Mann in Schutzkleidung hält Giftgasgranate | Bildquelle: ARD-Aktuell

Chemiewaffen in Deutschland Giftiges Erbe aus dem Zweiten Weltkrieg

Stand: 17.08.2020 10:17 Uhr

Es gibt noch mindestens 200 Orte in Deutschland, an denen chemische Kampfstoffe vermutet werden. Verscharrt oder versenkt werden sie zur tickenden Zeitbombe. Wie groß ist das Problem der alten Chemiewaffen?

Von Frido Essen, RB

2552: So groß ist die Zahl giftiger Granaten, die bislang aus dem Dethlinger Teich in der Lüneburger Heide geborgen wurden. Die ehemalige Kieselgur-Grube schlummerte jahrzehntelang unter einem dichten Wald.

Obwohl bekannt war, dass hier nach dem Zweiten Weltkrieg Chemiewaffen aus der ehemaligen Giftgas-Hochburg Munster im großen Stil, erst durch die Briten und später durch das Land Niedersachsen verklappt worden waren, unternahmen Politik und Behörden jahrzehntelang nichts, um die Gefahr zu beseitigen. Man verließ sich auf Wächterbrunnen, die keine besorgniserregenden Stoffe im Grundwasser anzeigten.

Hochtoxische Stoffe sickerten ins Grundwasser

Erst auf gesellschaftlichen Druck wurden vor fünf Jahren neue Brunnen gebohrt. Die erschreckende Erkenntnis: die alten Brunnen standen an falschen Stellen. Jahrelang sickerten hochtoxische Stoffe aus der Munition ins Grundwasser.

Schließlich beschloss der Landkreis: am Dethlinger Teich sollen Probebohrungen Erkenntnisse über den Inhalt liefern. Damit öffnete er im Herbst 2019 die Büchse der Pandora. Schon im ersten kleinen Schacht kamen nach nur einem Meter die ersten Weltkriegsgranaten, voll mit tödlichen, chemischen Inhaltsstoffen, zum Vorschein.

Mann steht in Bohrloch | Bildquelle: ARD-Aktuell
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2552 giftige Granaten wurden bislang aus dem Dethlinger Teich, einer ehemaligen Kieselgur-Grube, geholt.

Für Carsten Bubke, verantwortlich beim Landkreis Heidekreis für die Maßnahme, ist das eine mehr als beunruhigende Erkenntnis. Er sagt:

"Vielleicht haben wir einfach Glück gehabt, dass in den letzten Jahrzehnten hier niemand gebuddelt hat. Wir waren teilweise ziemlich erschrocken, in welchen Mengen und wie dicht unter der Erdoberfläche die Granaten lagen."

Der Dethlinger Teich ist wahrscheinlich der spektakulärste Ort, an dem in Deutschland Chemiewaffen aus den beiden Weltkriegen lagern. Aber bei weitem nicht der einzige.

Karsten Helms, der Geschäftsführer einer der wenigen Ingenieursgesellschaften, die sich in Deutschland ernsthaft mit dem Thema beschäftigen, sagt, seine Firma habe recherchiert, dass es insgesamt 200 Verdachtsflächen in Deutschland gebe. Sie seien verteilt über die gesamte Republik.

Ein großes Problem: In den Nachwirren der Weltkriege sei viel chemische Munition einfach verschwunden, und niemand wisse wohin. Doch nach wie vor kümmere das die Politik viel zu wenig. Helms erklärt:

"Es wurde Anfang der 90er-Jahre über das Umweltbundesamt mal eine Recherche angeschoben, um überhaupt einen Überblick zu bekommen: Was tut sich denn eigentlich in Deutschland? Was ist denn mit diesen Standorten? Es gibt vereinzelt Bundesländer, die im Anschluss daran sogenannte Rüstungsaltlasten-Programme aufgelegt haben, wo dann auf einigen Standorten orientierende Untersuchungen durchgeführt worden sind. Aber es ist nie in irgendeiner Art und Weise zu Ende gebracht worden."

Abtransport der Granaten vom Teich | Bildquelle: ARD-Aktuell
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Unter hohen Sicherheitsvorkehrungen werden die Granaten abtransportiert.

Boden mit Arsen verseucht

Wie groß die Gefahr, die von den C-Waffen in Deutschland ausgeht, sein kann, zeigt sich auch in Berlin. Im Stadtteil Haselhorst plant eine große Immobiliengesellschaft eine Wohnsiedlung. Routinemäßig ließ das Unternehmen den Boden untersuchen. Ergebnis: das gesamte Areal ist verseucht mit hochgiftigem Arsen. Hergestellt wurde es im Zweiten Weltkrieg für den möglichen Fronteinsatz.

In Haselhorst stand eine große Fabrik für chemische Kampfstoffe. Auch diese Altlast schlummerte hier jahrzehntelang. Der zuständige Bezirk Berlin-Spandau hatte offenbar jahrelang nicht so genau hingeschaut. Es kursiert das Gerücht, dass auf dem Gelände früher fröhliche Partys gefeiert wurden. Jetzt wird der Boden unter höchsten Sicherheitsvorkehrungen Schicht für Schicht abgetragen. Nur Kampfmittelexperten in Schutzanzügen dürfen das Gelände betreten. Neue Recherchen haben ergeben, dass auch die öffentlichen Flächen rund um das Areal mit Arsen verseucht sind.

Immer weniger Fachleute

Nicht nur in Berlin-Haselhorst oder am Dethlinger Teich gibt es so gut wie keine Zeitzeugen mehr, die die chemischen Waffen noch mit eigenen Augen gesehen haben und von den Geschehnissen berichten können. Das ist ein großes Problem. Außerdem gibt es in Deutschland immer weniger Fachleute, die sich mit den Kampfstoffen beschäftigen.

Einer der wenigen ist Johannes Preuß. Der emeritierte Professor der Uni Mainz erforscht seit 34 Jahren die chemischen Altlasten. Er kennt Orte in Deutschland, wo seit 100 Jahren Reste von chemischen Waffen herumliegen. Frei zugänglich für jeden.

Johannes Preuß | Bildquelle: ARD-Aktuell
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Experte Johannes Preuß kritisiert den nachlässigen Umgang mit dem Thema Chemiewaffen.

Für Preuß ist der nachlässige Umgang mit dem Thema Chemiewaffen fahrlässig. Sein Gefühl sei, dass das Thema bei weitem nicht beendet sei. Das mache einen unzufrieden.

"Ich hätte gedacht, es geht schneller. Wenn wir da mal anpacken und eben die Ressourcen zur Verfügung stellen und sagen: Wir machen einen Schwerpunkt und fangen an aufzuräumen, dann schaffen wir das auch. Das ist ja so ein Wort: Wir schaffen das! Nein, wir haben das nicht geschafft."

Dethlinger Teich soll saniert werden

Immerhin: Nachdem die Probebohrung am Dethlinger Teich gezeigt hat, dass das ganze Loch bis oben hin voll mit Chemiewaffen ist, hat die niedersächsische Landesregierung beschlossen, den Teich komplett zu öffnen und zu sanieren. Ein Vorhaben, das mindestens 50 Millionen Euro kosten wird und viele Jahre dauern könnte. Nach anfänglichem Zögern beteiligt sich jetzt auch der Bund finanziell an dem Vorhaben.

"Tödliches Erbe – Chemiewaffen in Deutschland", heute um 22:45 Uhr im Ersten.

 

Über dieses Thema berichtet die Story im Ersten am 17. August 2020 um 22:45 Uhr.

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