Friedrich Merz | Bildquelle: picture alliance/dpa

Kampf um CDU-Parteivorsitz Der Schattenboxer

Stand: 15.06.2020 19:32 Uhr

Friedrich Merz warb für Aufbruch und Erneuerung. Davon ist in Corona-Zeiten nicht viel geblieben. Sein einstiges Feindbild ist weggebrochen - und die Zeit für neue Themen und Akzente wird knapp.

Von Iris Marx, tagesschau.de

Wenn Thomas Eschle am Telefon spricht, muss man nicht lange überlegen, wo er herkommt. In breitem Schwäbisch berichtet der Rechtsanwalt von seinem Engagement für Friedrich Merz, für den er extra einen eigenen Internetauftritt erstellt hat "wir-fuer-merz.de". "Der hat ganz viel Rückhalt in der Basis", sagt Eschle. Merz stecke eben nicht in dieser Berlin-Blase.

"Der hat noch einen frischen Blick auf alles", sagt er begeistert. Dass Merz gerade keine wirkliche Alternative zum aktuellen CDU-Kurs anbietet und vom versprochenen "Aufbruch" und "Erneuerung" im Moment daher wenig zu spüren ist - geschenkt. Erstmal. Aber, er könnte durchaus bald wieder mehr "Kante" zeigen, so Eschle.   

Noch ist der innerparteiliche Wahlkampf in Corona-Pause 

Davon zeigt Merz gerade eher wenig. Merz fällt vor allem damit auf, dass er seine Alt-Rivalin Bundeskanzlerin Angela Merkel lobt. Von tagesschau.de angesprochen auf diesen Stimmungswandel antwortet Merz mit einer Gegenfrage: "Will irgendjemand von uns gerade in einem anderen Land leben als in der Bundesrepublik Deutschland?" Und weiter: "Ich finde, dass wir auch dank der Besonnenheit und der konzentrierten Arbeit der Bundeskanzlerin gut durch die akute Gesundheitskrise gekommen sind und dass die Bundesregierung ihre Sache ordentlich gemacht hat. Das kann man doch ruhig auch einmal sagen", so Merz, auch wenn er weiterhin nicht mit allen früheren Entscheidung einverstanden sei. Hinter seinen Statements muss man nicht unbedingt einen kompletten Politikumschwung vermuten. Es passt aber recht gut in die Zeit. 

CDU-Parteizentrale in Berlin | Bildquelle: ARD-aktuell / Weiss
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Wer in diesem "Schiff" am Steuer sitzt, könnte im nächsten Jahr die CDU in den Bundestagswahlkampf führen. Die Parteizentrale im Konrad-Adenauer-Haus in Berlin.

 Kein Bedürfnis mehr nach Aufbruch und Erneuerung 

Als Merz für den CDU-Parteivorsitz zum zweiten Mal in den Ring gestiegen ist, stand die CDU bei mageren 26 Prozent - ein historisch schlechter Wert. Aktuell steht sie bei 38 Prozent. "Merz ist ja eine Projektionsfläche, die vielen in der Partei die Hoffnung in diesen schlechten Zeiten auf die guten alten Umfragewerte um die 40 Prozent machte. Da stehen wir aber heute wieder - auch ohne seine Hilfe", sagt etwa ein Parteikollege zu tagesschau.de, ohne namentlich zitiert werden zu wollen. 

Der externe Experte, Politologe Karl-Rudolf Korte, bestätigt diese Binnensicht: "Merz Prä-Corona-Themen passen nicht mehr in die Post-Corona-Zeiten oder sind von der Wirklichkeit überholt worden". Es fragt sich, wogegen oder wofür er nun kämpfen könnte. Das Bedürfnis einer völligen Rundum-Erneuerung ist jedenfalls weggefallen. Und bei der Beliebtheit der Kanzlerin auch das einst klare Feindbild.

Ausgestreckte Hand statt geballter Faust 

Mit Konfrontation ist gerade nichts zu gewinnen. Mit Kooperation schon eher. Wirtschaftliche Antworten sind nach der langen Phase gesundheitspolitischer Entscheidungen wieder im Fokus - eigentlich Merz Kernkompetenz. Zwar fällt für ihn sein natürliches Aktionsfeld großer voller Hallen immer noch coronabedingt weg, aber immerhin kann er das besser kompensieren als seine Gegner. 

Merz hat auf Twitter über 99.000 Follower. Armin Laschet kommt auf 66.000 und Norbert Röttgen auf 22.000. Aber: "Social Media ist kein Ersatz für direkte Begegnungen", sagt Merz, der sich wieder auf den direkten Kontakt mit den Menschen freue.  

Norbert Röttgen | Bildquelle: dpa
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Von dem Bewerbertrio um das Konrad-Adenauer-Haus der CDU ist Norbert Röttgen hinter Friedrich Merz und NRW-Ministerpräsident Armin Laschet auf dem dritten Treppchen. Noch verfängt Röttgens Aufschlag nicht.

Gegenkandidat Laschet steht schlechter da als vor der Krise 

Entsprechend gut sind seine Umfragewerte. Er steht trotz der längeren Ruhepause auch wegen seiner eigenen Corona-Erkrankung immer noch vor den anderen beiden Kandidaten. Und er habe viele seiner Unterstützer in der Partei halten können, heißt es aus der CDU. "Unsere Unterstützung hat sich nicht geändert", sagt etwa Berlins Landesvorsitzender Kai Wegner zu tagesschau.de.

Armin Laschet profitiert bislang in der Krise weder von seinem Amtsbonus als NRW-Ministerpräsident noch von seinem starken Sparringspartner Gesundheitsminister Jens Spahn. Nach neuesten Umfragen steht Laschet zurzeit schlechter da als vor der Krise.   

Dem Ziel dennoch nicht so nahe   

Am Ende entscheiden im Dezember keine Umfragen, sondern die 1000 Delegierten der CDU auf ihrem Parteitag. Doch die Frage, wer beim Volk gut ankommt spielt durchaus eine Rolle. Grundsätzlich gilt in der CDU, wer den Parteivorsitz hat, der geht auch als Kanzlerkandidat ins Rennen. Aber der muss eben auch den Wahlsieg nach Hause holen können. 

Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) könnte daher dieser alten Gleichung in die Quere kommen. Anfang Mai sahen 53 Prozent der Deutschen ihn als Merkels Nachfolger. Söder betont zwar stets, dass er sich in Bayern sehr wohl fühle. Aber bei einem Alpha-Tier wie Söder würde sich niemand wundern, wenn er sich doch dem "Wunsch" der Bürger beugen würde.  

Keine Gedankenspiele

Auf die Frage, welche Auswirkungen Söders Werte auf die Personal-Aufstellung in der CDU haben könnten, gibt sich Merz gelassen: "Im Dezember geht es zunächst um den Parteivorsitz der CDU." Danach entscheide man gemeinsam mit der CSU, wer die Union in den Bundestagswahlkampf 2021 führt. "Gedankenspiele muss ich bis dahin Ihnen überlassen", so Merz. 

Wie er sich für den großen Tag im Dezember weiteraufstellen wird, darüber wolle Merz erst im Spätsommer beziehungsweise Herbst nachdenken. Viel Zeit bleibt da nicht. Und auch wenn sich Merz momentan im Schatten der Regierungsfront gut schlägt, kann er da wohl nicht ewig ohne erkennbaren Gegner verharren. Auch Befürworter wie Eschle dürften da mehr erwarten. 

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