Der Erstsemesterstudent Jonas mit seiner "Patentante" Simone

tagesthemen mittendrin Corona-Krise auf dem Campus

Stand: 05.11.2020 11:23 Uhr

Online-Vorlesungen, keine Partys, keine Lerngruppen: Für Studierende hat ein weiteres Semester im Ausnahmezustand begonnen. Gerade kleine Unistädte kämpfen mit den sozialen und wirtschaftlichen Folgen.

Von Christian Kretschmer, SWR

Jonas Patrikalos beginnt einen neuen Lebensabschnitt im Lockdown. Der 20-Jährige ist vor wenigen Tagen aus der Nähe von Stuttgart nach Landau in die Pfalz gezogen, um hier Betriebspädagogik zu studieren. Aber seine Kommilitonen kennt er bislang kaum. Das Semester wird er größtenteils mit Online-Vorlesungen verbringen - Studentenleben light. "Das drückt schon auf die Motivation", meint Jonas. "Es fehlt die Energie, die man eigentlich zum Studienstart gehabt hätte. Und auch die Vorfreude ist gesunken."

Patenprogramm für Erstsemester

Um das ein wenig aufzufangen, hat sich der Landauer Studierendenausschuss ein "Patenprogramm" ausgedacht. Ältere Studierende kümmern sich dabei um die "Erstis" und zeigen ihnen den Campus. Jonas‘ Patin Simone Mangold führt ihn vorbei an Mensa, Hörsaalgebäuden und Bibliothek. Dabei muss sie meist den Konjunktiv benutzen, während sie mit dem Finger auf die Gebäude zeigt: Hier wäre normalerweise die Immatrikulationsfeier, hier wäre der Bereich für Lerngruppen, hier wären die Campus-Partys. "Eigentlich ist die Atmosphäre richtig familiär", sagt Simone, die vor zwei Jahren von Köln nach Landau gezogen ist, und der es in der kleinen Studentenstadt gut gefällt.

Auf etwa 48.000 Einwohner kommen hier 8500 Studierende. "In normalen Zeiten läuft man sich an der Uni ständig über den Weg", ergänzt Simone. Aber seit dem Frühjahr sei der Campus - für junge Menschen ein entscheidender Sozialraum - wie ausgestorben.

Herausforderung für ausländische Studierende

Besonders betroffen sind Studierende aus dem Ausland, denen das Ankommen in einem fremden Land nun schwerer fällt. Eine davon ist Raquel Capella, die Mitte Oktober von Rio de Janeiro in Brasilien nach Landau gezogen ist. Die ersten zwei Wochen in Deutschland hat die 24-Jährige in Quarantäne in ihrem Wohnheimzimmer verbracht. Und jetzt wird sie hier auch einen Großteil ihres Masterstudiums verbringen. Raquel deutet auf ihren kleinen Schreibtisch: "Das ist die Uni für mich", sagt sie.

Isoliert fühle sie sich nicht, dank Videotelefonaten mit Freunden und Familie zuhause und dank des Kontakts mit dem "Welcome Office" der Uni. "Die größte Herausforderung ist für mich, mein Studium allein zu organisieren", sagt sie. Und auch der kulturelle Austausch fehle ihr, beispielsweise der gemeinsame Besuch von Weinfesten, die in der Region beliebt sind. "Ich weiß auch, dass ich im Winter Heimweh bekommen werde", sagt Raquel. "Ich hoffe, es wird nicht so schlimm."

Raquel Capella, die Mitte Oktober von Rio de Janeiro in Brasilien nach Landau gezogen ist.
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Ausnahmejahr an der Uni: Raquel Capella zog im Oktober von Rio de Janeiro nach Landau

Zusätzliche Beratungsangebote

Dass die Corona-Beschränkungen für Studierende zur psychischen Belastungsprobe werden können, hat auch die Uni erkannt und ihr bestehendes Beratungsangebot ausgeweitet. So bietet das "Kompetenzzentrum für Studium und Beruf" etwa persönliche Coachings an, die auf die mentalen Herausforderungen durch die Corona-Krise eingehen.

Daneben gibt es Hilfestellungen per Chat und Videotelefonie, beispielsweise zur Selbstorganisation während des Studiums, aber auch zum Thema Studienabbruch. "Wir merken, dass hier der Beratungsbedarf zugenommen hat", sagt Irene Lamberz, Geschäftsführerin des Kompetenzzentrums. "Corona hat bestehende Zweifel bei den Studierenden noch einmal verstärkt."

Dozenten vor der Webcam

Nur so viel Präsenzlehre wie nötig, so viel digital wie möglich - auch für die Dozentinnen und Dozenten ist diese Vorgabe der Politik eine Herausforderung. Zum Beispiel für Professor Björn Risch, der an der Uni angehende Chemielehrer ausbildet. Praktischer Laborunterricht findet zwar noch vor Ort statt, kleine Experimente für den Schulunterricht zeigt er inzwischen aber auch schon mal vor der Webcam.

Inzwischen habe er sich daran gewöhnt, erzählt Dozent Risch, auch, wenn etwas auf der Strecke bleibe: "Das Feedback fehlt komplett." Die direkte Interaktion, das Diskutieren, der Applaus nach einer Vorlesung: Das vermisse er.

Finanzieller Verlust für Hochschul-Gastronomie

Die Abwesenheit der Studierenden trifft auch das Studierendenwerk, das in Landau Wohnheime, Bistro und Mensa betreibt. Bevor man das Mensagebäude betritt, bemerkt man die nagelneuen Tische und Bänke, umrandet von Bauzäunen und einem Plakat: "Corona - Sitzplätze gesperrt."

50.000 Euro hat das Studierendenwerk im Frühjahr für diesen neuen "Biergarten" gezahlt. "Das war schon eine Investition, die wir gewuppt haben", meint der Geschäftsführer des Studierendenwerks, Andreas Schülke. "Aber vorerst vergeblich." Vor allem in der Hochschul-Gastronomie seien die wirtschaftlichen Folgen bereits drastisch, sagt Schülke. "Wir haben seit März einen Umsatzrückgang von 90 Prozent. Das drückt natürlich auf die Schuhe."

Keine 100 Essen in der Mensa

Auch andere Zahlen machen das deutlich: Während vor einem Jahr noch rund 1200 Essen über die Theke der Mensa gingen, sind es heute nicht einmal 100 - und auch die werden nicht immer verkauft. Deswegen musste seit der Pandemie die Hälfte des Gastronomiepersonals gehen: 50 Menschen, die nun in der Krise woanders einen Job suchen. Für Studienanfänger Jonas ist der Rundgang auf dem Campus nach rund einer Stunde zu Ende. Die Uni gefalle ihm gut, zieht er sein Fazit, "auch wenn es natürlich schade ist, zu sehen, was alles derzeit nicht möglich ist. Irgendwie bereitet einem das Sorgen."

Bevor Jonas wieder in sein Wohnheimzimmer zurück geht, gibt es noch eine letzte Station auf der Tour: Es ist die Campus-Kultkneipe, die zurzeit verriegelt bleibt. Ihr Name dürfte gut in sein Stimmungsbild passen - sie heißt "Fatal".

Über dieses Thema berichten die tagesthemen am 05. November 2020 um 22:30 Uhr.

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