Ein Anti-Atomkraft-Aktivist seilt sich von einer Brücke ab | Bildquelle: dpa

Atommülltransport auf dem Neckar Wenig Protest gegen Castor-Schiff

Stand: 28.06.2017 16:18 Uhr

Mit dem Castor-Transport über den Neckar wurde erstmals Atommüll auf einem Binnengewässer in Deutschland verschifft. Atomgegner stoppten den Verband für kurze Zeit. Insgesamt war der Protest jedoch vergleichsweise gering.

Von Stefan Maier, SWR

Früh um 6.12 Uhr legt das Schiff legt mit der brisanten Fracht in Obrigheim am Neckar ab. Es wird begleitet von mehreren Booten der Wasserschutzpolizei und einem Helikopter. Aber es fährt in die falsche Richtung - flussabwärts Richtung Norden. Nach zehn Flusskilometern wird das Rätsel gelöst. Der Schubverband ist mehr als hundert Meter lang und muss wenden. Das geht nur an dieser Stelle. Nun geht es flussaufwärts Richtung Neckarwestheim im Süden. Das geschieht zunächst ohne Zwischenfälle.

Während des Manövers hat sich 40 Kilometer flussaufwärts in Heilbronn das "Bündnis Neckar castorfrei" zum Protest versammelt. Unter den Demonstranten ist die Atomkraft-Gegnerin Helga Eichinger. Sie ist extra aus Hannover angereist. "Ich habe schon oft in Gorleben auf den Schienen gesessen", sagt sie. "Es ist eine weite Strecke. Aber ich bin Rentner. Ich habe Zeit." Eichinger fragt, wer es denn sonst machen solle, wenn nicht sie. "Wir können nicht den giftigsten Müll der Welt produzieren und wissen nicht wohin."

Erster Atomtransport auf Fluss in Deutschland

Es ist eine Premiere. Zum ersten Mal werden Brennstäbe über ein deutsches Binnengewässer transportiert. Weil beide Atomkraftwerke, Obrigheim und Neckarwestheim am Neckar liegen, setzt die EnBW auf den Transport über den Fluss statt auf der Straße. Die Brennelemente liegen in drei Transportbehältern, den Castoren. Die sind auf jeweils einem Lkw gelagert und auf dem Schiff gut vertäut. Der Transport ging mit dem Lkw also direkt aufs Schiff.

Insgesamt liegen 50 Flusskilometer zwischen Start und Ziel auf dem Neckar. Von dort fahren die Lkw weiter ins Zwischenlager. Roll on / Roll off heißt das Verfahren. Es bringt der EnBW enorme Vorteile: Auf dem Wasser gibt es keine engen Ortsdurchfahrten, keine Störung des Verkehrs und wohl auch weniger Behinderungen durch Demonstranten.

Erster Atommüll-Transport per Schiff nach Necker-Westheim
tagesschau 15:00 Uhr, 28.06.2017, Jenni Rieger, SWR

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Sicherheit oder Risiko?

Die EnBW ist sich sicher, dass vom Transport keine Gefahr für Mensch und Umwelt ausgeht. Tests hätten ergeben, dass die Castor-Behälter auch unter extremen Bedingungen sicher seien; das Transportschiff - konstruiert mit Doppelhülle als Rumpf, mit getrennten Ladekammern und speziellem Lenzsystem - sei nahezu unsinkbar. Außerdem ist der Neckar im Schnitt nur 2,80 Meter tief. Ein Probelauf im Februar habe gezeigt, dass auch die sechs Schleusen auf der Strecke keine Probleme bringen.

Die Atomgegner sehen das anders. Allein vier Schleusenunfälle habe es ihnen zufolge seit 1. Juni auf der Strecke gegeben, und der Transport von atomarem Müll sei grundsätzlich gefährlich.

"Wenn das Risiko vermieden werden kann, muss man es vermeiden", sagt der Strahlenexperte Jörg Schmid von den IPPNW, den Internationalen Ärzten für die Verhütung des Atomkrieges. Im Fall Obrigheim wäre das ganz einfach, "wenn man dort ein Zwischenlager baut". Denn am wenigsten gefährlich sei Atommüll, wenn er nicht bewegt werde.

40 Zentimeter dick, vier Meter lang, 96 Tonnen schwer

Atommüll wird seit mehr als 20 Jahren transportiert. Zunächst wurden die abgebrannten Brennstäbe zur Wiederaufbereitung gebracht, seit der Novellierung des Atomgesetzes 2005 nur noch ins Zwischenlager. Die Castoren sind wahre Superdosen. Sie sind 40 Zentimeter dick, vier Meter lang und wiegen ohne Inhalt schon 96 Tonnen. Die Behälter müssen eine Hitze von 800 Grad aushalten können. Stürze aus neun Metern Höhe sowie der Druck in 200 Meter Wassertiefe dürfen ihnen nichts anhaben.

Trotzdem waren die Transporte von Anfang an umstritten. Die kleine Gemeinde Gorleben in Niedersachsen wurde zum Symbol des Widerstands. In den 90er-Jahren mussten bis zu 30.000 Polizisten gleichzeitig die Castoren vor Demonstranten schützen. Jahrelang wurden an den Behältern überhöhte Strahlenwerte gemessen. Experten kritisierten, dass die Castoren einem Terrorangriff nicht standhalten würden.

Noch immer kein Endlager

Mittlerweile stehen die meisten Castoren in Zwischenlagern. Dort müssen sie 20 bis 40 Jahre bleiben, bis ihr Inhalt soweit abgekühlt ist, dass sie in ein Endlager gebracht werden können. Die Zeit dürfte reichen, denn bis ein Standort für ein solches Endlager gefunden ist, wird es noch mehr als 40 Jahre dauern. Das jedenfalls sagt die Endlager-Kommission des Bundestages.

Die Inbetriebnahme sei frühestens im nächsten Jahrhundert möglich. Doch das sind alles nur Wimpernschläge im Vergleich zu den Halbwertszeiten des radioaktiven Abfalls. Plutonium 239 ist erst nach 24.000 Jahren zur Hälfte zerfallen. Es wird die Menschheit noch eine Weile beschäftigen.

Erster Atommüll-Transport per Schiff nach Necker-Westheim
tagesschau 15:00 Uhr, 28.06.2017, Jenni Rieger, SWR

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Diesmal wenig Widerstand

Trotzdem regt sich am Neckar diesmal wenig Widerstand. Schon vor dem Transport war die Gemeinde Neckarwestheim mit einem Antrag gegen die Verschiffung gescheitert. Im Eilverfahren wurde die Fahrt vom Verwaltungsgericht Berlin genehmigt. 

Vor Bad Wimpfen hatten sich am Mittag vier Robin-Wood-Aktivisten von einer Brücke abgeseilt und den Transport für eine Stunde gestoppt. Und in Heilbronn versammelte sich ein Grüppchen Demonstranten, höchstens hundert Leute, unter ihnen Helga Eichinger. "Es ist nicht Gorleben, es ist nicht das Wendland hier. Ich glaube hier müssen wir noch ein bisschen üben und die Leute noch ein bisschen aufrütteln“, sagt sie.

Eichinger wird dazu noch ein paar Mal Gelegenheit dazu haben. Denn für den Transport der 342 Brennstäbe ins Zwischenlager Neckarwestheim sind insgesamt fünf Fahrten geplant.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 28. Juni 2017 um 15:00 Uhr.

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