Youtuber Rezo | Bildquelle: dpa

Parteien und Social Media Leidenschaft wichtiger als blaue Haare

Stand: 01.06.2019 16:48 Uhr

Rezo sei Dank: Seit der Europawahl herrscht in den Parteizentralen eine gewisse Ratlosigkeit, wie man jungen Wählern begegnen soll. Social-Media-Experten sagen: mit Respekt und Leidenschaft.

Von Kristin Becker, ARD-Hauptstadtstudio

Ein permanentes Kopfschütteln liegt über dem Gespräch, als könnten es die beiden immer noch nicht glauben, dass Profipolitiker wiederholt so daneben liegen. Robin Blase und David Hain sind Youtuber, zusammen haben sie fast 700.000 Abonnenten auf ihren Kanälen RobBubble und BeHaind. An diesem Nachmittag sitzen in ihrem Produktionsbüro in einem Berliner Hinterhof.

Gamingstühle, zwei Mikrofone und viel Gesprächsstoff. Einmal wöchentlich diskutieren die beiden aktuelle Netzphänomene, Gesellschaftsthemen, Medienereignisse für ihren Podcast "Lästerschwestern". Die medialen Fehlgriffe der CDU in den vergangenen Tagen stehen diesmal im Mittelpunkt.

CDU-Chefin Kramp-Karrenbauer | Bildquelle: dpa
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Aufbruch in medial ungewisse Zeiten: CDU-Chefin Kramp-Karrenbauer.

Nicht hip sein, sondern authentisch

Verwundert und irritiert sind die beiden darüber, wie unsouverän die Parteichefin und ihre Mitstreiter auf die Videos von Rezo und die damit verbundene Diskussion reagiert haben: "Gefühlt waren es nur Angriffe und Verteidigungshaltung, aber keine Kommunikation auf Augenhöhe oder irgendeine Form von Respekt", kritisiert Blase.

Für Hain ist das Ganze ein "Kommunikationsdebakel". Er hat den Wahlaufruf, der sich gegen CDU, CSU, SPD und AfD richtet, unterschrieben. "Ich wollte Teil des Movements sein", sagt er, um junge Leute zu motivieren, wählen zu gehen und auch Position zu beziehen.

Blase, der auch Videos für die Bundeszentrale für politische Bildung und das öffentlich-rechtliche Onlineangebot funk produziert, klingt in dieser Hinsicht zurückhaltender. Die direkte Aufforderung, bestimmte Parteien nicht zu wählen, ging ihm zu weit. Einig sind sich beide, dass die umstrittenen Videos von Rezo wichtig sind, um die Politik wachzurütteln und junge Menschen zu erreichen. Und dass der 26-jährige Youtuber die Menschen überzeugt, nicht weil er jung und hip ist, sondern weil er leidenschaftlich dafür eintritt, was ihm wichtig ist.

Influencer-Stammtisch im Kanzleramt

Das würde vermutlich auch Dorothee Bär unterschreiben. Die Digitalstaatsministerin von der CSU ist eine von wenigen Unionspolitikern, die in diesen Tagen als Positivbeispiel dafür genannt werden, wie man in Zeiten von Twitter, Facebook & Co. kommuniziert. Bär hat keine Berührungsängste - ob es um Gaming-Veranstaltungen oder die neusten Social-Media-Möglichkeiten geht. Sie lädt schon mal zum "Influencer-Stammtisch" ins Kanzleramt.

CSU-Politikerin Bär (re.) auf der Gamesweek in Berlin (Archiv) | Bildquelle: FELIPE TRUEBA/EPA-EFE/REX
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Gilt als eins der wenigen Regierungsmitglieder, das Social Media versteht: CSU-Politikerin Dorothee Bär (rechts im Bild)

Snapchat und TikTok, ein bei Kindern und Jugendlichen aktuell sehr beliebter Videodienst aus China, sind für sie keine Fremdworte. Für viele ihrer Kollegen allerdings schon, wie sie zugibt. Ein TikTok-Video könne man nunmal nicht in einem Pressespiegel abheften. Den Parteispitzen rät sie zu mehr Mut. Es gehe nicht, dass jeder Tweet "erstmal von zwanzig Leuten abgesegnet" werden müsse. Und ein PDF als Reaktion auf eine Videokritik sei in Zukunft sicher keine Lösung.

Außerdem, so Bär, müssten die Parteien über neue Formen der Beteiligung nachdenken. Klar wünsche sie sich, dass junge Menschen in Parteien einträten, um von innen heraus für Veränderung zu sorgen. Aber weil das eben nicht jeder wolle, müsse man Möglichkeiten schaffen, Leute kurzfristig in Projekte einzubinden. Jeder müsse die Chance haben, gehört zu werden - auch ohne Mitgliedschaft. Ihrer Meinung nach könnte man sogar Mitgliederbefragungen über die Ausrichtung und Themen einer Partei wie der CSU für Außenstehende öffnen.

Eigene Influencer für die CDU?

Unionspolitiker diskutieren über eine neue Digitalstrategie. Der Verein cnetz, eine unionsnahe Denkfabrik zur Digitalisierung, schlägt den Aufbau eigener Influencer vor. Sie dürften keine typischen Politiker sein, zitiert die "Bild am Sonntag" aus einem Strategiepapier des CDU-Bundestagsabgeordneten und Vereinssprechers Thomas Jarzombek. Er empfiehlt demnach Videos mit "schnellen, prägnanten Argumenten".

Bayerns Ministerpräsident Markus Söder schlägt die Liveübertragung von Vorstandssitzungen der CSU vor. "Wir könnten die Menschen so auch an Entscheidungen beteiligen", sagte der CSU-Chef der "Welt am Sonntag". Die sozialen Netzwerke seien die schnellste Form der Kommunikation. "Wir müssen dieser digitalen Welt mit mehr Respekt begegnen. Sie ist unsere reale Welt. Man geht nicht ins Internet, sondern man ist immer drin."

Anarchische Logik des Netzes

Neue Ansätze fordert auch die Politikwissenschaftlerin Isabelle Borucki, die an der Universität Duisburg-Essen zu Parteien im digitalen Wandel forscht. Die großen etablierten Parteien CDU und SPD täten sich mit der Netzwelt so schwer, nicht nur weil sie alt seien - die SPD etwa über 150 Jahre - sondern auch, weil sie eine sehr stringente Organisationsstruktur hätten. Deren Logik liege im Grunde "quer zur hierarchiefreien, fast auch anarchischen Logik" des Internets, wo sich jeder "schnell mal irgendwo beteiligen und vernetzen kann".

Borucki rät den Parteien, stärker darüber nachzudenken, wie man Organisationsstrukturen digitalisieren und verändern kann. Die Grünen, die die interne Kommunikation inzwischen vollständig digitalisiert hätten, sind für sie ein gutes Beispiel. Allerdings müsse jede Partei ihren eigenen Weg finden.

Haarfarbe egal, wenn die Leidenschaft stimmt

Braucht die CDU also eigene, coole Youtuber? Nein, finden Robin Blase und David Hain. Es gehe nicht darum, junge Menschen mit bunten Haaren vor eine Kamera zu setzen. Es gehe darum, den Leuten mit Respekt zu begegnen, sie ernst zu nehmen. Natürlich könne das auch mithilfe von Netzvideos passieren. Entscheidend sei Authentizität, betont Blase: "Ich würde das gern sehen, völlig egal, wie alt einer ist, wie hip, welche Haarfarbe er hat, ob er Schimpfworte benutzt. Was wichtig ist, ist das man mit Leidenschaft positiv kommuniziert, warum man hinter den Dingen steht, die einem wichtig sind. Das habe ich in dieser Debatte noch gar nicht gesehen."

Mehr dazu im Bericht aus Berlin am Sonntag um 18:30 Uhr im Ersten.

Über dieses Thema berichtete das Erste im Bericht aus Berlin am 02. Juni 2019 um 18:30 Uhr.

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