Die drei Kandidaten für den Vorsitz der CDU, Friedrich Merz, Norbert Röttgen und Armin Laschet mit Moderatorin Tanja Samrotzki. | dpa
Analyse

CDU-Kandidatenrunde Keine Spur von Konfrontation

Stand: 15.12.2020 02:41 Uhr

Die Kandidaten für den CDU-Vorsitz stellen sich den Fragen der Parteimitglieder. Dabei geben sich Norbert Röttgen, Armin Laschet und Friedrich Merz harmonisch. Unterschiede sind nur beim genauen Hinhören zu erkennen.

Von Sabine Henkel, ARD-Hauptstadtstudio

Zu guter Letzt kann er es doch nicht lassen: Friedrich Merz erwähnte Angela Merkel 90 Minuten nicht, aber dann, ganz am Ende des Abends, kommt dann doch seine Kritik an der Kanzlerin: "Hier bricht gerade etwas auf. Es bricht eine neue Diskussionskultur in der CDU auf, und die CDU besinnt sich auf eine Zeit nach Angela Merkel."

Sabine Henkel ARD-Hauptstadtstudio

Das ist vergleichsweise harmloses Merz-Vokabular. Er kann auch anders. Man denke nur an "grottenschlechte" Regierungsarbeit oder das "Establishment", das ihn angeblich als Parteichef verhindern wolle.

Harmonische Dreisamkeit

Aber beißend-scharfe Kritik passt nicht zu diesem Abend - der Abend an dem sich die drei Kandidaten um den CDU-Vorsitz in konsensualer Harmonie üben. Einen harten Wettbewerb kann man das nicht nennen, von einer Konfrontation sind sie weit entfernt. In vielen Punkten herrscht Einigkeit, sogar im Punkt Diskussionskultur. Nicht nur Merz, auch Armin Laschet und Norbert Röttgen sprechen davon, dass die CDU mehr diskutieren muss, allerdings ohne Merkel zu erwähnen.

Es ist tatsächlich so: Die Partei gilt als Kanzlerinnenwahlverein, präsentiert sich auf Parteitagen als Christlich Disziplinierte Union. Diskussionsfreudig oder gar streitfreudig war sie vielleicht nie. Und man muss auch in diesem Kandidaten-Wettbewerb sehr genau hinhören, um Unterschiede bei den Kandidaten auszumachen. Sehr viel Konsens. Aber: es gibt sie, die Unterschiede.

Unterschiede beim genauen Hinhören

Da ist Armin Laschet, der Ministerpräsident aus Nordrhein-Westfalen, der sich als Teamplayer darstellt, der die CDU in der politischen Mitte, der Merkel-Mitte, verankern  und der Partei und Gesellschaft zusammenhalten will. Da ist Norbert Röttgen, der Außenpolitiker im Bundestag, der als Modernisierer auftritt und die Partei jünger und weiblicher machen will.  Und da ist eben Friedrich Merz, der Mann von der Seitenlinie, der ein letztes Comeback versucht und auf die Erneuerung der ökologischen sozialen Marktwirtschaft setzt.

Diese drei beantworten Fragen aus der Partei. Sie kennen sich gut, sind per Du. Schließlich kommen alle aus NRW. Röttgen hat den höchsten Redeanteil, erklärt viel und manches umständlich, aber seinen Willen zur Modernisierung kann er vermitteln. "Wir hängen in der Digitalisierung 20 Jahre zurück". Auch Klimapolitik will er sich zu eigen machen. "Klima muss nach CDU klingen." Er will die Klimapolitik kapern, den Grünen ihr Thema nehmen.

Laschet konzentriert sich auf die gespaltene Gesellschaft, verweist auf die Corona-Pandemie, auf die Querdenker und deren Demonstrationen, während ein paar Straßen weiter Menschen in Klinken um ihr Leben kämpfen. Merz, der wegen seiner Größe immer ein bisschen von oben auf die anderen herab blickt, selbst im Sitzen, spricht über Wirtschaftspolitik. Er denkt auch an einen Generationenvertrag, will Steuern für junge Unternehmer senken und für junge Familien die Grundsteuer abschaffen, um ihnen den Hauskauf zu erleichtern. CDU-Politik eben.

Nur selten Kontroversen

Es sind drei Männer, die sich bewerben und die Fragen beantworten, wie die CDU weiblicher werden kann. Laschet und Röttgen sind für eine Quote. Merz ist dagegen, will lieber, dass die CDU "von unten weiblicher wird." Nur wartet die Partei seit vielen Jahren auf den weiblichen Nachwuchs aus den Kreisverbänden - oft vergeblich.

Röttgen hat in sein Wahlkampfteam eine Chefstrategin geholt: Ellen Demuth, 38 Jahre, was für die CDU sehr jung ist. Sie soll das Projekt "gesellschaftsfähige Vernetzung der CDU" leiten, junge Frauen gewinnen. Es ist an diesem Abend die beinahe einzige Situation in 90 Minuten, an denen so etwas wie Kontroverse aufkommt.

Kein sicherer Sieger

Merz sucht bekanntlich nach einer Generalsekretärin und Laschet hat Jens Spahn an seiner Seite. Der Gesundheitsminister tritt als sein Stellvertreter an. In der Partei erhoffen sich einige, dass er doch noch selber kandidiert. Dazu müsste sich Spahn aber entweder von Laschet lösen, was in der CDU als illoyal gelten könnte, oder eine Möglichkeit nutzen, die die digitale Wahl bietet: Zu kandidieren, wenn Laschet im digitalen Wahlgang unterliegen sollte und dann im zweiten Wahlgang kandidieren, der per Brief erfolgt.

Eine Hypothese, die im Triell zwischen Laschet, Röttgen und Merz nicht zur Sprache kommt. Sie zeigen sich alle drei selbstbewusst und siegesgewiss - obwohl keiner an diesem Abend wie der sichere Sieger aussieht.  

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 15. Dezember 2020 um 06:05 Uhr.