Mitglieder der Jungen Union halten ein Transparat mit der Forderung: "CDU Mitgliederentscheidung jetzt!" | dpa
Analyse

Wahl des CDU-Vorsitzenden Funktionäre proben Basisdemokratie

Stand: 30.10.2021 20:17 Uhr

Andere Parteien haben es vorgemacht, nun schlägt wohl auch die CDU diesen Weg ein: Die Kreisvorsitzenden sprachen sich bei einem Treffen mit großer Mehrheit für eine Mitgliederbefragung über den Parteivorsitz aus.

Von Kirsten Girschick, ARD-Hauptstadtstudio

Die CDU ist eine Partei, die die Basisdemokratie - nun ja - immer für etwas verdächtig gehalten hat. Den Grünen hat man Chaos unterstellt, bei der SPD gelästert, dass sie ein halbes Jahr braucht, um ihre Parteivorsitzenden zu casten, um dann doch einen anderen zum Kanzlerkandidaten zu machen. Doch jetzt geht es auch bei der CDU nicht mehr ohne die Basis - so ist das Gefühl in weiten Teilen der Partei.

Kirsten Girschick ARD-Hauptstadtstudio

Die Basis will mitbestimmen

In realen oder virtuellen Versammlungen hatten das viele Mitglieder ihren Kreisvorsitzenden mit auf den Weg nach Berlin gegeben. Sie wollen mitdiskutieren und mitentscheiden, vor allem bei der Wahl des Vorsitzenden. Und dafür, dass die Partei eine vernichtende Wahlniederlage hingelegt hat und zum dritten Mal in vier Jahren einen neuen Parteichef wählen muss, ist die Stimmung recht gut unter den Kreisvorsitzenden.

Es ist das Gefühl, endlich gehört zu werden, das dieses Treffen prägt. Der Parteiführung in Person von Armin Laschet und Paul Ziemiak endlich ausführlich schildern zu können, was an der Basis los ist. Und auch untereinander gab es wohl das eine oder andere Aha-Erlebnis: Die Problemanalyse im ländlichen Ostdeutschland fällt doch ganz anders aus als in einer westdeutschen Großstadt.

Potenzielle Bewerber ohne offizielle Kandidatur

Dass die CDU im Westen und in den Großstädten eher Wählerinnen und Wähler an die Grünen verliert, während im Osten die Sorge vor der AfD drückt - diese Probleme werden durch eine Basisbefragung zum Parteivorsitzenden keineswegs kleiner. Auch die Sorge, dass durch ein knappes Ergebnis eine weitere Spaltung der Partei droht, treibt noch einige um. Doch die überwältigende Mehrheit der Kreisvorsitzenden, die sich für diese Mitgliederbeteiligung ausgesprochen haben, zeigt: man erhofft sich davon mehr Einigkeit, mehr Geschlossenheit und ein größeres Gefühl der Legitimation für das Spitzenpersonal.

Ob das gelingt, hängt davon ab, wie gut die Abstimmung funktioniert - und wer sich - und wie viele - zur Wahl stellen. Friedrich Merz, Norbert Röttgen, Ralph Brinkhaus, Carsten Linnemann und Jens Spahn - keiner dieser potenziellen Bewerber hat bislang den Hut offiziell in den Ring geworfen. Ein klarer Favorit wird bei den Kreisvorsitzenden von fast niemandem genannt.

Der Wunsch nach einem Team

Am liebsten, sagen viele, hätte man ein Team, das antritt. Das alle Strömungen der Partei vertritt und dabei noch ausgewogen besetzt ist. Selbst wenn sich die möglichen Kandidaten zusammentäten, bestünde das Team nur aus Männern aus Nordrhein-Westfalen. Doch sobald der CDU-Bundesvorstand am 2. November das Verfahren festgelegt und final über eine Mitgliederbefragung entschieden hat, müssen die Anwärter auf den CDU-Vorsitz Farbe bekennen.

Es soll über Struktur und Inhalte der Partei mit der Basis diskutiert werden. Und trotzdem soll es schnell gehen - auch das heißt es bei der Konferenz der Kreisvorsitzenden immer wieder. Man will schließlich geschlossen hinter dem neuen Parteivorsitzenden in das Wahljahr 2022 starten. So bleibt ein etwas paradoxer Eindruck: Die CDU beschließt eine Basisbefragung - und scheint sich doch innerlich vor allem nach Führung zu sehnen.

Mehr zum Thema sehen Sie im Bericht aus Berlin am Sonntag um 18.05 Uhr im Ersten.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 30. Oktober 2021 um 20:00 Uhr.