn etwas Schlimmes passiere, beklagt er. Und auch dann nur, bis das Thema wieder in Vergessenheit gerate. Mittlerweile sei bereits die dritte Generation nach dem Zweiten Weltkrieg mit den gefährlichen Altlasten konfrontiert und immer noch herrsche eine Laissez-Faire-Haltung bei der Politik. Von alleine löse sich das Problem aber nicht. "Da viele der Schadstoffe in Rüstungsgütern sehr stabil sind, kann die Natur sie nicht schnell beseitigen. Ihre Giftwirkung bleibt bestehen." Und so würden sie zunehmend zur Bedrohung für Grundwasser, Böden, Tiere und Menschen.

Die Frage, wie hoch die Gefahr durch die unerkannt verrottende chemische Munition 75 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg tatsächlich ist, kann das Bundesfinanzministerium übrigens nicht beantworten. In seiner Antwort auf die Grünen-Anfrage heißt es: "Eine grundsätzliche Gefährdungseinschätzung ist nicht möglich."

Über dieses Thema berichtete die ARD am 17. August 2020 in "Die Story im Ersten: Tödliches Erbe - Chemiewaffen in Deutschland" um 22:45 Uhr.